Matchwinner Ilkay Gündogan gegen Estland Antwort mit den Füßen

Sollte das Liken eines Fotos von salutierenden türkischen Spielern für Soldaten in Nordsyrien ein zweites Erdogan-Gate für Ilkay Gündogan werden? Beim 3:0 gegen Estland ließ er mit zwei Toren Taten sprechen.

Ilkay Gündogan erzielte gegen Estland zwei Tore und bereitete einen weiteren Treffer vor
Martin Rose / Getty Images

Ilkay Gündogan erzielte gegen Estland zwei Tore und bereitete einen weiteren Treffer vor

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Szene des Spiels: 14. Minute. Die EM-Qualifikationspartie der deutschen Nationalelf in Estland bekam eine Wendung, und für Emre Can war der Tag endgültig gelaufen. Vor dem Spiel hatte für Furore gesorgt, dass der Juve-Profi sein und Nationalelfkollege Ilkay Gündogan ein Foto eines befreundeten türkischen Spielers bei Instagram gelikt hatten, auf dem dieser nach einem Tor den türkischen Soldaten im international kritisierten Militäreinsatz in Nordsyrien salutiert.

Emre Can sah schon nach 14 Minuten die Rote Karte
Martin Rose / Getty Images

Emre Can sah schon nach 14 Minuten die Rote Karte

Gegen Estland half Can wieder als Innenverteidiger aus und verschätzte sich so vor dem eigenen Strafraum, dass er den heranstürmenden Frank Liivak foulte. Dafür sah Can die früheste Rote Karte der deutschen Länderspielgeschichte. Ein Tag wie ein Griff ins Pissoir für Can.

Das Ergebnis: Trotz 76 Minuten Unterzahl siegte die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw dank einer deutlich verbesserten zweiten Hälfte 3:0 (0:0). Weil Gündogan die Geschichte wirklich rund machte: Aber nicht, in dem er auch vom Platz flog, sondern weil er doppelt traf (52. und 57. Minute) und das 3:0 von Timo Werner zudem vorbereitete (71.). Lesen Sie hier den Spielbericht.

Was bedeutet das jetzt? Deutschland liegt nun in der EM-Qualifikationsgruppe C zwei Spiele vor Schluss mit 15 Punkten auf Rang zwei. Das DFB-Team ist zwar punktgleich mit Spitzenreiter Holland. Weil aber der direkte Vergleich mit dem 2:4 im September verloren ging, wären die Niederländer bei gleicher Zählerzahl am Ende vorn. Nordirland liegt mit zwölf Punkten auf Platz drei und müsste im Rückspiel gegen Deutschland ein 0:2 vom Hinspiel aufholen und mindestens 3:0 gewinnen, weil das deutsche Team das bessere Torverhältnis hat. Dies zählt, wenn zwei Teams punktgleich sind und der direkte Vergleich ausgeglichen ist. Deutschland ist der EM im nächsten Sommer also deutlich nähergekommen. Die ersten beiden in der Gruppe qualifizieren sich.

Erste Hälfte: Beim 8:0 im Hinspiel im Juni hatte es nach 26 Minuten bereits 4:0 für die deutsche Elf gestanden. Im Rückspiel tat sich die DFB-Auswahl zu zehnt zunächst schwer. Estland, ein Leichtgewicht im internationalen Fußball, hatte durch Karol Mets (18.) und Konstantin Vassiljiev (30.) gute Chancen zur Führung. Die beste Gelegenheit in den ersten 45 Minuten aber hatte Marco Reus. Sein Freistoß aus 25 Metern flog ans Lattenkreuz (40.).

Zweite Hälfte: Schon beim 8:0 im Hinspiel war Gündogan der beste deutsche Spieler, als er mehrere Treffer einleitete und selbst vom Elfmeterpunkt traf. Nun erzielte er zwei Tore mit abgefälschten Schüssen: Beim 1:0 touchierte der Ball noch Reus (52.). Danach schlug sich Gündogan mit der Hand auf die Brust, dorthin, wo das Logo des DFB prangt. Seinen Schuss zum 2:0 fälschte Mets ab (57.). Das 3:0 des eingewechselten Werner brachte Gündogan mit einem langen Pass auf den Weg (71.). Es war ein Tag, der wie eine kalte Dusche für den 28-Jährigen begann und wie ein warmes Schaumbad endete. Dass es Gündogans Spiel war, zeigt auch folgende Zahl:

Erdogan-Gate 2.0? Für Gündogan war das Liken des Salut-Fotos für die Truppen des türkischen Machthabers Recep Tayyip Erdogan wie die Rückkehr eines der dunkelsten Kapitel seiner Karriere. Vor der WM 2018 hatten er und Mesut Özil sich mit Erdogan fotografieren lassen, was den deutschen Fußball in Brand setzte und eine Debatte über Rassismus und Integration in Deutschland auslöste. Der Springer-Verlag nahm die neuerliche Geschichte nun zum Anlass, Gündogan einen "Opportunisten" zu nennen ("Welt") und ihm vorzuwerfen, er habe "nichts gelernt" ("Bild"). Gündogan sagte nach dem Spiel: "Das war kein politische Statement. Emre und ich sind beide gegen Krieg und jeglichen Terror. Das war einfach nur eine Unterstützung für einen Freund." Schon auf dem Platz hatte er eine Antwort mit den Füßen gegeben.

Estland - Deutschland 0:3 (0:0)
0:1 Gündogan (51.)
0:2 Gündogan (57.)
0:3 Werner (71.)
Estland: Lepmets - Baranov, Tamm, Mets, Pikk - Antonov - Kams, Ainsalu, Vassiljev (61. Käit), Liivak (77. Ojamaa) - Sappinen (56. Zenjov)
Deutschland: Neuer - Klostermann, Can, Süle, Halstenberg - Havertz, Kimmich, Gündogan - Brandt (86. Amiri), Waldschmidt (66. Werner), Reus (76. Serdar)
Schiedsrichter: Kabakov (Bulgarien)
Gelbe Karten: Lepmets, Baranov
Rote Karte: Can
Zuschauer: 12.062



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
christianwitten 13.10.2019
1. Unterstützung für einen Freund?
Das liken eines Fotos mit Soldaten einer Türkei unter Erdogan mit völkerrechtswiedrigem Angriffskrieg auf das Staatsgebiet eines souveränen Staates gilt der Unterstützung welchen Freundes? In Deutschland sozialisiert mit Bildung Abitur und Einkommen in Millionenhöhe, Unterstützung von so etwas? Positionieren Sie sich neu, Herr Gündogan!
ntfl 14.10.2019
2. Glaubhaft wäre Gündogan doch nur,
wenn er seine pazifistische Einstellung mit einem Tweed gegen diesen Einmarsch der Türkei belegen würde, aber das wird nicht geschehen. So viel Naivität, wie er glauben machen will, kann nicht einmal ein Fussballer besitzen und daran ändern auch die zwei Tore nichts.
nochmehrsenfdazu 14.10.2019
3. Prioritäten und Moral
Gündogan hat die Nationalhymne mitgesungen. Damit sollte die Sache erledigt sein.... Grundsätzlich bei moralischen und anderen Verfehlungen aber werden vom Deutschen Fussballbund und von den Vereinen kein benötigter(!) Spieler ausgeschlossen. Und "fanatische" Zuschauer braucht man für die Stimmung: Man zahlt also lieber zehntausende Euros Strafe für den Einsatz von Pyrotechnik anstatt das Geld für Sicherheit gewährleistende Einlasskontrollen auszugeben.
keyjay 14.10.2019
4. Ich kann ...
... die moralische Scheiße einfach nicht mehr hören. Gündogan hat den Sachverhalt im Nachhinein in einem Post richtiggestellt. Und damit sollte es gut sein.
briancornway 14.10.2019
5. Holschuld
Zitat von ntflwenn er seine pazifistische Einstellung mit einem Tweed gegen diesen Einmarsch der Türkei belegen würde, aber das wird nicht geschehen. So viel Naivität, wie er glauben machen will, kann nicht einmal ein Fussballer besitzen und daran ändern auch die zwei Tore nichts.
Ich würde ihn auch gerne mal im Tweed sehen, aber auch dann wird er in nächster Zeit keine politischen Statements abgeben. Wir können im Netz taglich liken, was wir wollen. Ein Promi gerät schnell zur Zielscheibe der völkischen Influencer, wenn er das Jubeln seines Kollegen spontan begrüßt. "Affaire" erledigt.
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