Fußball-Pressespiegel "Hilflose kleine Jungs, von großen Brüdern geärgert"

Die Lehrstunde der französischen Fußballer für die deutsche Nationalmannschaft war das Thema des vergangenen Sportwochenendes. Während DFB-Teamchef Rudi Völler nun ganze Arbeit leisten muss, um seine Mannschaft von einem Minderwertigkeitskomplex zu befreien, haben die deutschen Fußball-Damen neuen Auftrieb bekommen.


"Kleine gibt es vielleicht nicht mehr - aber Große", teilt die "Berliner Zeitung" DFB-Teamchef Rudi Völler mit, dessen Lieblings-Satz lautet, es gebe keine Kleinen mehr im Weltfußball und der bei der 0:3-Niederlage Deutschlands gegen Frankreich erneut erkennen musste, einen zweitklassigen Weltmeisterschafts-Zweiten zu trainieren. Die deutschen Tageszeitungen urteilen streng und mit den Händen überm Kopf: "Die Franzosen haben Völlers Auswahl die Hosen herunter gezogen", schreibt die "Frankfurter Rundschau" hemdsärmelig; die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat sehr viel ernstes zu sagen: "Abstieg in die Zweitklassigkeit" und "Fiasko mit Selbstaufgabecharakter"; die Deutschen seien ein "Spielball für eine Künstlertruppe" gewesen, "für die Fußball-Nationalmannschaft gibt es nach den vielen scheinbar widersprüchlichen Erfahrungen der letzten Jahre nur noch zwei Kategorien von Konkurrenten auf der Welt: Gegen die einen tun sich die Deutschen schwer, gegen die anderen verlieren sie glatt." Der "Wirklichkeitstest" gegen den Europameister Frankreich "fällt so niederschmetternd aus wie die Pisa-Studie: Von der internationalen Spitze sind die Deutschen erschreckend weit entfernt." Puh!

Viel Lob dagegen für die Sieger, für Zinedine Zidane und "seine Ballfertigkeit, die nie ornamental, sondern von mönchischer Ernsthaftigkeit ist", wie die "Süddeutsche Zeitung" ihn huldigt. "Bild" schließt Zidane und "die Füße Gottes" ins Gute-Nacht-Gebet ein: "Merci, für diese Vorstellung!" und schlägt nach dem 13:0-Sieg der Weltmeisterinnen gegen Portugal dem DFB vor: "Schickt doch besser unsere Frauen zur EM!"

Philipp Selldorf ("SZ") sieht das anders: "Da kaum jemand auf die Idee kommen wird, die alles in allem bestürzende Niederlage auf das Fehlen von Carsten Ramelow zurückzuführen, müssen die Sympathisanten der Nationalelf mit den harten Tatsachen zurecht kommen. Die besagen, dass Deutschland und Frankreich zwar freundschaftlich verbundene Nachbarländer sind, deren Staatsmänner ihre Entscheidungen über gemeinsame Belange in brüderlicher Einheit treffen. Dass im Fußball Welten die führenden Vertreter voneinander trennen, weshalb Gemeinsamkeit nur darin besteht, dass beide Seiten mit elf Mann und in kurzen Hosen antreten. Diese Einsicht hätte sich auch vor der Partie schon gut begründen lassen. Dann hätte man auf das Spiel verzichten und sich einige Minderwertigkeitskomplexe ersparen können, an denen Rudi Völler nun noch viele Monate zu doktern hat."

"Ins Lager der Franzosen übergewechselt"


Die Arena "Auf Schalke" ist kein gutes Pflaster für Länderspiele. Vor zwei Jahren, beim 0:0 gegen Finnland, klagte Trainer Michael Skibbe über fehlende Unterstützung der Fans. Für Schalke-Fans gibt es scheinbar nichts anderes als Schalke. Nach 20 Minuten riefen sie damals nach Mike Büskens, einem ehemaligen Schalker Recken. Christoph Biermann (SZ) ist auch dieses Mal von den deutschen Fans enttäuscht: "Minutenlang war es so still, dass man einem Bekannten auf der anderen Seite des Stadions etwas hätte zurufen können. Bei den Spielen der deutschen Nationalelf hat sich eine ganz eigene Zuschauerkultur entwickelt, die mit der im Vereinsfußball nicht zu vergleichen ist. Am Verhalten auf den Rängen merkt man, dass der Gelegenheitsbesucher die Szenerie bestimmt. Er kommt und nimmt in der Haltung seinen Platz ein, dass jetzt bitteschön die Unterhaltung beginnen soll. Vom DFB wird solch passives Verhalten gefördert. Das Rahmenprogramm ist prall gefüllt und die Unterhaltungsfilmchen werden so laut eingespielt, dass man sich kaum unterhalten kann. Geschweige denn auf die Idee kommt, Sprechchöre anzustimmen. Höhepunkt der Einstimmung aufs Spiel sind stets die peinlich schlechten Darbietungen des Ensembles eines Freizeitparks, mit dem der DFB zusammenarbeitet. Seit einigen Monaten gibt es einen so genannten Fan-Club der Nationalmannschaft, 'powered by' einem amerikanischen Limonadenhersteller. 7000 Mitglieder haben sich bei dieser Einkaufsgemeinschaft angemeldet, zu deren Leistungen Vorkaufsrechte für Eintrittskarten, die Streichung der Vorverkaufsgebühr und verbilligte Fanartikel gehören. Wahrscheinlich sieht der DFB den Fan so am liebsten. Wohin das alles führt, konnte man zum Ende des Spiels sehen, als die unterhaltungsbereiten Schnäppchenjäger ins Lager der Franzosen überwechselten."

"Mundwinkel wie bei Günter Grass"


Duell zwischen Zinedine Zidane und Jens Jeremies: "Von mönchshafter Ernsthaftigkeit"
DPA

Duell zwischen Zinedine Zidane und Jens Jeremies: "Von mönchshafter Ernsthaftigkeit"

Philipp Selldorf (SZ) schaut Rudi Völler ins Gesicht: "Rissen vor lauter Trübsal die hängenden Mundwinkel den Schnurrbart mit? Oder war es Täuschung, und der Schnurrbart zog die Mundwinkel nach unten wie es bei Günter Grass immer geschieht? Jedenfalls sah Rudi Völler müder und älter aus als er eigentlich ist. Diese 90 Minuten hatten in seinem Gesicht die Spuren von Jahren hinterlassen, denn es schien ihm wohl, als hätten sie seine im August 2000 begonnenen Arbeiten als Teamchef schlagartig für nichtig erklärt: "Es tut ein bisschen weh." Schreie vor Schmerz hätte man aus der Kabine hören müssen, Wehklagen und Heulen, weil die Franzosen in der zweiten Hälfte mit ihrem Gegner gespielt hatten bis zur Demütigung. Es gab Passagen, da liefen die Deutschen zwischen den französischen Quer- und Kurzpässen minutenlang so hilflos umher wie kleine Jungs, die von ihren großen Brüdern geärgert werden."

"Prophetischer Satz des Franken"


Christian Zaschke (SZ) spöttelt: "13:0, das ist so ein unwirkliches Ergebnis, so hoch, so gewaltig, so demütigend wohl auch, wenn man mit den freundlichen Portugiesinnen fühlt, die gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen diese hohe Niederlage einstecken mussten. Wer kann so etwas erklären, wer kann vor allen Dingen die Stärke dieser deutschen Frauen-Elf erklären? Lothar Matthäus vielleicht, der doch so vieles erklären kann? Ein Blick ins Archiv fördert folgenden nahezu prophetischen Satz des Franken zutage: 'Die Frauen haben sich entwickelt in den letzten Jahren. Sie stehen nicht mehr zufrieden am Herd, waschen Wäsche und passen aufs Kind auf. Männer müssen das akzeptieren.' Woher der Lothar das schon wieder gewusst hat? Unwirklich, gewaltig. (...) Man kann mit harmlosen Gegnern auch mal behutsam umgehen. Wie die französischen Männer gezeigt haben, kann auch ein schlichtes 3:0 grenzenlose Überlegenheit ausdrücken."

"Das Exotische an Frauen am Ball ist verflogen"


Volker Stumpe freut sich in der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über wachsende Resonanz des Frauenfußballs: "Bis 1970 war es Frauen vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) noch verboten zu kicken. Sie taten es dennoch - und wurden milde belächelt, wenn nicht gar verhöhnt. In Siebenmeilenstiefeln und im Zeitraffer haben sie nun das nachgeholt, wofür ihre männlichen Kollegen viel mehr Zeit hatten. Und sind vorerst am Ziel. Weltmeisterinnen sind sie also seit ein paar Wochen. Und werden von all den angenehmen Begleiterscheinungen, die frischer Ruhm nun einmal so mit sich bringt, schier überwältigt (...) Am Samstag spielten sie beim 13:0 im EM-Qualifikationsspiel in Reutlingen gegen Portugal vor 13500 Zuschauern, und erstmals übertrug die ARD zur Prime Time ein Länderspiel der Frauen. Zwar als mediales Vorprogramm der Männer, die danach in Gelsenkirchen gegen Frankreich antraten. Ein Fortschritt aber ist das allemal. Vorher war Donnerstag nachmittags Frauenfußball-Zeit. Das sind wirklich neue Zeiten. Das Exotische an Frauen am Ball ist längst verflogen, und über die Pointe des alten Frauenfußball-Männerwitzes ('Trikottausch! Trikottausch!') lacht kaum noch einer. Die WM in Amerika und ein Blick in deutsche Stadien zeigen es: Frauenfußball ist auch Männersache. Man(n) schaut zu und schämt sich nicht mehr dafür."



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