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19. März 2019, 20:28 Uhr

Fußballnationalmannschaft

Generation Zukunft

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Die Hälfte des Kaders von Bundestrainer Joachim Löw stammt aus den Jahrgängen 1995/1996. Sie soll den Umbruch in der Nationalelf gestalten.

Wenn man wissen will, wie der deutsche Fußball in den kommenden Jahren dastehen wird, muss man nach Wolfsburg fahren.

Im Juni 2003, als die Nationalmannschaft dort zuletzt ein Länderspiel bestritt (ein 4:1 gegen Kanada), liefen unter anderem folgende Spieler auf: Es verteidigte Tobias Rau, der dann mit 27 entschied, Biolehrer werden zu wollen. Es stürmte Benjamin Lauth. Und als es darum ging, noch einmal frische Kräfte einzuwechseln, kam der Bochumer Paul Freier.

Man konnte damals schon erahnen, dass es nicht allzu gut stand um den deutschen Fußball.

Ein Jahr später schied die Nationalelf bei der EM in Portugal blamabel in der Vorrunde aus. Man sprach danach von einem "Nullpunkt".

"Ich trage dieses Risiko"

Fast 16 Jahre später hat es die Nationalmannschaft mal wieder nach Wolfsburg verschlagen. Am Mittwoch empfängt das Team von Bundestrainer Joachim Löw dort Serbien zum Testspiel (20.45 Uhr/ TV: RTL, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Von einem "Nullpunkt" und der "Alarmstufe Rot" sprechen jetzt wieder manche Experten, nachdem die WM 2018 ebenso blamabel endete wie einst die EM und Löw sich von den drei Weltmeistern Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng trennte.

Aber so wie vor 16 Jahren kann man in Wolfsburg nun erneut die Zukunft der deutschen Nationalelf besichtigen. Sie wird maßgeblich von zwei Jahrgängen geprägt werden - die über Wohl und Wehe mitentscheiden.

23 Spieler hat Löw für seinen Neuanfang gegen Serbien und die Niederlande am Sonntag nominiert. Zwölf davon wurden in den Jahren 1995 und 1996 geboren: Joshua Kimmich, Leroy Sané, Niklas Süle, Timo Werner, Leon Goretzka, Serge Gnabry, der gegen Serbien noch wegen einer Erkältung fehlen wird, Julian Brandt, Thilo Kehrer, Jonathan Tah und die drei Neulinge Lukas Klostermann aus Leipzig, Maximilian Eggestein aus Bremen sowie der Berliner Niklas Stark. Nach dem unfreiwilligen Abtreten der Weltmeister bilden die 1995er und 1996er die neue, starke Gruppe, die den Umbruch gestalten soll. Sie sind die Generation Zukunft.

Löw ist auf diese Generation angewiesen - und er scheint bereit, dabei ein Risiko einzugehen: "Weil wir einerseits diesen jungen Spielern Fehler verzeihen wollen und andererseits Ergebnisse brauchen. Aber ich trage dieses Risiko, weil ich überzeugt bin, dass diese Spieler das Potenzial haben", sagte der 59-Jährige am Dienstag.

Löw hat sich mit Sané arrangiert

Schaut man auf diese Spieler, ist man geneigt, ihnen Eigenschaften zuzuschreiben, die sie als gesamte Gruppe charakterisieren. Man wird ihnen damit allerdings nicht gerecht.

Dazu reicht ein Blick auf zwei Profis, die nicht nur an unterschiedlichen Enden des Spielfelds zu finden sind, sondern auch im Teamgefüge derzeit von unterschiedlicher Wichtigkeit: Flügelstürmer Sané, der talentierteste Spieler unter seinen Altersgenossen, und Innenverteidiger Stark, der bisher nur wenigen Fans wirklich bekannt ist.

Sané ist so etwas wie der "Posterboy" seiner Generation - inklusive eines gewissen Grenzgängertums. Am Montag erschien der Angreifer von Manchester City in einem auffälligen Fellmantel und einem teuren Designer-Rucksack zum Treffpunkt der Nationalelf, was in seine Marke als unangepasster Jungstar eingezahlt hat. Im WM-Vorbereitungscamp 2018 in Südtirol soll Sané bisweilen durch fehlende Eigenmotivation auffällig geworden sein. Auch sein Vereinskollege Ilkay Gündogan hat davon berichtet, dass Sané hin und wieder Antrieb von außen benötige. Löw hat Sané auch deshalb nicht für die WM nominiert, was damals schon überraschte und mit Blick auf dessen Leistungen in Manchester von heute aus betrachtet irrwitzig wirkt.

In der "neuen Zeitrechnung", wie Löw es am Dienstag nannte, hat sich der Bundestrainer nun mit ihm arrangiert. Er braucht Sané, weil der 23-Jährige einer der in Deutschland sehr selten gewordenen "Eins-gegen-Eins"-Dribbler ist.

Kein Tritt in den Hintern

Niklas Stark ist ein anderer Typ. "Man braucht ihm nie in den Hintern zu treten", sagt etwa sein Vereinstrainer Pal Dardai von Hertha BSC dem SPIEGEL. Dardai erzählt, dass er seinen Spielern in Berlin stets einen Leitsatz mitgebe: "Euer Talent hat euch hierhin gebracht. Eure Mentalität aber bestimmt über eure Zukunft." Stark habe das ohnehin schon immer verinnerlicht.

Dardai beschreibt seinen Verteidiger als einen Spieler, der trotz seiner Größe von 1,89 Metern sehr schnell und beweglich sei. "Und weil er mal Mittelfeldspieler war, ist er auch als Aufbauspieler gut. Ein Opfer des gegnerischen Pressings wird Niklas jedenfalls nicht", sagt der Hertha-Trainer. Auch verfüge er schon über besondere Führungsstärke.

Stefan Kuntz ist mit Stark 2017 U21-Europameister geworden. Auch er hat Stark als eine Führungskraft erlebt: "Niklas ist ein Anführertyp. Er kann sich artikulieren und hat eine klare eigene Meinung. Was die Belange der Mannschaft angeht war er Tonangebend bei uns 2017", sagt Kuntz dem SPIEGEL. Auch 2015 wurde Stark Europameister - mit der U19 unter Löws heutigem Co-Trainer Markus Sorg. Stark war damals Kapitän.

Von Anführern und Grenzgängern

Kuntz hat einige Profis der Jahrgänge 1995 und 1996 trainiert. Auch Gnabry, Kehrer und Tah waren beim EM-Titel 2017 dabei. Eggestein spielte zuletzt noch bei Kuntz in der U21. Dass es eine gemeinsame Charaktereigenschaft gäbe, findet der Trainer nicht. Außer vielleicht, dass die Spieler mündiger seien als einige ihrer Vorgänger: "Mit dieser Generation kann man als Trainer sehr gut diskutieren. Man bekommt auch mal Widerworte und eigene Ideen zurück. Das zeichnet sie aus."

Lässt man sich also doch dazu hinreißen, einen Spieler als exemplarisch für die neue Generation zu nennen, dann wäre das eher Stark als Sané.

Für Kuntz ist wichtiger, dass es diese unterschiedlichen Spielertypen mit hoher Qualität überhaupt gibt. Wenn der deutsche Fußball in der eigenen Jugend einen Mangel an herausragenden Talenten diagnostiziert hat, dann gelte das nicht für die Jahrgänge 1995 und 1996: "In diesen beiden Jahrgängen können wir aktuell mithalten mit der europäischen Konkurrenz aus Frankreich, England, Niederlande und Spanien", sagt Kuntz. Entscheidend sei, ob sie auch einen "ständigen Willen zur Weiterentwicklung" haben.

Letztlich wird an dieser Frage die Zukunft des deutschen Fußballs verhandelt.

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