Fußball-Pressespiegel "Das Gesetz der Wildnis"

Die Bundesliga kommt nicht zur Ruhe. Noch immer geht es um die unwürdige Entlassung Kurt Jaras in Hamburg und die Ultimatums-Posse mit Hertha-Coach Huub Stevens. Die Beobachter sind sich einig: Egal wie es ausgeht, der Fußball hat schon jetzt verloren.


Huub Stevens: "Am Dienstag geht die ganze Scheiße nun in die zweite Runde"
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Huub Stevens: "Am Dienstag geht die ganze Scheiße nun in die zweite Runde"

Wenn Vereinsbosse ihren Trainer entlassen und in Frage stellen, beurteilt das der Außenstehende wie andere Trennungen im Leben: Wie man es macht, man macht es falsch. Haben sie Vertrauen und Rückendeckung ausgedrückt und entlassen den Trainer anschließend, wie beim Hamburger SV, bezichtigt man sie der Lüge. Äußern sie Bedenken und knüpfen das Engagement an Bedingungen, wie bei Hertha BSC Berlin, heißt es: "Warum entlasst Ihr ihn nicht sofort?" Die Beobachter stört nur das moralische Wie - und fragen nicht nach dem sportlichen Warum.

Bernd Hoffmann und Dieter Hoeneß, die Verantwortlichen aus Hamburg und Berlin, sind in den letzten Tagen von Reportern aller TV-Kanäle in den Schwitzkasten genommen worden. Immerhin, das Gesicht Hoffmanns kennt die Fußball-Nation nun. Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) rümpft die Nase: "Hoffmann ist ein Marketingmann, ein Verkäufer. Solche Leute wissen in viele Sachverhalte ihre eigene Wahrheit zu interpretieren." Die Regeln der sprachlichen Kosmetik kennt und beherrscht der Fachmann: "Wir haben Trainer Kurt Jara freigestellt", sagte Hoffmann - und meinte: "Wir haben Jara gefeuert und auf die Straße gesetzt."

Auch Hoeneß wird nicht ernst genommen. Die "Financial Times Deutschland" schreibt: "Es werden im deutschen Fußball deutlich zu wenige Ultimaten gestellt. Warum sollte beim Trainer von Hertha BSC Berlin plötzlich falsch sein, was beim Diktator des Irak oder bei den Taliban richtig war? Zwei Siege in Rostock, sonst raus hier: So weiß Huub Stevens wenigstens, woran er ist. Anders als zum Beispiel Kurt Jara, der übler getäuscht wurde als ein Anschlussreisender der Deutschen Bahn. Und hat Stevens jetzt gewonnen oder nicht? Na eben." Die "tageszeitung" (taz) ist genervt vom Berliner Krisen-Management: "Stevens ist immer noch da, und am Dienstag geht die ganze Scheiße nun in die zweite Runde."

"Versuch und Irrtum"

Gerd Schneider fordert in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) von Funktionären und Journalisten Gelassenheit und Souveränität. "Im Krisenfall - und im Fußball von heute wird schon nach zwei oder drei verlorenen Partien nacheinander die Krise ausgerufen - werden die Gesetze des rationellen wie auch ökonomischen Handelns außer Kraft gesetzt. Die Manager und Vorstände der Profiklubs entscheiden aus dem Bauch heraus. Versuch und Irrtum, so nennt die Pädagogik dieses simple, weil zufallsabhängige Handlungskonzept. Das alles ist nicht neu. Neu ist, in welchem Tempo und in welcher Radikalität die sportlichen Führungskräfte ausgetauscht werden. In der aktuellen Saison sind noch nicht einmal ein Drittel aller Spiele absolviert, und schon drei Klubs haben, um deren eigenen schöngefärbten Code zu verwenden, die Notbremse gezogen."

"Prekäre Position der Trainer"

Wolfgang Hettfleisch von der "Frankfurter Rundschau" (FR) lässt nicht alles durchgehen: "Der viel zitierte Begriff von den 'Gesetzen der Branche' ist missverständlich. Es sind Gesetze im mechanischen, nicht im juristischen, geschweige denn im ethischen Sinn. Kein Kodex, keine stille Übereinkunft sorgt für ein geregeltes Mindestmaß an Moral und Anstand. Dafür steht für die 36 Wirtschaftsunternehmen der beiden Profiligen zu viel auf dem Spiel. Wenn ein Gesetz herrscht, ist es das der Wildnis. Den Preis dafür zahlen die Trainer, deren Position zwischen den immer kurzatmigeren Interessen der Clubs und der seit Bosman ins Groteske gewachsenen Macht der Topspieler und ihrer Agenten prekär geworden ist. Natürlich genießt im Haifischbecken Fußball-Bundesliga kein Trainer Artenschutz. Darum geht es auch gar nicht. Wohl aber um wechselseitigen Respekt und ein Quantum an Aufrichtigkeit und Rückendeckung, das jeder Angestellte von seinem Arbeitgeber erwarten darf. Einem gewissen Felix Magath war das lange Zeit nicht zuteil geworden."

Josef Kelnberger ("SZ") sieht Dieter Hoeneß, selbstverschuldet, in der Falle: "Die archaischen Umgangformen in der Hertha mögen Boulevard und Anhang ruhig stellen. Und vielleicht muss ein Präsidium Trainer und Mannschaft auch wachrütteln, wenn sich alle wunderbar vertragen, im Training großartige Fortschritte erzielt werden - nur leider die Siege ausbleiben. Fußball, sagt der Philosoph, ist Tagesgeschäft. Allerdings, was wäre passiert, hätte man wegen zweier irregulärer Tore 1:2 verloren? Stevens im Amt belassen, objektiver Gerechtigkeit wegen, oder ihn gefeuert, weil er das Unglück anzieht wie einst Hiob? Und was passiert, wenn Stevens auch am Dienstag gewinnt, dann aber wieder drei Spiele am Stück verliert? Noch ein Ultimatum? Oder die ultimative Androhung eines neuen Ultimatums, ein Ultimatum-Ultimatum? Tatkraft und Entschlossenheit vorzuführen ist eine Sache - sich jenseits aller fachlichen Überlegungen einem einzelnen Ergebnis auszuliefern eine andere. Jetzt versucht Hoeneß zurückzurudern, es entsetzt ihn die Aussicht, dass über das wichtigste sportliche Amt im Verein im Elfmeterschießen entschieden werden könnte. Aber das Tückische an einem öffentlichen Ultimatum - einer letzten, äußersten Aufforderung unter Androhung von Maßnahmen - ist, dass unglaubwürdig wird, wer eine Drohung nicht wahr macht. Autorität geht verloren."

Konstantinidis ist der "Schurke des Monats"

Ludger Schulze ("SZ") zieht Kostas Konstantinidis von Hannover 96 am Ohr, "welcher der Lug- und Trugliga eine neue Dimension der Infamie erschloss. Versetzte seinem Gegenspieler Remo Meyer einen Kopfstoß und ließ sich, als der Münchner ihn in einem Abwehrreflex leicht wegstieß, wie von einer Axt gefällt zu Boden sinken. Meyer wurde des Feldes verwiesen, Konstantinidis befindet sich noch auf freiem Fuß. Sollte sich das Sportgericht mit ihm befassen: Die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte wäre etwas zu hart für den 96er-Kapitän, aber den Titel 'Schurke des Monats' hat er sich hart verdient."



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