Fußball-Nationalmannschaft Kicker auf dem Zahnfleisch

Castingfinale in Kaiserslautern: Der EM-Test gegen Weißrussland wird zur letzten Chance für die Wackelkandidaten im DFB-Team. Der Gegner will sich freundlicherweise in den Zweikämpfen zurückhalten. Bundestrainer Löw hat aber andere Sorgen.

Aus Palma de Mallorca berichtet


Es gibt einen neuen Wackelkandidaten in der deutschen Nationalmannschaft. Es ist einer, dessen Platz im EM-Kader bisher so sicher schien wie der Name des Eröffnungsgegners (Polen) oder die Anzahl von Marko Marins A-Länderspielen (null). Der neue Wackelkandidat heißt Joachim Löw, womöglich ist ein Zahn ein weiterer, DFB-Mediendirektor Harald Stenger berichtete jedenfalls von Zahnschmerzen und begleitender Artikulationsschwäche, die den Bundestrainer befallen hätten und schlecht schlafen ließen.

Löw ließ sich also kurzfristig entschuldigen, Assistent Hans Flick hatte Termine, Torwarttrainer Andreas Köpke wegen der Causa Hildebrand ein Schweigegelübde abgelegt - so wurde Stenger zu Löw, was zu der amüsanten Konstellation führte, dass ein gelernter Journalist den Kollegen die Personalien vor dem Testländerspiel gegen Weißrussland (17.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) erklärte.

Sechs Spieler aus dem erweiterten Kader reisten nicht nach Kaiserslautern, sondern blieben auf Mallorca. Dafür ist der Kapitän Michael Ballack ("Ich freue mich, wieder dabei zu sein") einsatzfähig, der am Montagabend zum Team stieß. Dieses verließ der Bundestrainer am Abend nach dem Training, um sich in zahnärztliche Behandlung zu begeben. Löws Einsatz während der EM ist nicht gefährdet, im Zweifel würde man bei den Technik-Freaks des DFB sicher irgendwo ein mobiles Lazarett einrichten, um die Zähne des Bundestrainers unter Kontrolle zu halten. Im Zweifel müsste man halt einen streichen, also ziehen.

Die um ihren Platz kämpfenden Streichkandidaten im Kader können den Bundestrainer gegen Weißrussland auch auf dem Platz überzeugen. Es zeichnet sich ab, dass sich Löw und Flick gegen die Variante entschieden haben, die erste Mannschaft den Großteil des Tests absolvieren zu lassen. "Die Trainer wollen das Wechselkontingent ausschöpfen", sagte Medientrainer Stenger.

Sechs Spieler könnten so zusätzlich zum Einsatz kommen und die Eindrücke aus dem Training entweder bestätigen oder widerlegen. Fest steht: Alle 20 Spieler fliegen noch am Abend zurück nach Palma, um dort am nächsten Tag zu erfahren, welche drei von ihnen wieder zurückfliegen müssen - endgültig. Um 13 Uhr am Mittwoch wird der DFB die Entscheidung der Trainer offiziell verkünden.

Als Assessment Center im knapp einwöchigen Bewerbungsverfahren dient nun das Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern. Und die Chancen, dass Marko Marin oder Patrick Helmes sich dort ansprechend präsentieren, dürfte zumindest am Gegner nicht scheitern. Weißrussland, Nummer 60 der Weltrangliste, hat angekündigt, sich in den Zweikämpfen zurückzuhalten. "Wir wollen keinen umhauen oder verletzen, sondern fairen Fußball spielen", sagte Trainer Bernd Stange. Leicht machen will er es seinen Landsleuten aber auch nicht. "Die Deutschen verpflichten schon traditionell vor großen Turnieren leichte Gegner, um viele Tore zu schießen. Das wollen wir vereiteln."

Stange setzt auf Hleb

Für Stange, 60, der auch schon als Trainer in Oman, Australien, auf Zypern oder im Irak gearbeitet hat und zwischen 1983 und 1988 Nationalcoach der DDR war, ist die Partie gegen "die BRD" (Stange) die Rückkehr ins Bewusstsein der Deutschen. Er, der mal Trainer und Sportdirektor bei Hertha BSC war, gilt heute als Mann für die exotischen Aufgaben. Als er seine Tätigkeit im Irak trotz des Krieges fortsetzte, brachte ihm das vom Weltverband Fifa den Presidential Award ein, hierzulande erntete Stange dafür unverständiges Kopfschütteln. Auch, dass er sich grundsätzlich nicht über politische Verhältnisse in den Diktaturen Irak oder Weißrussland äußern wollte und will ("Mich interessiert nur der Fußball") wird ihm nicht positiv ausgelegt. Stange, dem Sturkopf, ist das ganz sicher egal.

Seit Juli 2007 arbeitet er in Weißrussland, er gewann in der EM-Qualifikation gegen die Niederlande (2:1) und in Albanien (4:2), holte im Test ein 2:2 gegen die Türkei, aber am Ende reicht es nicht, sich erstmals für ein großes Turnier zu qualifizieren. Das liegt auch daran, dass die Organisation in der weißrussischen Nachwuchsarbeit katastrophal ist, es nicht mal Junioren-Nationalmannschaften gibt - und im Team lediglich einen Spieler mit internationaler Klasse. Regisseur Aliaksandr Hleb vom FC Arsenal wird nicht nur von seinem Trainer eine Ausnahmestellung bescheinigt, auch Christoph Metzelder nennt den ehemaligen Stuttgarter die "überragende Figur, der uns bestimmt Probleme machen wird". Hleb hat sich gegen Deutschland wie sein Trainer ein Unentschieden zum Ziel gesetzt, mindestens: "Ein 1:1 oder 2:1 wäre ein gutes Ergebnis für uns".

Zum Vorteil für die Gäste könnte der körperliche Zustand der Deutschen nach dem Trainingslager werden. Die DFB-Kicker gehen, bildlich gesehen, auf dem Zahnfleisch. "Wir sind müde, haben viel an der Spritzigkeit gearbeitet und sind intensiv gelaufen", sagte Miroslav Klose. Den Stürmer hatte Mediendirektor Stenger aufs Podium gesetzt, weil der Spielort gegen Weißrussland ein ganz besonderer für ihn ist. Der Auftritt wird zur Rückkehr Klose zum 1. FC Kaiserslautern, für den er seine Sympathie zuletzt fast täglich bekundet hatte. Danach müssen sich die Pfälzer wieder einige Jahre gedulden. Für den FCK will der Stürmer erst am Ende seiner Karriere wieder auflaufen.



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