Fußball-Pressespiegel "Die alte Bestie Bayern"

Obwohl der FC Bayern München in der Bundesliga dem Spitzentrio Stuttgart, Bremen und Leverkusen weiter hinterher hinkt, feiert sich der Rekordmeister nach dem Remis bei Werder erneut als großer Sieger, was die Kommentatoren sehr in Frage stellen. Komplimente erhält Herthas Interimscoach Andreas Thom.


Enttäuscht und gelangweilt erleben die Chronisten die Darbietungen der Spitzenteams an diesem Spieltag. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) vermisst Leben in der Bude: "Zuvorkommend und gesittet wie lange nicht ging es in winterlicher Atmosphäre zu." Tabellenführer VfB Stuttgart, ungeschlagen, spielt erneut 0:0, auch weil Jung-Star und Vertrags-Pokerspieler Kevin Kuranyi nicht trifft: "Nirgends steht geschrieben, dass beim Unentschieden keine Tore erzielt werden dürfen", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) Kuranyi und den Stuttgartern ins Stammbuch.

Wenn Bayerns Manager Uli Hoeneß die Nackenhaare aufstellt, schauen und hören alle genau hin. Beim 1:1 zwischen Bremen und Bayern stört sich die "Tageszeitung" (taz) an seiner Prahlerei: "Ein weitgehend nichtssagendes 1:1 führt dazu, dass ein Würstchenfabrikant nun wieder glaubt, die beste Fußballmannschaft des Landes zu managen." Ein Glückwunsch geht an Andreas Thom, Berliner Trainer auf Zeit, für seinen erfolgreichen Einstand beim 1:1 in Dortmund; die FAZ erklärt das Erfolgsmodell Thom: "Eine Berliner Schnauze weckt die verstummte Hertha." Daran zweifelt die ortskundige taz: "Thoms Manko: Er ist Berliner, und in Berlin wollen sie als Chefcoach einen Weltmann oder das, was sie dafür halten, einen Isländer beispielsweise."

Josef Kelnberger (SZ) wendet sich von den Spitzenspielen ab: "Deutsche Spitzenspiele gelten als Domäne des FC Bayern München. Macho-Spiele. Da werden Zauberer entzaubert, Emporkömmlinge zurechtgestutzt. Verhältnisse gerade gerückt, da wird Charakter gezeigt von echten Kerlen. Sinnbildlich für Spitzenspiele steht das gereckte Kinn von Oliver Kahn, oder auch die sich überschlagende Stimme von Uli Hoeneß, die einen Trend beschwört, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in die Welt zu setzen versucht: lang anhaltende Dominanz des FC Bayern, respektive unwiderstehliche Aufholjagd. Bei Lichte besehen ist der Münchner Ertrag immer noch kümmerlich. Platz vier, sechs Punkte Rückstand auf den VfB Stuttgart. Die Tabellenspitze ist festgefahren seit Wochen, und deshalb fiebert man dem Samstag entgegen, wenn sich die ersten Vier duellieren, die Bayern gegen den VfB, Leverkusen gegen Bremen. Spitzenspieltag. Werden die Bayern vom Thron gestoßen, oder schaffen sie es, den VfB in die Krise zu stürzen? Hält Augenthaler die Leverkusener auf Kurs, brechen die Bremer wieder ein? Existenzielle Fragen gibt es zu klären, Tugend und Charakter sind gefragt. Wer sich Spaß und Unterhaltung erhofft, wird sich wohl anderen Schauplätzen zuwenden müssen."

 Uli Hoeneß: Drohkulisse auf Knopfdruck
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Uli Hoeneß: Drohkulisse auf Knopfdruck

Christof Kneer kontert in der "Berliner Zeitung" die Einschüchterung von Uli Hoeneß: "Man hat Uli Hoeneß wieder einmal bewundern müssen. Keiner kann so gut mit den Gesichtern hantieren wie der Manager des FC Bayern München. Wenn er will, kann er auf Knopfdruck seinen Drohkulissenblick einschalten, worauf sich die ganze Liga sowie halb Europa erschrecken. Die Münchner leben nicht schlecht von ihrer Legende, und sie haben sich die Legende redlich verdient. Der Mathematiklehrer Ottmar Hitzfeld hat seiner Elf einen aufs Ergebnis berechneten Mathematiklehrerfußball beigebracht, den die Gegner fürchten, weil sie die Regeln nicht verstehen. Die Bayern sind wieder die Bayern; das ist die Botschaft, die sie hören sollen in der Liga und in Anderlecht. Vielleicht werden sich wieder ein paar finden, die diese Botschaft glauben. Die Wahrheit ist aber, dass dem FCB zurzeit die rechte Glaubwürdigkeit fehlt. Man wird das Gefühl nicht los, dass der FC Bayern all die markigen Sätze in Wahrheit an den FC Bayern adressiert hat. Die alte Bestie versucht sich selbst einzureden, dass sie immer noch die alte Bestie ist."

Paul Engeln schildert in der "Frankfurter Rundschau" die laute Bescheidenheit der Bayern: "Die Bayern lobten sich, nominell offensiv aufgestellt, hinterher nur für ihre zerstörerische Defensivkraft. Dass Ballack so toll und stabilisierend (und auch ausschließlich) nach hinten gearbeitet hätte. Dass die Abseitsfalle zuverlässig zugeschnappt sei. Dass der Bremer Spielfluss "sehr sehr clever" (Kahn) unterbunden wurde. "Die Bremer hatten zuletzt gezaubert", bekundete Ottmar Hitzfeld. Diesmal nicht. Es zeigt ein wenig die aktuellen Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball, wenn sich die Bayern damit höchst zufrieden zeigen, die andern am Zaubern gehindert zu haben. Uli Hoeneß war sogar so zufrieden, dass er gleich mal seine Einschätzung zurücknahm, Werder wäre momentan die beste deutsche Mannschaft. "Werder war Favorit", sagte er mit besonderer Betonung auf dem Wörtchen "war", "und ich dachte, so spielen sie auch." Hoeneß grinste, zeigte sich mit sich und seiner Bayern-Welt sehr im Reinen und verschwand. Keine Frage, aus diesem Spiel ohne Sieger hatte Hoeneß einen klaren Sieger herausgelesen: seine Bayern."

Claus Dieterle (FAZ) schreibt über den guten Einfluss Andreas Thoms auf die Berliner: "Thom gebührt das Verdienst, aus einem haltlosen Haufen fürs erste ein kompaktes Team gemacht zu haben. Auch wenn der frühere Nationalspieler seinen Anteil am Teilerfolg herunterspielte. "Was konnte ich schon groß machen in der kurzen Zeit?" Bei Thom ist es womöglich weniger der Inhalt, sondern mehr die Verpackung, die seine rasche Wirkung ausmacht: die flapsige Berliner Schnauze, aus der sich alles nicht so schrecklich nüchtern anhört wie aus dem Mund des verkrampften Holländers Stevens. Man hat Thom wohl als eine Art Krampflöser eingesetzt, als Stimmungskanone."



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