Fußball-Presseschau "Die Bayern als der Meister im Niemandsland"

Der Fußball-Pressespiegel von "indirekter freistoss". Heute: Langweilig, langweiliger, Fußball-Bundesliga. Die Bayern-Dominanz lähmt die Konkurrenz. Dennoch können die Erfolge hierzulande den Spitzenreiter nicht über die internationale Blamage hinwegtrösten.


Nationaler Jubel: Bayern-Stürmer Alexander Zickler nach seinem Tor zum 1:0 in Stuttgart
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Nationaler Jubel: Bayern-Stürmer Alexander Zickler nach seinem Tor zum 1:0 in Stuttgart

"Die wohl von der ganzen Liga und weiten Teilen der Fußballnation ersehnte Fußballrevolution ist ausgefallen", denn ein "souveräner FC Bayern schlägt Stuttgarts Himmelsstürmern die Pforte vor der Nase zu". Auf diese Weise beschreibt die "Frankfurter Rundschau" (FR) die Ernüchterung derjenigen Fußballfreunde, die vergeblich darauf gehofft hatten, der Emporkömmling VfB Stuttgart könne dem enteilten Tabellenführer aus München ein Bein stellen. Doch die Schwaben erhielten eine "Lehrstunde in Sachen Effizienz" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung", FAZ) durch "eine eiskalte Dosis FC Bayern" ("Süddeutsche Zeitung", SZ) und finden sich nunmehr nur noch im oberen Mittelfeld wieder.

Dahingegen verstärkt die Konstanz der Münchner die Befürchtungen von Beobachtern wie Verfolgern, die Meisterschaft könne bereits zum jetzigen Zeitpunkt entschieden sein. "Die Verteilungskämpfe hinter den Bayern haben am vorletzten Spieltag der Hinrunde endgültig begonnen - ein Zustand, an den man sich für die restlichen 18 Spieltage gewöhnen sollte", stellt "die tageszeitung" (taz) hoffnungslos die Erkenntnisse des vergangenen Spieltags sicher. Außerdem: "Eingewechselt, zwei Tore geschossen, Trainer Sammer umarmt - alles ist wieder gut, mindestens bis zum nächsten Mal", liest man in der "FAZ" in skeptischem Tonfall über den "janusköpfigen" Amoroso. Und: "Alle, die es vorher besser zu wissen geglaubt hatten, sind zunächst widerlegt. Arminia Bielefeld ist in dieser Saison der Fußball-Bundesliga entgegen vieler Vorurteile vorweg nicht erster Abstiegskandidat" ("FAZ").

Christian Eichler ("FAZ") kommentiert die Lage des Tabellenführers. "Man muß sich in diesen schweren deutschen Zeiten keine Sorgen mehr machen um die einzige Konstante des deutschen Spitzenfußballs. Eine große Bayern-Krise hätte der Bundesliga wohl den Boden weggezogen. Nach der großen Bayern-Konsolidierung bleibt ihr immerhin das spannende Rennen um die Plätze zwei, drei und fünfzehn. Nach dem Überschwang des 'weißen Balletts' der Sommermonate, dieser Selbstüberschätzung Münchner Ballromantik, und der europäischen Depression des grauen Herbstes sind die Bayern nun, im deutschen Fußball-Winter, wieder ganz bei sich selber angekommen. Ihr Fußball macht nur ihnen selber Spaß. So muß es sein. Wenn Finger klamm, Plätze hart, Nasen und Bälle rot werden, wenn man Fußball nicht mehr zum Vergnügen, sondern nur für den Ertrag spielt, dann ist Bayern-Zeit. Denn nur sie sind da, wo Fußball den Ertrag bringt, durchweg effektiv: im Strafraum - und der künstlerische Wert des Weges dorthin ist ihnen endlich wieder wurscht (...) So bilanziert man im Advent 2002 das vielleicht kurioseste Halbzeitresultat einer Bayern-Saison: ein Punkt aus der Champions League, zehn hinter dem Zweiten - 38 Punkte aus der Bundesliga, acht vor dem Zweiten. Emotionale Wegzehrung für die Dienstage und Mittwoche im Frühjahr, wenn andere um Europa spielen und ihnen nur die kleine Bühne der Bundesliga bleibt. Zu gut für Deutschland, zu dumm für Europa: Man könnte sagen, die Bayern sind eine Klasse für sich, oder: Die Bayern als der Meister im Niemandsland."

"Hoffnung auf einen Rückfall der Münchner"

Angesichts drohender Langeweile schreibt Jörg Hanau ("FR"). "Mag sich die verhinderte Jagdmeute angesichts der Aussicht, dass auch ein zweiter oder gar dritter Platz den Zugang zu Europas Fleischtöpfen gewährt, zufrieden zurücklehnen. Der gemeine Fußball-Fan tut das nicht. Dem bleibt, sofern kein Bayern-Fan, vorerst nur die Hoffnung auf einen Rückfall der Münchner in die alte Überheblichkeit. Darauf, dass sie im Bewusstsein der eigenen Unfehlbarkeit die Zügel schleifen lassen und der Versuchung erliegen könnten, mit geringstem Aufwand maximalen Ertrag erzielen zu wollen. Zu viel Konjunktiv. Die Gegenwart spricht eine andere Sprache. Die vage Hoffnung, dass sich die Bayern nach der Winterpause selbst vom Thron stürzen, ist ein bisschen wenig, um Vorfreude auf die Rückrunde zu schüren."

"Stuttgart aus allen Träumen gerissen"

Gerd Schneider ("FAZ") erläutert die Wirkungen der bayerischen Dominanz auf die Beobachter. "Im Gottlieb-Daimler-Stadion geschah Merkwürdiges. Es war noch nicht einmal fünf Uhr, da setzte eine Völkerwanderung auf den vollbesetzten Rängen ein. Nur weg hier, das war die Parole nach Roque Santa Cruz' zweitem Treffer. Der VfB Stuttgart lag 0:3 gegen den FC Bayern München zurück, die Partie war verloren - aber das war gar nicht der Grund für die kollektive Aufbruchstimmung. Vielmehr konnten die Stuttgarter Anhänger den Anblick nicht mehr ertragen, wie ihr junges Team demontiert wurde. Die entgeisterten, fassungslosen Mienen derer, die kopfschüttelnd hinausströmten, glichen in dem Moment denen der VfB-Profis unten auf dem Spielfeld. Sie waren aus allen Träumen gerissen worden von einer Mannschaft, die an diesem Nachmittag kühl und präzise wie eine Maschine ihr Werk abgeliefert hatte (...) Tatsächlich glich der Auftritt des Spitzenreiters in Stuttgart einer Demonstration der Stärke: Seht her, die Oktober-Krise ist endgültig Geschichte, die Bayern haben wieder eine nationale Mission. Die makellose Leistung der Bayern war auch eine Antwort darauf, daß die Partie gegen die bislang stürmischen Stuttgarter zu einem Duell Alt gegen Jung hochstilisiert worden war. Das 3:0 war nicht ein Triumph des Alters, sondern der Qualität."

"Spiele auf der großen Bühne liebt der Exzentriker"

Von Felix Meininghaus ("FR") lesen wir über den zweifachen Dortmunder Torschützen Amoroso. "Es ist tatsächlich verblüffend, wie gut an der Körpersprache von Marcio Amoroso abzulesen ist, ob Großes von ihm zu erwarten ist, oder ob er das Spiel an sich vorbeiplätschern lässt. Beim Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern zeigte sich Dortmunds Zauberer nach langen Wochen des Müßiggangs mal wieder gnädig gestimmt: Nach gut einer Stunde Spielzeit betrat der Brasilianer den Rasen des Westfalenstadions, knapp zehn Minuten später entschied er mit einem Doppelschlag eine Partie, die der Meister sonst wohl nicht siegreich gestaltet hätte (...) Das Timing scheint ideal, schließlich gibt am Mittwoch in der Champions League mit dem AC Mailand ein Weltklub seine Visitenkarte im Westfalenstadion ab. Spiele auf der großen Bühne liebt der Exzentriker sehr. Jetzt haben sie ihn alle wieder lieb, dabei hätten sie Amoroso vor einer Woche am liebsten mit Schimpf und Schande aus dem Revier gejagt. Gegen Nürnberg war der Stürmer eine Halbzeit lang dermaßen pomadig über den Platz geschlichen, dass die Sache schwer nach Provokation roch."



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