Fußball-Presseschau "Böser Keim von Melancholie und Tristesse"

Nach dem unerwarteten Punkteverlust gegen Litauen steht die deutsche Nationalelf schwer in der Kritik. Die DFB-Auswahl wird bereits mit Bayer Leverkusen verglichen. Mittelfeldstar Michael Ballack scheint unersetzlich zu sein. Selbst Schottland mit Trainer Berti Vogts ist am Vizeweltmeister vorbeigezogen.


Die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen sind enttäuscht von der Darbietung der DFB-Auswahl beim mageren 1:1 im EM-Qualifikationsspiel gegen Litauen. Für die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) wurde Völlers Team "Opfer ihrer Selbstgefälligkeit", während die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) sich in ihrer Erkenntnis bestätigt sieht, dass es ohne Michael Ballack zu keinen großen Sprüngen fähig sei. Insgesamt vernimmt man auch leise Kritik am Teamchef selbst, speziell an seinen Wechseln.

Der Berliner "Tagesspiegel" (Tsp) bringt die Angelegenheit auf den Punkt: "Auch wenn es mit der Nationalelf noch nicht so weit gekommen ist wie mit Bayer Leverkusen, so lassen sich Parallelen finden. In gewisser Weise hat die Formkurve der Nationalmannschaft bayerdeske Züge angenommen. Vor knapp einem Jahr begeisterte der Dreifach-Vize aus Leverkusen die Menschen auf spielerische Weise. Wenige Wochen später erreichte die Euphorie um die Nationalelf ihren Höhepunkt. Bald darauf wurden beide Mannschaften von der Tagesrealität eingeholt." Im Hinblick auf die an Schottland (2:1-Sieger gegen Island) verlorene Tabellenführung in der Gruppe 5 resümiert die "Tageszeitung" (taz): "Die Lage ist ernst. So ernst, dass jetzt sogar schon Schottland vor Deutschland liegt. Nur zur Erinnerung: Schottland hat Berti als Trainer. Noch Fragen?"

Zur Lage der deutschen Nationalmannschaft wirft Jörg Hanau "Frankfurter Rundschau" (FR) ein. "Die deutschen Nationalkicker haben es nicht verstanden, die Begeisterung in und um die Mannschaft in den Alltag hinüber zu retten. Rudi Völler dümpelt mit seinem Team in der Grauzone des europäischen Fußballs herum. Das reicht, um den in Japan und Südkorea zurück gewonnenen Kredit leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Verzockt haben sie ihn aber noch nicht. Bei allem Frust über das unnötige Remis gegen die zweitklassigen Fußballer aus dem Baltikum, es ist dies nicht der erste turmhohe Favorit, der sich in der Qualifikation zu einem großen Turnier vergaloppiert, ohne deshalb gleich aus dem Sattel zu fallen. Deutschlands vermeintlich beste Fußballer haben es selbst in der Hand, den dornigen Weg nach Portugal mit ein paar Kratzern im Lack zu überstehen. Gegen Litauen haben sie den Sieg fahrlässig aus den Händen gleiten lassen. Vielleicht auch, weil eine gehörige Portion Hochmut mit im Spiel war, den sich keine Mannschaft der Welt mehr leisten kann und darf. Eigentlich sollten dies gerade und vor allem die deutschen Fußballer wissen. Sie selbst haben in Asien vorgeführt, was einer vorab schwächer eingestuften Mannschaft alles gelingen kann. Erfolg im Fußball, wer wüsste das besser als die Deutschen, ist nicht immer eine Frage spielerischer Überlegenheit."

Ballack ist nicht zu ersetzen


Michael Horeni (FAZ) kennt die Ursachen der deutschen Schwäche. "Was Völler und Co. schon vor dem 1:1 gegen die Balten wußten, wurde angesichts der deutschen "Krankheit" (Völler) schnell und eindrucksvoll aufs Neue belegt: Mittelfeldchef Michael Ballack ist nicht zu ersetzen. Der Wert des torgefährlichen Mannschaftsspielers war selbstverständlich schon offensichtlich, als er Bayer Leverkusen ins Endspiel der Champions League und fast zum Titelgewinn führte - und kurz darauf trotz hartnäckiger Verletzung die entscheidenden Treffer im Viertel- und Halbfinale der WM erzielte. Aber erst seitdem er Bayer komplett verloren gegangen ist und die Eigendynamik der Weltmeisterschaft bei der Nationalmannschaft vollständig dahin ist, wird unter negativen Vorzeichen die besondere Bedeutung Ballacks erschreckend deutlich. Leverkusen ist vom Abstieg massiv bedroht. Die Mannschaft ist ohne ihren Anführer des Vorjahres, und die Spruchweisheit kann man getrost wörtlich nehmen, tatsächlich nur noch die Hälfte wert. Die Nationalmannschaft ist dank ihrer größeren Qualität zwar etwas weniger, aber immer noch stark von ihrem strategischen Kopf abhängig. Das 1:1 gegen Litauen wie auch das 1:3 gegen Spanien machten im EM-Ernstfall wie unter Testbedingungen eine Tendenz mehr als deutlich: Nationalelf minus Ballack-Faktor macht internationalen Durchschnitt. Mehr nicht, eher weniger."

Bittere Gewissheit nach dem Abpfiff
AP

Bittere Gewissheit nach dem Abpfiff

Philipp Selldorf (SZ) analysiert den Auftritt der deutschen Sorgenkinder. "Aus der Kabine der Deutschen im Frankenstadion kamen nach dem Spiel müde, zerknirschte Männer, die der Reihe nach davon erzählten, wie enttäuscht sie über dieses 1:1 gegen Litauen seien oder die, wie Jörg Böhme, gleich von einer "Katastrophe" sprachen. Einer aber schlenderte entspannt durch den Kabinengang, machte Witze und lächelte. Es war Carsten Ramelow, dem während der vergangenen Woche unentwegt nachgesagt wurde, er trage mit seinen in Leverkusen geschulten Verlierererfahrungen den bösen Keim von Melancholie und Tristesse ins Nationalteam. Der Alt-Internationale Olaf Thon hatte in einer Expertise für den kicker sogar dafür plädiert, Ramelow und dessen gleichfalls geschlagenen Teamgefährten Bernd Schneider zu Hause zu lassen: "Damit sie sich auf Leverkusen konzentrieren können." Im Sinn hatte er wohl eine Art Quarantäne: Damit die beiden die anderen Nationalspieler nicht mit Versagensängsten anstecken. Doch Ramelow durfte nicht nur mitspielen (Rudi Völler lässt seine loyalen Mitarbeiter niemals im Stich), er schoss in seinem 36. Länderspiel auch sein erstes Tor. Und was für eins."

McBerti lächelt wieder


Zum Stellenwert von Berti Vogts in Schottland lesen wir von Christian Eichler (FAZ). "Die schottischen Medien beobachten ihren ersten ausländischen Nationaltrainer nach einem Jahr immer noch mit etwas kühler Distanz. In Glasgow fiel dem größten Sonntagsblatt eine neue Nuance auf. "Das Spiel war weit davon entfernt, ein Klassiker zu sein", bemerkte der "Sunday Herald" nach dem Sieg gegen Island. Doch es habe ausgereicht, "ein Lächeln auf das Gesicht des schottischen Trainers zu bringen". Das geschah in dem Moment, als jemand anmerkte, es sei der erste Sieg von Berti Vogts im Hampden Park, dem schottischen Nationalstadion, gewesen. "Stimmt nicht", entgegnete Vogts. "Ich habe hier mit Deutschland gewonnen." Das Lächeln dürfte im Laufe des Abends noch entspannter geworden sein. Da konnte Vogts beim deutschen Gestümper gegen Litauen sehen, daß der WM-Zweite in der wohl schwächsten der zehn EM-Qualifikationsgruppen nicht, wie bisher vermutet, der Sehende unter den Blinden ist. Nein, es ist anders: Die Einäugigen sind auf Augenhöhe. Vogts' Team wurde nach seinem Amtsantritt vor einem Jahr gescholten, weil es gegen die großen Teams Europas überfordert und gegen die kleinen uninspiriert war. Völlers Team hat sich den schottischen Vorgaben nach der WM mühelos angepaßt."

Berti Vogts hat Schottland an die Tabellenspitze geführt
DPA

Berti Vogts hat Schottland an die Tabellenspitze geführt

Ronald Reng hat für die "Berliner Zeitung" (BLZ) Vogts auf den Mund geschaut. "Berti Vogts hat einen Liebling unter all den englischen Worten: very. Am liebsten möchte er es in jedem Satz unterbringen, und weil das nicht geht, benutzt er das Wort, wo es passt, immer gleich doppelt. "Very, very exciting", sehr, sehr aufregend sei es gewesen, erzählte der schottische Nationaltrainer vom Niederrhein nach dem 2:1-Sieg am Sonnabend über Island. Nach einer "sehr, sehr hoffnungsvollen Woche" und "sehr, sehr harten 90 Minuten" schaue er "sehr, sehr positiv in die Zukunft" und wolle deshalb den 37.000 Zuschauern im Glasgower Hampden Park für die Unterstützung "very, very thank you" sagen - sehr, sehr dankeschön. Nur eines wird man Berti Vogts wohl noch sehr, sehr lange nicht sagen hören: Dass Schottland eine sehr, sehr gute Nationalelf hat. Theoretisch hat der 2:1-Erfolg Schottland zum ärgsten Konkurrenten der deutschen Auswahl in der EM-Qualifikation befördert. Zwei Siege und ein Unentschieden stehen zu Buche, aber alles, was sich etwa die Zeitung "The Scotsman" vom Vergleich gegen die deutschen WM-Finalisten Anfang Juni in Glasgow erhofft, ist, dass "wir gegen die Weltmeister im Würstemachen nicht wie ein Haufen Metzgerlehrlinge aussehen". Schottland, traditionell für die herzzerreißendsten Niederlagen berühmt, muss erst einmal wieder die Basis für solche tragisch-schönen Auftritte schaffen."

Der Ehrliche ist der Dumme


Sven Astheimer kann in der "Frankfurter Rundschau" (FR) die Proteste der Konkurrenz gegen die milde Drei-Punkte-Strafe für den 1. FC Kaiserslautern in der nächsten Saison gut verstehen. "Ein Malus in der laufenden Saison hätte den Tabellen-Elften viel teurer zu stehen kommen können. Im Falle des Abstiegs müsste das mühsam zusammen gezimmerte Sanierungskonzept mit Banken, Stadt und Land müsste dann ebenso wie Spieler- und Angestelltenverträge neu ausgehandelt werden. Dagegen nimmt sich das jetzige Straf-Paket aus wie ein Monat Freiheitsentzug im Kempinski. Die Konkurrenz im Abstiegskampf weiß dies auch. Sie forderte: Kaiserslautern gehört sofort bestraft, weil der Club sich durch Tricksereien Vorteile erschlichen habe. Interessanterweise bemüht auch die DFL das Argument "Wettbewerb": Der könnte demnach nämlich verzerrt werden, wenn den Roten Teufeln im Saisonfinale mitsamt den drei Punkten auch ein gerüttelt Maß Motivation genommen werde. Doch die Rechnung ist - bei allem Respekt vor der Zunft - eines Milchmädchens würdig. Denn milde Urteile wie im Fall Kaiserslautern oder im vergangenen Jahr beim SSV Reutlingen senden das falsche Signal aus. Sie ermutigen ja geradezu die Clubstrategen dazu, künftig im Zweifelsfall die DFL-Statuten galant zu umdribbeln. Abschreckungseffekt gleich Null. Im Gegenteil: Die Botschaft, die von den Frankfurter Richtern ausgeht, lautet frei nach Uli Wickert: Der Ehrliche ist der Dumme. Die DFL wäre künftig besser beraten, gravierende Verstöße sofort - neudeutsch: zeitnah - und energisch zu ahnden."



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