Fußball-Pressespiegel "Gegenentwurf zur Gesellschaft voller Zukunftsangst"

Während in Berlin das Gerede über den Trainer von neuem beginnt, erfreut sich die Republik an den Sturmläufen der Stuttgarter. VfB-Spiele sollten als Antidepressivum verschrieben werden, wird gefordert. Dagegen bereitet das Mittelmaß, mit dem sich Branchenführer Bayern München derzeit durch die Stadien schleppt, eher Unbehagen.


Weiter Jubel über den VfB Stuttgart, den ungeschlagenen Spitzenreiter! Nach dem 4:1-Sieg über den SC Freiburg reibt sich die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über die kinderleichte Entwicklung ihre Augen: "Reifeprozesse sind in der Regel schmerzhaft. Daß schlechte Erfahrungen den nachhaltigsten Lerneffekt zeitigen, fassen Heranwachsende nur selten als Trost auf. Dem VfB Stuttgart gelingt in dieser Saison das Kunststück, seine Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden, ohne größere Rückschläge zu verarbeiten (...) Die Stuttgarter widerlegen derweil all jene, die ihnen wegen ihres Jugend-Stils nur den Kurzzeiterfolg zugetraut haben."

In den Hintergrund gedrängt fühlen sich die Bayern. Die "Berliner Zeitung" erkennt die wahren Ausmaße der "größtmöglichen aller Bayern-Krisen: nicht einmal mit einem veritablen sportlichen Durchhängen beachtet zu werden." Alle Reporter spitzen derzeit die Ohren - und hören nichts. Haben die Bayern denn keinen Mumm, über den Schiedsrichter zu klagen? Es wäre doch angebracht, wenn er auf die Schwalben des Gegners hereinfällt. Zu ihren Glanzzeiten beschwerten sich Uli Hoeneß, Franz Beckenbauer und Ottmar Hitzfeld schon mal, wenn sie vom Pfiff profitierten. Sie sind Profis: Sie wissen, dass man einem Tabellen-Fünften weniger glaubt als einem Tabellen-Ersten. Sie spüren, dass man sich von Vertretern einer Mannschaft des "Mittelmaßes" (Hitzfeld) weniger ins Notizbuch und ins Mikrofon diktieren lässt als von einem Champions-League-Sieger.

Was gibt's Neues in Berlin? Hertha verliert, und die Fans fordern den Rauswurf von Trainer Huub Stevens. Na, so was! Die "tageszeitung" teilt uns den Spott der Beobachter mit: "Der neue Slogan, den sich die Berliner Journalisten zuraunen, heißt: Nach dem Ultimatum ist vor der Entlassung."

"Antidepressivum aus dem Schwabenland"


Peter Heß preist in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die Stuttgarter: "Bedenkenträger wegtreten, Miesmacher 'Mund zu', Pessimisten und Besitzstandswahrer, trollt euch! Alles wird gut. Mit dem VfB als Wahlkampfhelfer könnte sogar die SPD eine Volksabstimmung gewinnen. Die Stuttgarter Fußballprofis bilden zur Zeit einen lebendigen Gegenentwurf in kurzen Hosen zu einer Gesellschaft voller Zukunftsangst. Der Gegner überraschend stark? Na und. Die Beine schwer? Macht nichts. Der eigene Torwart leitet den Ausgleich zum psychologisch ach so ungünstigen Zeitpunkt unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff ein? Wird schon werden. Und siehe da - es wurde was. Nach einer holprigen ersten Halbzeit besiegte der VfB den SC Freiburg noch 4:1. Drei wunderschöne Tore von Tiffert, Hleb und wiederum Kuranyi in nicht einmal vier Minuten versetzten die schwäbische Anhängerschaft in Verzücken. Die VfB-Vereinsmitgliedschaft wirkt derzeit wie ein Antidepressivum - es sollte sie auf Krankenschein geben."

"Beunruhigens Mittelmaß"


Jubelnde Stuttgarter: "Bedenkenträger wegtreten!"
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Jubelnde Stuttgarter: "Bedenkenträger wegtreten!"

Jörg Hahn (FAZ) kommentiert die Lage bei den Bayern: "Zu gut ist schlecht, nicht gut genug ist auch schlecht. Die Fußball-Bundesliga braucht keinen erdrückenden Branchenführer, aber einen FC Bayern, der seinem eigenen Anspruch gerecht wird. Zwischen den Polen einsame Spitze und beunruhigendes Mittelmaß muß es doch einen Platz geben für die Münchner. Auf der einen Seite dürfen die nationalen Konkurrenten ja nicht gleich jede Hoffnung verlieren; auf der anderen Seite sollte das Selbstwertgefühl der Bayern doch so groß bleiben, daß überdurchschnittliche Leistungen normal und herausragende Spiele möglich sind. Wie vor Jahresfrist ist der Klub in ein herbstliches Tief geraten. Damals zeichnete sich in der Champions League das frühe Scheitern ab, und in der Bundesliga zeigte der Trend trotz Tabellenführung vorübergehend nach unten. Ist diesmal alles gar nicht so schlimm? Weder auf europäischem noch auf heimischem Terrain ist schon irgend etwas endgültig verspielt. Doch die Indizien verstärken sich, daß sich die Bayern mit grundlegenden Schwierigkeiten und nicht bloß mit einer temporären Schwäche herumplagen. Welche Mittel hat Hitzfeld jetzt noch? Wenn er die bekannte Formel 'Nerven bewahren und Charakter zeigen' bemüht, wirkt er damit - wie das ganze Team - ohne Esprit und Entschlossenheit."

Lockerheit vs. Zweckmäßigkeit


Thomas Kilchenstein vergleicht die Bayern in der "Frankfurter Rundscahu" mit der Konkurrenz: "Sicherlich haben die Bajuwaren, angesichts des frühen Aus in der Champions League im vergangenen Jahr, dieses Mal gesteigertes Augenmerk auf die Königsklasse gerichtet, doch bemerkenswert ist, dass sie die Doppelbelastung deutlich schlechter wegstecken als etwa der VfB Stuttgart. Den Schwaben scheint alles zuzufliegen, nichts sieht nach Mühsal oder gar Arbeit aus: Leicht und locker schweben sie von Sieg zu Sieg, bisweilen reichen ihnen schon 180 flotte Sekunden. Leicht und locker wird es bei den Bayern nie aussehen. Das ist nicht ihr Stil. Sie bevorzugen die Zweckmäßigkeit. Wenn sie so weitermachen, wird es dauern, ehe sie wieder da stehen, wo sie gemäß des großmäuligen O. Kahn hingehören: 'Wir fühlen uns nicht wohl, wenn wir nicht auf Platz eins stehen.' Wir befürchten das Schlimmste."

"Zickereien und muskuläre Zwickereien"


Katrin Weber-Klüver (BLZ) ergänzt: "Vielleicht fragen Sie sich, was aus dem Superklub geworden sein mag, der in der vergangenen Saison schon bald nach der Winterpause Meister wurde. Und dann entdecken Sie den FC Bayern München: Da ist er ja, und spielt hier und heute in der Bundesliga nur eine Nebenrolle. Nicht viel größer als die des Ortsnachbarn 1860, des Mittelmaßes schlechthin. Mit Stuttgart, Leverkusen und Bremen gibt es gleich drei Protagonisten in der Liga, die seit Wochen zuverlässig und jeder nach eigener Art weit besseren und erfolgreicheren Fußball bieten als der FC Bayern. Für diese Bayern müsste die Platzierung auf einem Uefa-Cup-Rang mit schon reichlich Abstand zur Tabellenspitze per se eine Krise darstellen. Und müsste daher auch einen Schmaus für Scharen schadenfroher Antibayern bedeuten. Nur: Wo es zum einen durch die Hildebrand, Kuranyi, Micoud, Ailton und Schneider unterhaltenderen Fußball gibt - und zum anderen in den tiefen Tiefen der Liga bewegendere Krisen um Trainer, Manager und Varianten befristeter Vereinbarungen, da können temporäre Augenprobleme eines Nationaltorhüters, Zickereien unter eifersüchtigen Stürmern und muskuläre Zwickereien hochtalentierter Mittelfeldspieler als thematische Highlights einfach nicht mithalten."

"Der Bocksgesang findet seine Fortsetzung"


Javier Cáceres meldet für die "Süddeutsche Zeitung" nichts Neues aus Berlin: "'Stevens raus!', gellte es aus der Kurve, in der die mitgereisten Fans des Hauptstadtklubs standen. Eine Woche lang hatten sie den Ruf heruntergeschluckt, um ihren Teil zur Beruhigung der Lage beizusteuern. Und nun? Nun hat Stevens wieder die Gewissheit, dass ihm seitens der Sympathisanten des Vereins eine Fehlertoleranz nahe Null eingeräumt wird. Die Lage ist wieder so ultimativ wie vor den beiden Visiten in Rostock. Dort hatten ihm zwei Siege hintereinander den Arbeitsplatz gesichert, durch Tore von Stürmern (Nando Rafael, Luizão), die über ein Jahr lang nur deshalb keine Spinnweben von ihren Beinen fegen mussten, weil sie sich dann und wann aufwärmen durften. Rostock ist vergessen, der Bocksgesang findet Fortsetzung, mit der brachialen Gewalt der Schicksalsträchtigkeit. Als hätte eine faustische Hand das Drehbuch verfertigt."



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