Fußball-Pressespiegel "Der Heidenspaß, mit Idyllen aufzuräumen"

Der Fußball-Pressespiegel von "indirekter freistoss". Heute: Wie sich der gefürchtete Betzenberg zur Flüstertüte wandelte und warum der Jubel über die jungen Stuttgarter bald verstummen wird.


Wer vor dem Auftritt der Bayern auf dem Betzenberg einen "Hassgipfel" vorausgesagt hatte, musste sich durch den ungefährdeten Gästesieg in einer emotionslosen Partie eines Besseren belehren lassen. Die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) sah ein "Spiel, das nur Bayern-Fans und Sadisten hat beglücken können." Ebenso hofften die Lauterer Anhänger vergebens auf den gewohnt leidenschaftlichen Kampf ihrer Elf gegen die "Großkopferten Münchner" ("Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung"). "Aus den stolzen Rebellen der Provinz sind verzagte Mitläufer geworden, gefügig gegenüber der herrschenden Klasse. Demütig hat sich der 1. FC Kaiserslautern am Samstag in die 0:2-Niederlage gegen Rekordmeister Bayern München ergeben, als hätte er sich schon mit dem Abstieg aus der Bundesliga abgefunden", beschreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) den dortigen Wandel zum Abstiegskandidaten und fragt: "Wo ist er geblieben, dieser Zorn, dieser Furor, diese Leidenschaft, mit der sich der pfälzische Fußballklub jahrzehntelang der gegnerischen Übermacht an Kapital und Personal erwehrte?"

Die beiden Überraschungsteams aus Bremen und Stuttgart nutzten diese Gelegenheit, sich mit Siegen ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu spielen. Während der "Liebling der Bundesliga" - wie die "Neue Züricher Zeitung" (NZZ) die "jungen Wilden" des VfB nennt - durch das 3:0 über Hannover ein im Schwabenland selten gewordenes Fußballfest feierte, scheinen die Norddeutschen beim 1:0 in Berlin ihre Abwehrschwäche überwunden zu haben. Dahingegen "präsentierten Herthas Profis eine Mischung aus Angst vor dem Sprung auf Tabellenplatz zwei und aus Überheblichkeit" ("Financial Times Deutschland").

"Der Mut sich bei der Jugend zu bedienen"


Stuttgarts junge Wilden: Alexander Hleb und Kevin Kuranyi
DPA

Stuttgarts junge Wilden: Alexander Hleb und Kevin Kuranyi

Jan Christian Müller ("Frankfurter Rundschau") analysiert die ähnliche Strategie der beiden Bayern-Verfolger. "Beide Mannschaften machen mit ihrer mutigen, unverbrauchten, stets offensiven Spielweise auch anderen Klubs Mut. Mut, sich statt wie in den vergangenen fetten Jahren, als die TV-Gelder wie Honig flossen, vermeintlich fertiges und entsprechend teures Personal zuzulegen, bei der eigenen Jugend zu bedienen. Beim SV Werder stehen elf Spieler, beim VfB Stuttgart neun Akteure im Profikader, die bereits für die eigenen Regionalliga-Amateure spielten. Ein derartiges Konzept verfängt natürlich nur, wenn zuvor entsprechende, langfristige Aufbauarbeit geleistet wurde. Das ist in Bremen und Stuttgart der Fall."

Dahingegen ist Josef Kelnberger (SZ) ob des Stuttgarter Höhenflugs skeptisch. "Stets auf der Suche nach dem Schönen und Guten wollen wir heute den VfB Stuttgart loben. Ganz schnell, bevor es wieder abwärts geht mit ihm. Sorry VfB, das ist dein Schicksal, weil deine Pläne immer gar so hoch fliegen (...) Am liebsten hielte man bei diesem zauberhaften Anfang inne, am liebste würde man nun einen Zaun um dieses schwäbische Idyll ziehen - aber ach, es drängt die Erfolgreichen, Pläne zu schmieden, Ziele zu formulieren, und das ist meist der erste Schritt ins Verderben. So las man in der Stuttgarter Zeitung: Magath will mit dem VfB Europacup-Sieger werden. Er nennt das Jahr 2006. Das ist ein gewaltiger Fehler. Es wird kommen, wie es kommen muss. Aus München, oder Dortmund, wird ein Millionenangebot für Amanatidis, Hleb oder Kuranyi hereinplatzen. Der VfB wird seine Jünglinge verkaufen, wie damals Elber und später Bobic, weil er ja Schulden zu tilgen hat. Oder er wird deren Gehälter aufmörteln, wie damals bei Balakov, und das wird Neid und Missgunst säen. Zum nächsten Heimspiel des VfB kreuzen am 7. Dezember die Bayern auf. Die haben einen Heidenspaß daran, mit Idyllen aufzuräumen."

Lautern glaubt nicht mehr an Lautern


Die Situation in Kaiserslautern beschreibt Elke Rutschmann (FTD). "Über die Jahre hinweg haben die Fans des 1. FC Kaiserslautern ihren Gegnern immer wieder trotzig den Glauben an sich selbst und den Mythos vom gefürchteten Fußballberg entgegengehalten. Doch jetzt scheint selbst Lautern nicht mehr an Lautern zu glauben. Der FCK ist eine Mannschaft mit gebrochenem Herzen. Die dritte Heimniederlage in Folge am Samstag beim 0:2 gegen den FC Bayern München nahmen die Fans schweigend hin. Es fehlte die Kraft für Pfiffe. Die einstige Hölle wurde selbst gegen den Lieblingsfeind zur Flüstertüte. Von wegen Pfälzer Angstregime. Im Moment deutet vieles darauf hin, dass der 1. FC Kaiserslautern am Ende der Tabelle überwintern wird. Keine Vision weit und breit."

Philipp Selldorf (SZ) meint dazu. "Dem FC Bayern, der hier mit einer Inbrunst verabscheut wird wie selten sonstwo auf der Welt, widmeten die Fans nicht mal ein leises Schimpfen, was ein bedenkliches Zeichen ist. Stattdessen applaudierten sie ihrer Mannschaft, weil die es fertig gebracht hatte, in der zweiten Halbzeit gegen die vor lauter Überlegenheit eingedösten Münchner drei Torchancen zu erspielen (...) Bei all den Teufeln, die hier als Maskottchen rumspringen, denkt man nicht mehr an nette Pfälzer Folklore, sondern an Bilder vom Jüngsten Gericht, auf denen Höllenmonster die armen Sünder in den Schlund reißen."

Sammers Furcht vor den eigenen Worten


Jörg Marwedel (SZ) erkennt eine einseitige Dortmunder Menschenführung. "Es war augenscheinlich, dass dieser Mannschaft die Spielfreude abhanden gekommen ist. Die gedeiht aber nur in einem Klima, in dem neben Erfolgsdruck auch spielerische Leichtigkeit ihren Platz hat. In Dortmund bemüht sich, aus Sorge, die Profis könnten sich auf den Lorbeeren des Sommers ausruhen, seit Wochen die komplette Führungscrew vor allem um Druck. Mal drohte Sportdirektor Michael Zorc wegen fehlender Einstellung mit Konsequenzen, mal hielt Präsident Gerd Niebaum Appelle an die Willenskraft. Zuletzt prophezeite Sammer selbst, bei einer Niederlage in Wolfsburg werde das Klima "kälter als in Moskau". Als die Niederlage Realität wurde und das Champions-League-Spiel bei Spartak Moskau am Dienstag in seinen Blick rückte, erschrak sich Sammer dann doch ein bisschen über die Aussage und versprach, künftig "jeden Satz noch besser zu überlegen". Man kann sich bei Borussia ja keine Unruhe erlauben vor dem Mammutprogramm und bei acht Punkten Rückstand auf den FC Bayern."

"Trauerspiel statt Unterhaltungsstück"


Michael Eder (FAZ) beschreibt die Stimmungslage in der Liga. "Es fehlt die große Begeisterung, vor allem fehlt die gute Laune. Rudis Fußballshow hat etwas von Popkonzert für die ganze Familie, Bundesliga hingegen ist eher etwas für Hardcore-Fans. Zum Beispiel Bayern München auf dem Betzenberg, Trauerspiel statt Unterhaltungsstück. Hitzfeld statt Rudi, Gerets statt Rudi, Sammer statt Rudi, Stevens statt Rudi - so sieht es aus, und vielleicht liegt es auch ein bißchen an diesem Personalstand, daß die Bundesliga ziemlich deutsch ausschaut, selbst wenn Belgier und Holländer an der Außenlinie stehen: sehr ernst, sehr gezwungen, sehr verkrampft. Im Fußball-Land des Lächelns - siehe WM-Logo - geben verkniffene Charaktere die Richtung vor, der Druck der Ämter und Erwartungen lastet schwer auf den Trainern, und die meisten würden wunderbare Werbefiguren abgeben für Remmi-räumt-den-Magen-auf oder irgendwelche vollsynthetischen Gemütsaufheller. Daß der Zuschauer in den Stadien - vom Fernsehpublikum ganz zu schweigen - nicht viel zu lachen hat, liegt deshalb auf der Hand, und wenn Stevens oder Sammer nach den Partien ihre Kommentare abfeuern und noch dazu verloren haben, dann tun sie es nur mit mühsam gebremstem Schaum. Warum sollten ausgerechnet ihre Spieler auf dem Feld die große Lebensfreude verströmen, die Leichtigkeit des Fußballspiels, warum sollten ausgerechnet sie Begeisterung wecken und eine Stimmung wie bei der Nationalmannschaft, die selbst mit einer Niederlage noch heiter daherkommen kann?"



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