Fußball-Pressespiegel "Der Star ist Rehhagel"

Bezogen auf die deutsche Nationalmannschaft gibt es durch die geglückte EM-Qualifikation viele Sieger. Die Griechen, die in ihrer Gruppe die hoch eingeschätzten Spanier hinter sich ließen und ebenfalls auf direktem Weg nach Portugal reisen können, feiern nur einen: Otto Rehhagel.


 Rehhagels (r.) Erfolg: "Plötzlich wieder eine Art emotionale Bindungskraft"
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Rehhagels (r.) Erfolg: "Plötzlich wieder eine Art emotionale Bindungskraft"

Die deutsche Nationalmannschaft hat sich für die EM-Endrunde 2004 in Portugal qualifiziert; auf den Sportseiten der Tageszeitungen gibt es viele Gewinner: erstens Rudi Völler, dessen pragmatischen Führungsstil Michael Horeni in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) beschreibt: "Wie Fußball aussehen soll, darüber nur ein Wort zu verlieren, hält er für unsinnig. Visionen sind für den Teamchef eher Krankheitsbilder. Immer wieder sind gesellschaftspolitische Parallelen zwischen dem Fußball und der Politik, zwischen Bundestrainern und Bundeskanzlern gezogen worden. Wenn es aktuell eine geben sollte bei Völler und Schröder, dann wäre es der erkennbare Widerwille für weitreichende Handlungsbegründungen in einer Zeit, die dringend nach Reformen verlangt. Doch wie kein anderer seiner Vorgänger hat der Anti-Theoretiker Völler auf dem Weg zur EM und WM die Nationalmannschaft umgekrempelt."

Zweitens die jungen Spieler Christian Rahn (Hamburger SV) sowie die Stuttgarter Kevin Kuranyi und Andreas Hinkel. "Das Fussball-Feuer aus dem Schwabenland steckte den ganzen Rest der Mannschaft an", schreibt die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ), und die "Tageszeitung" (taz) freut sich über das (geglückte) Ende der Qualifikation: "Kuranyi, Protagonist einer neuen, selbstbewussten Jugendlichkeit im DFB-Team und eindeutiger Gewinner der langen, mitunter leidvollen Qualifikation." Nach einem Fußball-Jahr voller Sorge und Verdruss blickt die FAZ nach vorne: "Die Zukunft von Völlers Team hat gerade erst begonnen."

Drittens die "alten" Spieler Fredi Bobic und Christian Wörns, die in der Nationalmannschaft noch nie so angesehen waren wie heute. "Wörns ist Deutschlands heimlichster Leistungsträger", urteilt die "Berliner Zeitung" (BLZ) über den Abwehrspieler, den Experten- und Stammtischrunden schon mal für Niederlagen verantwortlich machen, bei denen er gar nicht auf dem Spielfeld steht.

Christof Kneer (BLZ) stellt einen Wandel bei Völler fest: "Es deutet einiges darauf hin, dass diese EM-Qualifikation mit all ihren Käse-Mist&Scheißdreck-Erfahrungen aus dem Spielertrainer Völler nun einen richtigen Trainer gemacht hat. Unter dem Druck der öffentlichen Erwartungen hat der Trainer-Azubi die Rudireife abgelegt. Er hat seinen Stil verfeinert, sein Instrumentarium erweitert. Seine Ehrenkodex-Strategie hat ihn durch die WM getragen, aber er hat bald feststellen müssen, dass sie nicht für jeden Alltag taugt. Er hat lernen müssen, dass er eine überragende Begabung wie Kuranyi nicht verstecken darf, nur weil Miroslav Klose oder Oliver Neuville in einer Völler-internen Statistik mehr Treuepunkte haben. Er hat lernen müssen, dass er einen forschen Dynamiker wie Hinkel von Anfang an bringen muss, obwohl ein müder Ex-Dynamiker wie Marko Rehmer nach Völlers Verständnis mehr für den Fußball geleistet hat. Es ist die wertvollste Botschaft, dass sich der bislang bauchgesteuerte Teamchef auf dem Weg zum Taktiker befindet. Und er ist mutiger geworden, er hat den Widerspruch in sich selbst besiegt. Er ist ja einerseits der vielleicht größte Talentförderer, der je auf Deutschlands oberster Trainerbank saß; er hat erst Kloses und Metzelders eingegliedert, dann Raus und Friedrichs, jetzt Hinkels und Kuranyis. Aber andererseits hat er seinem Umbruch nicht wirklich getraut. Er hat sich im Zweifelsfall immer für konventionelle Genügsamkeit entschieden, für allzu routinierten Sicherheitsfußball. Gegen Schottland hatte er sich mit einer mutigen Formation erstmals selbst vom Gegenteil überzeugt, und es war für den deutschen Fußball eine gute Nachricht, dass er gegen Island abermals diesem Modell vertraute."

Jan Christian Müller erläutert in der "Frankfurter Rundschau" (FR) das Erfolgsmodell Völler: "Der Teamchef ist kein großer Stratege, kein Visionär, kein akribischer Technokrat. Er ist ein Mann des Fußballplatzes, hat ein gutes Auge dafür, wer sportlich und charakterlich ins Team passt. Er lässt Leine, und er trifft mitunter Bauchentscheidungen zum Wohle des großen Ganzen. Das zeichnet einen erfolgreichen Verantwortlichen mehr aus als trainingsmethodisches Grundwissen. Seinen cholerischen Ausbruch vor laufenden Kameras hat Völler unbeschadet überstanden. Er weiß selbst, dass die öffentliche Zustimmung mit seiner Popularität und einem verbreiteten Gefühl der Abneigung gegen die Medien zu tun hat. Wenn nun behauptet wird, er habe damit den Spielern Gutes getan, so ist dies ausgemachter Blödsinn. Völler kann von Glück sagen, dass die Mannschaft ihre Pflichtaufgaben gegen Schottland und Island dennoch so bravourös gelöst hat. Wobei das 3:0 gezeigt hat, dass dieses deutsche Team nicht gefestigt ist. Sonst wäre es nach formidablem Auftakt nach dem Wechsel nicht in Bedrängnis geraten. Aber es gibt keinen Grund, die jungen Kräfte für fehlende Reife zu rügen. In der Breite ist der deutsche Fußball stärker als zur WM 2002. Er kommt frecher, forscher, ungestümer daher."

Torsten Haselbauer (FAZ) berichtet über Leistung und Anerkennung Otto Rehhagels in Griechenland: "Ausnahmsweise ist sich die gesamte, sonst immer völlig zerstrittene griechische Fußball-Öffentlichkeit einmal einig: Diesen Erfolg hat nur Rehhagel gebracht, weil er fast die gesamte griechische Fußballstruktur verändert hat. Seit Rehhagel für rund 400 000 Euro jährlich das Sagen hat, ist nicht mehr die Mannschaft der Star, sondern ihr deutscher Trainer. Das überaus harmonisch auftretende Nationalensemble gibt den sonst traditionell zerstrittenen Spielern aus den drei Athener Großvereinen AEK, Panathinaikos und Olympiakos Piräus plötzlich wieder eine Art emotionale Bindungskraft. Es sei wieder schick, im Nationalteam zu kicken, seitdem Rehhagel auf der Bank sitze, erklären die extrem individualistischen und imagesüchtigen griechischen Spieler. Rehhagel machte die Nationalmannschaft wieder populär - bei den Spielern und Fans gleichermaßen. Am Samstag zum Spiel gegen Nordirland reiste Prominenz aus ganz Griechenland ins Athener Panathinaikos-Stadion "Leoforos Alexandras" an. Darunter der legendäre und von allen Griechen verehrte Komponist Mikis Theodorakis, der eigens eine neue Hymne komponierte, die vor dem Spiel von einer Blaskapelle intoniert wurde. Rehhagel setzte seine Fußballideen konsequent und mit langem Atem im kurzlebigen griechischen Fußballgeschäft durch."



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