Bilanz der Nationalmannschaft Alles bleibt anders

Trotz des WM-Titels kündigt Bundestrainer Joachim Löw für 2015 deutliche Veränderungen an. Denn das Weltmeister-Jahr hat nicht nur Gewinner hervorgebracht. Eine Bestandsaufnahme - und ein Ausblick.

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Aus Vigo berichten und


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Das Motto für das kommende Jahr hat dem Bundestrainer einer seiner Schlüsselspieler mundgerecht serviert. "Stillstand ist Rückschritt", sagte Toni Kroos vor dem letzten Spiel des Jahres gegen Spanien. Es sei klar, dass "einzelne Positionen in der Mannschaft anders besetzt werden müssen als bei der WM".

Besser hätte Joachim Löw das auch nicht ausdrücken können. Die deutsche Fußballnationalmannschaft 2015 soll anders aussehen als diejenige, die in diesem Jahr den größten Titel im Weltfußball gewonnen hat, dazu scheint der Bundestrainer nach den zuletzt mageren Vorstellungen seiner Elf fest entschlossen. Veränderung - das ist das Wort, das Löw in diesen Tagen am häufigsten in den Mund genommen hat. Und es gilt taktisch wie personell.

Mit welchen Spielern wird der Bundestrainer das nächste Jahr angehen? Auf wen wird er setzen, auf wen möglicherweise verzichten?

Tor

Über Manuel Neuer muss hier nicht geredet werden. Bei dem Bayern-Keeper geht es offenbar ja nur noch um die Frage, ob er Weltfußballer wird oder nicht. Roman Weidenfeller und Ron-Robert Zieler sind die treuen "Bankhalter" hinter ihm. Es gibt genug gute Torhüter in Deutschland, aber nirgends ist der Wille nach Veränderung im Trainerstab so gering ausgeprägt wie in der Torwartfrage. Das ist einfach Pech für die ter Stegens, Lenos und Horns im Torwartland Deutschland. Alles wird so bleiben.

Abwehr

Die Abwehr war vor und während der WM das vielleicht einzig wirklich kontrovers diskutierte Thema in und außerhalb der Nationalelf. Jeder hatte eine Meinung dazu, ob Philipp Lahm einer der besten Sechser oder doch einer der besten Außenverteidiger der Welt ist. Für seine Teamkollegen war der Fall klar: Sie wollten mit dem Linksverteidiger Lahm spielen - weil sie wussten, dass es auf dieser Position nicht annähernd adäquaten Ersatz gab. Jetzt ist Lahm nicht mehr da, der 30-Jährige trat nach dem Turnier ab.

Löw verlor damit nicht nur seinen Kapitän und ersten Ansprechpartner. Er verlor auch die Stabilität in der Abwehr. Spieler für die Außenverteidigerpositionen zu finden, ist die kniffligste Aufgabe, die der Bundestrainer in den kommenden Monaten zu bewältigen hat. Die fünf bisherigen Post-WM-Länderspiele haben dies deutlich aufgezeigt: Gegen Argentinien (2:4) versuchte es Löw mit den Dortmundern Kevin Großkreutz und Erik Durm, sie waren der Aufgabe nicht gewachsen. Zwar waren beide auch in Brasilien dabei, doch gemeinsam mit ihrem neuen Teamkollegen Matthias Ginter blieben sie als einzige Feldspieler ohne Einsatz.

Löw weiß, dass er nicht viele Alternativen hat. Gerade Erik Durm hat er mehrfach starkgeredet und um Geduld geworben. Gegen Polen ließ der Bundestrainer Antonio Rüdiger zum ersten Mal von Beginn an spielen: Der Stuttgarter ist robust und zweikampfstark, es fehlt ihm aber (noch) an Geschick und technischer Finesse.

Auch Shkodran Mustafi und der Kölner Jonas Hector, den Löw im EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar das erste Mal in den Kader berief, bleiben als Optionen erhalten. Mustafis Entwicklung beim FC Valencia weckt Hoffnungen. Der Schalker Benedikt Höwedes war Stammspieler bei der WM. Eine Garantie für die Zukunft ist das für den Routinier aber nicht.

Umso beruhigender dürfte es für Löw sein, dass ihm mit Jérôme Boateng in der Abwehrzentrale mittlerweile ein starker und zuverlässiger Mann zur Verfügung steht, einer, der zu einem Weltklassespieler geworden ist. Mit ihm und auch dem derzeit verletzten Mats Hummels hat Löw in der Mitte sichere Anker. Mit dem größten Pechvogel im deutschen Fußball, Holger Badstuber, kann auch noch gerechnet werden. Der Rücktritt von Per Mertesacker fällt hier nicht wirklich ins Gewicht.

Defensives Mittelfeld

Mit Toni Kroos und Sami Khedira leistet Real Madrid seinen Beitrag, dem Deutschen Fußball-Bund die Mittelfelddefensive zu stellen. Wie sehr der Bundestrainer auf Khedira hofft, hat das WM-Jahr gezeigt. Obwohl der Mittelfeldspieler fast das gesamte erste Halbjahr ohne Pflichtspiel war, hat Löw nie einen Zweifel gelassen, dass Khedira zur WM mitfahren wird. Verletzungsanfällig ist der 27-Jährige allerdings auch nach der Weltmeisterschaft geblieben.

Das gilt umso mehr für den Kapitän. Bastian Schweinsteiger hat seit der Weltmeisterschaft kein Fußballspiel bestritten. Möglicherweise feiert er noch vor der Winterpause sein Comeback. Allein durch die Vergabe der Kapitänsbinde an den Münchner hat sich Löw festgelegt, Schweinsteiger weiterhin fest einzuplanen. Seinen Wert hat er in der Endphase der WM unter Beweis gestellt. Der 108-fache Nationalspieler ist so oft nach Verletzungen zurückgekommen. Trotzdem hat man von Jahr zu Jahr das Gefühl, dass es bei dem 30-Jährigen länger dauert, bis er wieder da ist, wo er hinwill.

Als Alternative hat sich 2014 Christoph Kramer angeboten. In der Öffentlichkeit wirkt der junge Gladbacher zuweilen ungebremst, auf dem Platz aber eben auch. Ein selbstbewusster Spieler, der reif scheint für größere Aufgaben. Löw ist jedenfalls beeindruckt von seiner Laufbereitschaft, der Bundestrainer traut ihm viel zu. Sonst hätte er einen Spieler, der bis dahin drei Länderspiele aufwies, nicht für die Startelf eines WM-Endspiels nominiert.

Offensives Mittelfeld

Hier hat Löw immer noch die meisten Alternativen. Und dennoch war es genau dieser Mannschaftsteil, der zuletzt am meisten Sorgen bereitet hat. Marco Reus, Mesut Özil, André Schürrle, Lukas Podolski - aus unterschiedlichen Gründen war die Nach-WM-Zeit nicht ihre Zeit. Für Podolski beginnt nach 121 Länderspielen die DFB-Dämmerung, womöglich ist er schon mittendrin. Obwohl man sich gar nicht vorstellen kann, dass Löw ihn mal nicht für ein Länderspiel nominiert, wird genau das 2015 passieren, wenn sich an der Situation des Arsenal-Spielers nichts ändert.

Reus, Schürrle, Özil - sie wird man 2015 wiedersehen. Sie gehören zu Löws Stammpersonal, und gerade bei Özil wird er viel Geduld an den Tag legen. Andere werden es schwer haben, in diese Phalanx einzubrechen. Vor allem, weil Karim Bellarabi ebenfalls schon auf gutem Weg in den Stammkader ist. Der Gladbacher André Hahn könnte das auch schaffen. Zumindest hatte Löw ihn vor der WM schon auf dem Zettel.

Angriff

Den klassischen Angreifer gibt es laut Löw nicht mehr - und trotzdem haben die letzten Spiele gezeigt, dass man auch Stürmer braucht, wenn sie gar nicht mehr so heißen. Thomas Müller ist in der Nationalmannschaft nach dem Rücktritt von Miroslav Klose mehr und mehr in die Rolle eines Mittelstürmers gewachsen. Mario Götze orientiert sich auch immer mehr nach vorn. Ohne die beiden sähe es im deutschen Angriff mau aus.

Daran ändert auch der Hoffenheimer Kevin Volland wenig, der gegen Spanien von Anfang an seine Chance bekam, aber nicht nutzte. Der Gladbacher Max Kruse hat nach seiner schwachen Vorstellung gegen Gibraltar viel Kredit beim Bundestrainer verspielt. Er wird froh sein, überhaupt noch einmal nominiert zu werden.

Und dann gibt es ja noch Mario Gómez, fast schon vergessen. Der Stürmer des AC Florenz hat so unglaublich viel Verletzungspech gehabt, der Bundestrainer hat ihn um seine WM-Chance gebracht, als es gegen Argentinien nach der Weltmeisterschaft ging, wurde er vom Publikum gnadenlos niedergepfiffen. Ein fitter Gómez hätte wahrscheinlich in jeder Nationalmannschaft der Welt seinen Platz, nur nicht in der deutschen. Und das könnte 2015 auch so bleiben.

insgesamt 11 Beiträge
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fast_weise 19.11.2014
1. ich
bin froh, dass man Kruse endlich einmal realistisch einschätzt, da sehe ich bei seinem Gladbach-Kollegen Hahn schon mehr Potenzial und Kramer klar, der wird was. Vermisst habe ich die Benders in der Analyse. DM und AV sind definitive auch für sie Positionen. Rüdiger, Hector oder Volland, vielleicht, wenn sie dann mal bei Spitzenklubs spielen, beim VfB, Hoffenheim und Köln ist irgendwann Entwicklungsschluss. Regelmäßige CL-Teilnahm steht jedem Nationalspieler gut zu Gesicht, deshalb würde ich Großkreutz auch noch nicht abschreiben, auch wenn er nicht der Hellste ist, aber hey , das sind Fußballer, man schaue sich die 90er Weltmeister dahingehend an...
Noctim 19.11.2014
2. Özil Totalausfall
Sorry, aber bei der WM war es eindeutig Mesut Özil, der die deutsche Mannschaft am meisten destabilisiert hat. Gerade in den letzten Turnierspielen hatte sein Misserfolg nichts mehr mit Pech zu tun, sondern viel eher mit Leistungsverweigerung. Keinen Pass zu Ende gedacht, Bälle verloren, zu langsam (wenn überhaupt) reagiert und dabei immer eine Fresse gezogen. Leider hat er bei Löw ein Stein im Brett.
charly2708 19.11.2014
3. Außenverteidiger...
... da würde ich noch den Gladbacher Tony Jantschke ins Spiel bringen.
CaptainSubtext 19.11.2014
4.
Zitat von NoctimSorry, aber bei der WM war es eindeutig Mesut Özil, der die deutsche Mannschaft am meisten destabilisiert hat. Gerade in den letzten Turnierspielen hatte sein Misserfolg nichts mehr mit Pech zu tun, sondern viel eher mit Leistungsverweigerung. Keinen Pass zu Ende gedacht, Bälle verloren, zu langsam (wenn überhaupt) reagiert und dabei immer eine Fresse gezogen. Leider hat er bei Löw ein Stein im Brett.
Na da könne wir aber von Glück reden, dass 10 Deutsche (11 minus Özil) stärker waren als alle andere Mannschaften.
alzaimar 19.11.2014
5. Gottseindank war Özil dabei.
Herr Noctim, ich weiß nicht, welche Sportart Sie sich angeschaut haben, aber Özil hat dermaßen gut gespielt, war immer anspielbar, hat die Bälle geschickt verteilt, herausragend. Wenn Özil das Spiel so sehr 'destabilisiert' hätte, wie Sie sagen, wie kann dann die Mannschaft Weltmeister werden? Ach ja, reines Glück. Und Herr Löw ist so inkompetent, das er den großen Destabilisator gar nicht bemerkt hat. Was für ein dämliches Stammtischgeschwätz.
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