Fußball-Pressespiegel "In der Liga herrscht Unsicherheit"

Der Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Der Start der Fußball-Bundesliga in eine ungewisse Zukunft und die Hoffnung auf eine dennoch tolle Saison nach den Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Fernost.

Die Lage in der Bundesliga, die am Freitag um 20 Uhr mit dem Spiel des Meisters Borussia Dortmund gegen Hertha Berlin eröffnet wird, ist widersprüchlich. "Der optimistischen Erwartung des Publikums steht eine Liga gegenüber, in der Unsicherheit herrscht" schreibt die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) angesichts der Euphorie auslösenden Finalteilnahme der DFB-Elf in Asien einerseits sowie der durch die Kirch-Pleite verursachten Finanzkrise im deutschen Fußball-Oberhaus andererseits.

Dass die Millionenverluste - abgesehen von zahlreichen unbeschäftigten Profis - vornehmlich die kleinen Vereine trifft, lässt eine zunehmende Stabilisierung der Hierarchieverhältnisse befürchten; unschwer zu erraten, dass der sportliche Reiz auf Dauer unter solchen Bedingungen leiden wird. Schließlich lebt der Fußball nicht zuletzt von Wellenbewegungen, welche vermeintliche Underdogs auf Kosten Ambitionierter an die Oberfläche spülen.

Daher stimmt es den Fan bedenklich, dass die durch Europapokalgelder aufgepäppelten "Big Five" aus Dortmund, Leverkusen, München, Berlin und Gelsenkirchen die lukrativen Plätze an der Sonne mittlerweile Jahr für Jahr unter sich ausmachen. Die Vorhersagen der Experten - die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") spricht sogar von einem "ungleichen Wettbewerb" - lassen für die anstehenden Ereignisse keine Veränderung des Status quo erwarten. Scheinbar übermächtiger Meisterschaftsfavorit ist dabei der letztjährige Dritte aus München.

"Comeback der Bundesliga wird gefeiert"

Diesen allgemeinen Entwicklungen zum Trotz richtet der Fußballfreund gebannt den Blick auf den rollenden Ball, denn "ein unbezahlbares Extrapräsent hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von ihrer versilberten Weltmeisterschaftsexpedition gen Japan und Korea heimgebracht: Bonuspunkte für die Bundesliga" ("FAZ"). "Der Boom hat in diesem Jahr viele Gesichter" schreibt die "SZ", und weiter: "Es sind die Gesichter der Spieler der WM. Von Michael Ballack oder Bernd Schneider. Oder von Miroslav Klose."

Wird die Saison 2002/2003 tatsächlich unter dem positiven Vorzeichen des Erfolgs von Völlers Equipe stehen, der ein Großteil der hiesigen Öffentlichkeit bis zu einem fortgeschrittenen Turnierstadium immerhin skeptisch und teilweise missmutig gegenüber stand? "Mit dem ersten Spieltag dieser 40. Bundesliga-Saison beginnt die Vorbereitung auf die WM 2006", bejaht die "SZ" diese Frage ausdrücklich. Kurzum: Die fußballlose Zeit ist endlich vorbei. Halten wir es also mit Roland Zorn ("FAZ"). "Hier und heute wird das Comeback der Bundesliga gefeiert, und dazu sind sogar die Verlierer des ersten Spieltages noch herzlich eingeladen."

Über 100 arbeitslose Profifußballer

Zur finanziellen Lage der Liga lesen wir bei Christian Zaschke ("SZ"). "Wie alle Unternehmen in der Krise wollen die Vereine zunächst die Personalkosten senken. 108 arbeitslose Profifußballer hat die DFL registriert, die Spielergewerkschaft VdV geht von 200 arbeitslosen "Nicht-Amateuren" aus, was Profis in den Regionalligen einschließt. Der börsennotierte Meister Borussia Dortmund wollte sein Personal zum Gehaltsverzicht bewegen - und scheiterte am Widerstand der brasilianischen Spieler. In Stuttgart fühlen sich die Spieler mittlerweile als Sündenböcke. Und mitten in diese trübe Stimmung kam der Verdacht, dass in der Liga Schwarzgeld gezahlt wurde und gezahlt wird (...) Völlig unbeeindruckt von den schlechten Nachrichten sind die Fußball-Fans. Mehr als 300.000 Dauerkarten haben die Vereine bereits verkauft, das ist ein Rekord."

"Neue Sparsamkeit das Gebot der Stunde"

Roland Zorn ("FAZ") schreibt zu diesem Thema. "Die Spieler von Teamchef Rudi Völler können nun mit dem einmal erworbenen Zusatzpfund wuchern - wenn aus der guten Tat von gestern der gute Vorsatz für morgen abgeleitet worden ist. Der Fan und Konsument erhofft sich nämlich einiges von der an diesem Freitag in Dortmund beginnenden vierzigsten Saison: eine Gala der Stars und eine Schau der Talente. Und das, obwohl die neue Sparsamkeit das Gebot der Stunde ist (...) Die dem Irdischen allzu lange entrückten Profis sind auf die Erde zurückgekehrt und sollen sich nun in der neuen Wirklichkeit mit möglichst spektakulären Nachweisen ihrer trotzdem ungebrochenen Schaffenskraft behaupten. Die noch in Lohn und Bundesligabrot sind, werden zumindest von der sportlichen Revolution verschont. Die oben waren, werden oben bleiben, die eben oben angekommen sind, schauen schon wieder nach unten. Die Gleichheit der Verhältnisse gibt es zum Nulltarif nur vor dem Anpfiff zu einer Spielzeit, die den Experten zufolge wie selbstverständlich mit einem weiteren Meisterstück der Münchner Bayern abgeschlossen werden dürfte."

"Spieler wie Ballack oder Klose wieder Vorbilder"

Des Weiteren hat Christian Zaschke ("SZ") einen Imagewandel deutscher Fußballer wahrgenommen. "Die Spieler der WM tragen ein neues Gefühl in die Bundesliga. Früher wollten die Kinder und Jugendlichen auf den Bolzplätzen Netzer sein, oder Overath. Dann kamen die Jahre, in denen sie so ziemlich jeder sein wollten, aber nicht Dremmler oder Reuter oder Freund. Sie hatten nichts gegen diese Spieler, es sind solide Fußballer. Doch sie wollten auch nicht Matthäus sein oder Brehme. Eher schon van Basten, und später dann Zidane oder Ronaldo, elegante Fußballer mit einem guten Image. Das hat sich geändert. Heute sind Spieler wie Ballack, Schneider oder Klose wieder Vorbilder (...) Dem Zuschauer helfen diese Spieler, sich mit dem Fußball weiterhin zu identifizieren. Sie machen es ihm möglich, über Kirch-Krise, Schwarzgeldverdacht und auf zwei unerträgliche Stunden gedehnte Fußballshows hinwegzusehen. Und innerhalb der Bundesliga haben sie eine Wirkung auf die jungen Spieler, die sich nun für die Nationalmannschaft empfehlen wollen."


"indirekter-freistoss" ist die tägliche Fußball-Presseschau des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) der Justus-Liebig-Universität Gießen. Unter der Leitung von Redakteur Oli Fritsch sucht ein Team aus jungen Wissenschaftlern in Tageszeitungen nach Neuigkeiten aus der Welt des Fußballs. Die Homepage bietet dem Fußballfreund aktuelle Hintergrundinformationen, zudem Buchtipps und einen täglichen Newsletter.

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