Fußball-Pressespiegel "Hektoliter Bier, Lastwagenladung Zigaretten"

Routiniert nahmen die Bayern ihren elften nationalen Pokalsieg zur Kenntnis. Ausgelassene Freude mochte angesichts des Versagens auf der großen Fußballbühne nicht aufkommen. Auch Mario Basler vom unterlegenen Finalgegner hatte kaum Spaß. Der Lauterer kam in seinem letzten Pflichtspiel für den FCK nicht zum Einsatz.


Mario Basler: "Mehr Ärger als Länderspiele"
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Mario Basler: "Mehr Ärger als Länderspiele"

Vor 10 oder 15 Jahren wäre das "Double" ein außerordentlicher sportlicher Erfolg gewesen. Für den FC Bayern München des Jahrgangs 2002/03 ist der Gewinn von Meisterschaft und Pokal innerhalb einer Spielzeit nur ein "Trostpflaster", so "die tageszeitung" (taz), für das frühe Ausscheiden auf internationaler Bühne. "Nie ist die Champions League für den Verein so präsent gewesen wie in diesem Jahr, als sie abwesend war", fasst die "Financial Times Deutschland" (FTD) die Einsichten und Empfindungen der Münchner Wortführer zusammen.

Wie nach der Entscheidung im Titelrennen Ende April sprach Manager Uli Hoeneß auch nach dem 3:1 im Pokalendspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern hauptsächlich über die Ambitionen seines Clubs in der europäischen Königsklasse und wie die diesjährigen Erfolge in Relation zur "Schande" im vergangenen Herbst zu setzen sind. Bedenklich, welchen Wertverlust die nationalen Wettbewerbe hierzulande erfahren haben. Bedenklich auch - das führte das schnell entschiedene Finale noch einmal vor Augen -, wie dominant der deutsche Branchenführer geworden ist.

Die "Riesen in einem Land der Zwerge", urteilte die "Süddeutsche Zeitung" (SZ), sind ihrer Konkurrenz aus Dortmund, Gelsenkirchen und Berlin derzeit weit voraus: sportlich, ökonomisch und politisch. Folglich vernachlässigen die Autoren der Tageszeitungen die Berichterstattung über das einförmige Geschehen auf dem grünen Rasen und gewinnen statt dessen ihre Erkenntnisse aus den Signalen nach dem Schlusspfiff.

Matti Lieske ("taz") beobachtet die Machtzirkel der Fußballnation. "Alle, die wirklich wichtig sind für den Meister und Cupsieger, durften beim Saisonabschluss-Bankett am lang gestreckten 'Tisch 1' Platz nehmen. Wie einst bei der Tafelrunde von König Artus bildete das Monstrum den Mittelpunkt, um den sich alles andere gruppierte: die Spieler, die Wirtschaftspartner und die übrigen Gäste minderer Wertigkeit. Die ganz Minderen mussten draußen im Foyer der Berliner Zentrale von Sponsor Telekom verweilen. An Tisch 1 saßen also mit Begleitung die Herren Rummenigge, Hoeneß, Müller-Wohlfahrt, Scherer, Hopfner, Hitzfeld; es saßen dort Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber und Innenminister Otto Schily, einige herausragende Geldgeber, und selbst für Franz Beckenbauer hatte sich noch ein Plätzchen am Rand gefunden. Fehlte eigentlich nur Leo Kirch, dessen Beitrag zum viel zitierten Double in dieser Saison ja nicht unerheblich gewesen war. Auch der größte Tisch bietet jedoch nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen, weshalb es zum Beispiel Justizministerin Brigitte Zypries nicht geschafft hatte ins Bayern-Elysium. Auch Gerhard Mayer-Vorfelder, der DFB-Präsident, war nicht wichtig genug und musste an Tisch 15, weitab vom Nabel der Macht. Während im Foyer sonnenbebrillt Udo Lindenberg umherschlich, erhob sich drinnen Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge, um den kurzen offiziellen Teil mit einer kleinen Rede zu eröffnen. Bemerkenswert vor allem, dass er Schily vor Stoiber begrüßte - für die fußballerische Vertretung eines Freistaates eine erstaunliche Konzession an den Föderalismus - und in seinen umfangreichen Danksagungen den jüngst durch vorwitzige Äußerungen in Ungnade gefallenen Klub-Präsidenten Franz Beckenbauer wegließ. Das versuchte anschließend Telekom-Vorstand Josef Brauner auszubügeln, der zudem Frau Zypries an ihrem Katzentisch entdeckt hatte. Ansonst äußerte sich Rummenigge versöhnlich und erneuerte vorsichtig seine einstige These vom besten Bayern-Kader aller Zeiten. Kein Wort mehr von Schande und Blamage, dennoch wurde auch an diesem Abend deutlich, dass Meisterschaft und Pokal den Schmerz über das internationale Debakel lediglich gedämpft hatten. Weit häufiger als der Begriff 'Double' tauchte nämlich das Wortpaar 'Champions League' auf - jener Wettbewerb, in dem die Bayern diese Saison so gar keine Rolle gespielt hatten, höchstens die des Klassendeppen."

"Ein Handtuch um die bloßen Lenden geschwungen"

Sven Goldmann und Michael Rosentritt vom "Tagesspiegel" berichten von bayerischen Feierlichkeiten. "Wenn Karl-Heinz Rummenigge eine Rede hält, ist das ein bisschen wie früher bei den Parteitagen der SED. Bevor er zur Sache kommt, wird erst einmal eine ellenlange Liste der anwesenden Würdenträger verlesen. Nur betet Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende der Bayern München AG, nicht die Mitglieder von Politbüro, Zentralkomitee und Bezirksleitung herunter, sondern Aufsichtsratsvorsitzende, Generaldirektoren und Prokuristen. Als bekennender CSU-Wähler ist Rummenigge ohnehin aller kommunistischen Umtriebe unverdächtig. Als ersten Ehrengast begrüßt er zwar den 'sehr geehrten Herrn Innenminister Schily' vor seinem Spezi Edmund Stoiber, aber der ist dann auch schon, eine Spur wärmer, der 'liebe Herr Ministerpräsident'. So viel Sympathie muss schon sein beim mitternächtlichen Bankett. Stoiber und Rummenigge sind einander an diesem Abend schon einmal begegnet. Das war viertel nach zehn im Bauch des Olympiastadions, und Stoibers Leibwächter hatten darauf bestanden, dass die Tür zur Mannschaftskabine einen Spalt breit offen blieb. Stoiber huschte in dem Augenblick in das Separee seiner siegreichen Bayern, als Karl-Heinz Rummenigge zur Dusche spazierte, ein Handtuch um die bloßen Lenden geschwungen. Stoibers Gattin wirkte ein wenig irritiert, und Rummenigge wird sich wohl gedacht haben, dass es bessere Orte gibt, die Glückwünsche des Landesvaters entgegenzunehmen."

"Ein wildes Leben war es nicht"

Ralf Wiegand ("SZ") verabschiedet den Möchtegern-Rebellen Mario Basler. "Ein wildes Leben war es nicht. Ein paar Hektoliter Bier, eine Lastwagenladung Zigaretten, sonnige Nachmittage auf der Rennbahn, schummrige Abende beim Kartenspiel; dazu ein paar Attacken gegen die, die ihn abservierten: den DFB, die Bayern. Bei weitem nicht das, was man erhofft von einem revoltierenden Profi, der findet, 97 Prozent aller Bundesliga-Profis seien Ja-Sager. Er natürlich nicht. Aber was hat Mario Basler damit erreicht, seine Zigarette nicht erschrocken auszudrücken, wenn eine Kamera auftauchte, wie das andere tun? Oder sein Bier zu trinken, wenn ihm danach war, auch live im Fernsehen? Nichts, höchstens mehr Ärger als Länderspiele. Bestenfalls ein Image. Um den Ärger zu verarbeiten, verkauft so ein Spieler seine Schwäche als Abgrenzung gegenüber der stromlinienförmigen Masse."



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