Deutschland in der WM-Qualifikation Jetzt muss geackert werden

Der Plan für die ersten WM-Qualifikationsspiele sah beim DFB ungefähr so aus: das EM-Aus schnell vergessen, Aufbruchstimmung erzeugen. Doch was folgte, war jede Menge Ernüchterung - und die Erkenntnis, dass die Nationalelf an ganz elementaren Dingen arbeiten muss.

Bundestrainer Löw: "Sicherheit und Ordnung wiederfinden"
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Bundestrainer Löw: "Sicherheit und Ordnung wiederfinden"

Aus Wien berichtet


Es gab Zeiten, da schwebte Joachim Löw förmlich durch die Gänge der Stadien. Seine jungen Spieler zeigten berauschenden Fußball, sie besiegten belgische, niederländische, argentinische oder österreichische Nationalmannschaften fast im Vorbeigehen. Das Land jubelte. Es wirkte fast, als sei Deutschland nur noch winzige Schritte vom spanischen Jahrhundert-Team entfernt.

Doch während die Iberer vor einigen Monaten ihren dritten Titel bei einem Großturnier in Folge feierten, wird Löws Gang derzeit deutlich schwerer. Nach drei Halbfinal- und einer Finalniederlage bei den vergangenen Welt- und Europameisterschaften hat sich auch die Stimmung im Land verändert. Die Erwartungshaltung an die deutsche Mannschaft ist deutlich gestiegen. Auch die Kritik mehrt sich.

Dabei ist das DFB-Team mit zwei Siegen und 5:1 Toren in die WM-Qualifikation gestartet. Eigentlich ein hervorragendes Ergebnis, "das wir uns von keinem kaputtreden lassen", wie es Thomas Müller ausdrückte. Die Zahlen stimmen, auf einer anderen Ebene können Löws Spieler aber derzeit nicht glänzen: Sie entfachen keine Begeisterung.

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DFB-Einzelkritik: Agiler Müller, katastrophaler Schmelzer
Als Löw vor mittlerweile acht Jahren beim DFB antrat, war es sein Ziel, attraktiv und offensiv spielen zu lassen. Lange Zeit setzte Löws Team dies erfolgreich um. Doch nach dem EM-Aus, der Niederlage gegen Argentinien und den farblosen (Färöer-Inseln) und glücklichen (Österreich) Siegen in der WM-Qualifikation ist von Löws Wunschvorstellungen nicht mehr viel zu sehen. Das Team wirkt verunsichert, nicht nur die Abwehrspieler fabrizieren zum Teil haarsträubende Abspielfehler. Auch Torwart Manuel Neuer leistet sich vermehrt Patzer, Spieler wie Toni Kroos oder Mesut Özil sind von alter Form weit entfernt.

Wo ist er hin, der attraktive, begeisternde Fußball, der das DFB-Team noch 2010 auszeichnete? "Die Gegner stellen sich besser auf uns ein. Sie stehen tiefer, pressen uns gleichzeitig viel früher. Wir schaffen es derzeit nicht, die Dominanz des Favoriten umzusetzen oder auszustrahlen", sagte Kapitän Philipp Lahm. Der 28-Jährige ergänzte: "Wir müssen wieder an den einfachen Sachen arbeiten und unsere Sicherheit, Ordnung wiederfinden."

Das ist tatsächlich die wichtigste, treffendste Erkenntnis der vergangenen Länderspielwoche. Dem DFB-Team fehlt es nicht an "Details", wie es Löw im Anschluss an seine EM-Analyse erklärte. Dem Team fehlt es an Grundsätzlichem: Automatismen in der Abwehr, klare Zuordnungen im Mittelfeld, ein Plan im Offensivspiel. Löw sprach all diese Dinge öffentlich nicht an. Dabei wird er die Defizite seiner Elf nach den Eindrücken aus den beiden Qualifikationsspielen noch einmal neu bewerten müssen.

Klose am Limit, Götze sucht Rhythmus

Löws Mannschaft, die laut Lahm 2014 in Brasilien einen neuerlichen Angriff auf den WM-Titel unternehmen soll, ist nicht nur personell, sondern auch strukturell nicht mehr dieselbe wie 2008, 2010 oder bei der EM 2012. Sie steckt im Umbruch. Altgediente Spieler wie Lukas Podolski oder Miroslav Klose stoßen an ihre Leistungsgrenzen, Akteure wie Özil, Kroos oder Mats Hummels scheinen mit ihren Kräften und Ansprüchen zu hadern.

Marcel Schmelzer oder Mario Götze suchen noch ihre Konstanz und brauchen dafür mehr Zeit, als ihnen die Öffentlichkeit zugesteht. Einzige Lichtblicke der bisherigen Qualifikation sind der wuselige Müller, der immer für eine Überraschung gute Marco Reus und der Stratege Sami Khedira.

Löw muss es nun schaffen, die anderen Spieler wieder auf deren Niveau zu heben. Dafür braucht er aber eine Vision, einen Plan, eine Struktur. Er muss der Mannschaft die Sicherheit zurückgeben, die sie einst auszeichnete. Und dies geht nur, wenn er eine solide, klare Basis des Spiels entwickelt.

Erst danach wird es wieder die Möglichkeiten geben, die Zuschauer mit einem attraktiven, schönen Spiel zu begeistern.

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ogniflow 12.09.2012
1. Taktik-Genie schlägt erneut zu
Man wird sich gegen Graupen wie Irland oder Österreich schon durchwursteln,dann beginnt der WM-Hype: Deutschland wird 2014 die Gruppe rocken, im Achtel- und Viertelfinale Frankreich und Brasilien demütigen, gilt als Topfavorit vor dem Halbfinale gegen Italien - und dann wird Jogi eine Aufstellung wählen mit 5 defensiven Mittelfeldspielern (alle von Bayern), vorne steht Super-Mario im Abseits.Die 4 Abwehrspieler kümmern sich ausschließlich um den gefährlichsten Italiener (Ballotelli). Nach dem 0-4 lehnt Löw Kritik an seiner Taktik ab, da man ja fast Alles gewonnen hat. Auf zur Euro 2016!
snark0815 12.09.2012
2.
Hallo! Bei der ganzen Ursachenforschung fehlt mir noch ein Aspekt: Die deutsche Nationalmannschaft hat immer genau dann glänzende Spiele abgeliefert, wenn sie von einem Bastian Schweinsteiger in Glanzform dirigiert wurde. Dieses Element fehlt im Jahre 2012 aufgrund seiner Verletzungen und des darauffolgenden Formtiefs.
spon-facebook-10000020936 12.09.2012
3.
was soll das ganze Gerede? Nehmen wir mal an D spielt Italien, und D ist besser, aber Italien gewinnt. Dann sind doch auch die Medien voll mit "es zaehlt nur zu gewinnen, am Schluss ist's egal wer besser gespielt hat" Deshalb: "Gut gemacht"
polyphon 12.09.2012
4. Immer wieder die gleichen Ausflüchte...
... wenn "Automatismen", "Zuordnung" oder "Umschalten" gerade nicht reichen, um die so oft in Stil und Ergebnis unzureichende Leistung zu erklären, ist es "die junge Mannschaft" (jetzt alternativ einzelne "alternde Spieler") oder die "Sommerpause". Jenen, die Herrn Löw wieder reflexartig in Schutz nehmen, sei gesagt: Bei seiner Stellung muss er Kritik aushalten. Sein Millionen-Gehalt übertrumpft nicht nur sämtliche Politiker, sondern auch viele Vorstände (und beide Gruppen müssen mit einem Vielfachen an Druck umgehen). Er hat auch im Gegensatz zu einem Vereinstrainer einen Traumjob. Wenn er selbst von der besten Mannschaft der letzten x Jahre spricht und Titelansprüche weckt, dann muss er sich auch daran messen lassen. Eigentlich unfassbar, wenn man dann behauptet, "in den letzten Jahren fast alles erreicht" zu haben. Im Gegenteil, es ist eben kein Titel gewonnen worden, sondern mittlerweile . Denjenigen, die jetzt nur auf's Resultat schauen: Das Spiel gegen Österreich, das Wackeln, die vielen Abstimmungsprobleme, all das sagt sehr viel über die Qualität der Mannschaft (nicht der einzelnen Spieler), besonders über ihre Fähigkeit, als Team zu erfolgreich spielen, mit attraktivem Fußball. Genau das war Löws Anspruch, genau hier ist er gescheitert.
hessiejames 12.09.2012
5. Luft nach oben
Alle 2 Spiele waren grauenhaft.Das hat mit gehobenem Anspruch wirklich nix zu tun. Sie werden sich wieder durchwurschtelen.
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