DFB-Nationalmannschaft Können die Deutschen tatsächlich Weltmeister werden?

Die deutsche Nationalmannschaft hat Fortschritte gemacht unter Hansi Flick, sie kann wieder international mithalten. Reicht das – fünf Monate vor der WM – für den Titel?
An Entschlossenheit mangelt es Thomas Müller schon mal nicht

An Entschlossenheit mangelt es Thomas Müller schon mal nicht

Foto: Martin Meissner / AP

Manuel Neuer ist schuld, dass in diesen Tagen rund um die Nationalmannschaft viel von einer Rakete gesprochen wurde. Für die Partie gegen Italien hatte der Torwart davon gesprochen, man wolle noch einmal »eine Rakete zünden«, und so etwas wird dann von Journalistinnen und Journalisten mit Freude aufgegriffen.

Das anschließende 5:2 über die Italiener in Mönchengladbach war tatsächlich mehr als nur ein Tischfeuerwerk, aber um im Bild zu bleiben: Gut fünf Monate vor dem Beginn der WM in Katar steht die Rakete Nationalmannschaft noch auf der Startrampe. Das Bodenpersonal hat zuletzt viel für ihren guten Flug getan. Aber ob sie abheben wird, das ist eine Frage, die nach diesen vier Nations-League-Partien vom Juni genauso schwer zu beantworten ist wie vorher.

Der Sieg über Italien wurde allenthalben als Mutmacher interpretiert. Endlich mal wurden die Chancen auch verwertet, zeigte sich die Offensive effektiv, fünf Tore hat man noch nie gegen Italien erzielt. Der Bundestrainer sprach davon, dass man jetzt »mit einem Supergefühl« in die Sommerpause gehen könne.

Das Italien-Spiel war gutes Timing

Das Timing war zumindest richtig, der Erfolg über die Azzurri kam zur rechten Zeit, hat einiges von dem überdeckt, was vorher nicht so optimal gelaufen ist. Man werde bei den nächsten Spielen im September »noch an einigen Stellschrauben drehen müssen«, und das ist, wie Hansi Flick eben so ist, zurückhaltend formuliert.

Flick und Timo Werner in inniger Umarmung

Flick und Timo Werner in inniger Umarmung

Foto: INA FASSBENDER / AFP

Zu beurteilen, was die drei Unentschieden und der eine Sieg gegen die Gegner Italien, England und Ungarn wert sind, hängt in hohem Maße davon ab, wie man die Ansprüche an diese Mannschaft anlegt. Aus dem Team selbst kommen seit Wochen selbstbewusste Töne. Manuel Neuer hat das Ziel WM-Titel ausgegeben, bislang hat ihm kein anderer Spieler dabei widersprochen. Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff hat immer wieder betont, dass man sich in der Weltspitze sieht.

Wenn man diese Messlatte anlegt, dann fällt die Bilanz eher verhalten aus. Trotz der fünf Tore gegen Italien braucht es viel Fantasie, sich einen Sturm mit Timo Werner und Leroy Sané als titelreif vorzustellen. Und Neuer musste in der Abwehr in diesen vier Spielen immer wieder Kopf und Kragen riskieren, um Tore zu verhindern. Er tat dies mit der ihm eigenen Bravour.

Man muss sich auf Neuer verlassen

Sich auf einen Torwart verlassen zu können, auch wenn er mittlerweile 36 ist, gibt ein beruhigendes Gefühl. Aber die Spiele zeigten eben auch, dass man sich auf den Torwart verlassen muss.

Diese Mannschaft ist eine Ansammlung von hochbegabten Spielern: Kai Havertz und Serge Gnabry sind mit allen Qualitäten ausgestattete Offensivspieler, auch wenn sie noch zu sehr von ihrer Tagesform abhängen. Flick hofft zudem immer noch auf die Rückkehr des schwer verletzten Florian Wirtz, des wahrscheinlich größten Talents, das der deutsche Fußball derzeit hat.

Aber in allen Partien, selbst in der so gut anzuschauenden Gala von Mönchengladbach, gab es Momente, in denen der gesamte Ertrag auf dem Spiel steht – es gibt sie noch nicht, die Partien, bei denen man nach zehn Minuten das Gefühl hat: Okay, dieses Spiel kann das Team gar nicht verlieren. Es ist genau die Selbstsicherheit, die die Löw-Elf 2014 durch das Turnier getragen hat. Und die Löw in den Jahren danach verspielte.

Auch Klostermann als Gewinner

İlkay Gündoğan, Jonas Hofmann, David Raum – sie haben sich in diesen zwei Nations-League-Wochen in den Vordergrund gespielt. Wenn man so will, darf man auch den Leipziger Lukas Klostermann dazu zählen, dessen Hauptmerkmal seine Unauffälligkeit ist. Über Klostermann schreibt so gut wie niemand, aber er hat seine Defensivaufgaben in den Spielen gegen England und Italien äußerst solide erfüllt. In der Weltmeisterelf von 2014 erfüllte Benedikt Höwedes diesen Part. Klostermann kann Flicks Höwedes werden.

Der unauffällige Lukas Klostermann

Der unauffällige Lukas Klostermann

Foto: Federico Gambarini / dpa

Wo die Gewinner sind, gibt es auch Verlierer, das ist im Fußball immanent. Der Neu-Dortmunder Nico Schlotterbeck hat sich schwergetan, die Erwartungen an ihn waren allerdings auch sehr hoch. Er hat mit seinen Leistungen in der Bundesliga selbst dafür gesorgt, aber sich damit wohl auch selbst zu sehr unter Druck gesetzt.

Leroy Sané war gegen Italien sehr eifrig, man merkte ihm an, wie viel er gutmachen wollte, aber ihm misslang immer noch zu viel. Außenverteidiger Thilo Kehrer, bisher unter Flick gesetzt, hat in diesen vier Spielen seine Unverzichtbarkeit eingebüßt. Leon Goretzka konnte seine Anwartschaft auf den Platz neben Kimmich nicht untermauern. Karim Adeyemi war zweimal gar nicht im Kader und bekam ansonsten nur Kurzauftritte.

Die Achse steht

So langsam schärft sich das Bild, auf wen Flick setzt und auf wen nicht. Neuer im Tor, das ist klar, Antonio Rüdiger, der immer souveräner wirkende Innenverteidiger, Joshua Kimmich auf der Sechs, Thomas Müller davor, das sind die vier Spieler, die sich die wenigsten Gedanken machen müssen, ob sie aufgestellt werden oder nicht. Niklas Süle hat als Rüdigers Nebenmann Pluspunkte gesammelt, man darf nach aktuellem Stand davon ausgehen, dass er Flicks zweiter Innenverteidiger sein wird.

Die Nationalmannschaft hat nach einem ungeschlagenen Jahr unter ihrem neuen Bundestrainer ihre Schritte nach vorn gemacht, sie hat sich mit dem deutschen Publikum versöhnt, das ist auch nicht geringzuschätzen.

Die Mannschaft ist international wieder satisfaktionsfähig. Eine Kandidatin für den WM-Titel ist sie noch nicht. Niemand sollte das von ihr erwarten.

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