Fußball-Pressespiegel "Inferno an der Säbener Straße"

Der Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Die Krise des FC Bayern München, der Aufschwung des Stadtrivalen 1860 und die sportlich erfolgreiche Sparpolitik des VfB Stuttgart.


Über dasjenige Ereignis des Fußball-Wochenendes, welches die größte öffentliche Aufmerksamkeit absorbiert haben wird, ist am heutigen Montag noch recht wenig im deutschen Blätterwald zu finden: Die sonntägliche 0:2-Niederlage der Bayern in Bremen wird durch Redaktionsschlüsse bedingt erst morgen vollständig bewertet werden. Dass der FC Bayern dennoch mit zwei Punkten Vorsprung als Tabellenführer ins kommende Spitzenspiel gehen wird, ist dem erneuten Patzer der international glorreichen Dortmunder im grauen Alltag zu schulden. "Nach Dortmunds Höhenflug gegen Arsenal kam es bei der Landung auf dem Bundesliga-Rollfeld, wie es alle hatten kommen sehen" lesen wir in der SZ.

Der (für die Bayern mittlerweile nicht mehr nur lokale) Konkurrent 1860 München nutzte am Samstag die Gelegenheit, um mit einem 3:1-Sieg gegen Bielefeld sich ins Rampenlicht zu spielen. Noch nie sah man Fernsehstudios derart von "Löwen" bewildert. Doch angesichts dieses überraschenden Höhenflugs ist die FAZ skeptisch: "Erst der VfL Bochum, dann Hansa Rostock und nun München 1860. Die Bundesliga hat in ihrer noch jungen Saison schon so manchen Außenseiter nach oben gespült. Der Aufsteiger von Trainer Peter ("der Große") Neururer und die Schweden-Enklave an der Ostsee haben sich in der Hierarchie schon wieder an den für sie reservierten Plätzen eingeordnet. Wie lange können sich die "Löwen" auf dem dritten Platz halten?"

"Trainer-Mord in Raten"


Zur Diskussion um Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld wirft Wolfgang Hettfleisch (FR) ein. "Dankbarkeit aber darf der leitende Angestellte nicht erwarten. Für einen Topclub wie die Bayern sind Trophäen schon am Tag, nachdem sie von glückstrunkenen Mannsbildern in den Himmel gestemmt wurden, kaum mehr als schmucke Staubfänger. Die Vergangenheit, in diesem Metier doch so oft und gern beschworen, ist nichts weiter als ein Steinbruch für wohlfeile Legenden. Er wird bevorzugt dann aufgesucht, wenn jemand schweres Material benötigt, um es einem anderen über den Schädel hauen zu können. Und so kann der November-Hitzfeld 2002 dieser Tage wahrhaftig seinem eigenen Mythos begegnen - in Stein gemeißelt, von anderen drohend über seinem Haupt geschwungen. Einer muss selbiges ja hinhalten, wenn die Dinge nach den überaus strengen Maßstäben der Bayern-Verantwortlichen aus dem Ruder laufen. Hatte nicht Hitzfeld freie Hand, anzuheuern, von wem auch immer er sich sportliche Rendite versprach? Hat nicht der 53-Jährige vor dieser Saison in Michael Ballack den torgefährlichsten deutschen Mittelfeldspieler und in Zé Roberto die höchste in der Liga verfügbare B-Note bekommen (...) Einem anerkannten Meister seiner Kunst, einem mit vielen Meriten und tadelloser Reputation, schießt man nicht auf offener Bühne in den Rücken. Da gibt es andere Möglichkeiten. Fortwährendes Geschwätz kann töten. Kaltblütiges Schweigen auch. Im Fußball und in etlichen fälschlich Redaktion geheißenen Garküchen drumherum sind derlei Techniken vertraut. Und Mathe-Lehrer Hitzfeld kann allemal zwei und zwei zusammenzählen. Was da um ihn herum läuft, ist die Inszenierung seines angekündigten Todes. Trainer-Mord auf Raten."

Ottmar Hitzfeld: "Trainer-Mord auf Raten"
DDP

Ottmar Hitzfeld: "Trainer-Mord auf Raten"

Detlef Dresslein (Tsp) beschreibt die Münchner Stadtmeisterschaft. "Es sind dies die Tage des stillen Genießens für alle Fans des TSV 1860 München. An der Säbener Straße, beim stets so superioren FC Bayern, findet ein Inferno statt, blamiert man sich sportlich wie administrativ. Und das ewig im Schatten stehende weiß-blaue Münchner Fußball-Unternehmen von der Grünwalder Straße ist derweil unbemerkt auf Platz drei der Bundesliga-Tabelle geklettert. Für gewöhnlich dürfen sich die Sechziger wie ein überflüssiges Anhängsel fühlen. Bestenfalls beachtet man sie, wenn es darum geht, ein neues Stadion zu bauen. Sonst wird der TSV 1860 vom FC Bayern ignoriert. Was ja fast schon schlimmer ist, als bekämpft zu werden. Aber im Gegensatz zu den Bayern hat der TSV 1860 in dieser Saison alles richtig gemacht. Und das mit weit weniger finanziellem Aufwand und ohne überhöhte Erwartungen zu wecken. Trainer Peter Pacult spricht nie vom besten Kader aller Zeiten. Ob er das ist, sei dahingestellt. Ein guter ist es auf jeden Fall."

Thomas Becker (FR) erkennt einen Emanzipationsprozess. "Diesen Möchte-Gern-FC-Bayern, die früher nur ins Fernsehen kamen, weil sie ein Rumpelstilzchen auf und vor allem vor die Trainerbank platziert hatten? Wegen ihres Präsidenten, der nicht nur eine Gaststätte hatte, sondern auch eine heftige, gern auch öffentlich schwankende Männerfreundschaft zu eben diesem Rumpel-Trainer? Die in den vergangenen acht Jahren (mit einer Ausnahme: Rang vier im Jahr 2000) stets im Tabellen-Niemandsland zwischen sieben und 14 landeten. Die lange vor allem wegen des kleinen, säbelbeinigen Ex-Weltstars und seiner untreuen Manager-Gattin in der Zeitung standen. Deren kaum mehr als 20.000 Fans wieder zurück ins kuschlig-baufällige Grünwalder Stadion wollen, bald aber mit den ungeliebten großkopferten Nachbarn vom FC Ruhmreich in den schon vor Grundsteinlegung gehassten Kaiser-Palast in Fröttmaning ziehen müssen. Dieser so offenkundig merkwürdige Verein scheint sich gemausert zu haben. Hat einen Trainer (meist auf der Bank), der zwar ein bisschen komisch redet (er ist Österreicher), sich aber nicht aufführt, sondern still seine Philosophie von Fußball umsetzt, statt wie ein Angeschossener durch die Gegend zu blaffen (...) Pacult, dem etwas zäh wirkenden Wiener, trauten viele nicht allzu viel zu. Zu lange hatte er als Co-Trainer unter Lorant gedient und wohl auch gelitten. So wundert es nicht, dass die Emanzipation langsam von statten ging. Doch wer sich heute den Löwen-Kader anschaut, findet darin Namen und Geburtsdaten, die es unter Lorant nie gegeben hätte."

Rüssmanns Sozialromantik


Zum Vorschlag des VfB-Managers Rüssmann, Spieler sollten in Anbetracht der Finanzlage des Vereins zu dessem Wohle auf Teile ihres Gehalts freiwillig verzichten, meint Erik Eggers (Tsp). "Das allgemein gültige Bild des Fußballprofis als profitorientierter Angestellter, einer, der nur auf Mammon und Moneten schielt, war lange Zeit in Stein gemeißelt. Muss dieses Bild, da die geplatzte Luftblase der New Economy nun auch den Fußball betrifft, nun plötzlich revidiert werden? Findet gerade eine seltsame Metamorphose statt, wandelt sich der fiese und in Verhandlungen unnachsichtige Fußballprofi zu einem barmherzigen Samariter? Aber, lieber Herr Rüssmann: Ist das nicht Sozialromantik? Herr Rüssmann findet diese Nachfrage fast unverschämt. Er klärt auf über die momentane Lage in der Industrie, darüber, dass Arbeitnehmer heute Zugeständnisse zu machen haben, wollen sie ihren Arbeitsplatz behalten."

Im Rahmen des 1:0-Erfolgs in Leverkusen analysiert Peter Heß (FAZ) die Stuttgarter Personalpolitik. "Den Luxus der ungehemmten Nachwuchspflege kann sich nur Felix Magath wegen der finanziellen Not seines VfB Stuttgart leisten. Hinkel, Wenzel, Hleb, Kuranyi, Amanatidis und Tiffert spielen und spielen und werden dabei immer besser und besser. Der VfB ist mittlerweile im Bereich der UEFA-Cup-Ränge angekommen. Das muß nicht heißen, daß die Entwicklung sich geradlinig fortsetzt oder wenigstens das Erreichte gesichert wird. Aber der Jugendkult ist eine preiswerte und Identifikation schaffende Alternative zu den hektischen Einkäufen eines 1. FC Kaiserslautern, Hamburger SV, Energie Cottbus oder 1. FC Nürnberg. Die Bundesliga ist in diesem Jahr so ausgeglichen, daß mindestens acht Mannschaften noch den ersten Rang hinter Bayern München und Borussia Dortmund erobern können. Der VfB Stuttgart wird, falls es dazu nicht reicht, zumindest preiswert scheitern."

Sammer wird seine Lehren ziehen


Über das enttäuschende Heim-Remis der Dortmunder heißt es bei Felix Meininghaus (FR). "Dass sie sich so schwer taten und 69 Spielminuten benötigten, ehe Tomas Rosicky den Ball im gegnerischen Tor unterbrachte, hatte auch Sammer mitzuverantworten. Durch seine Rotation (Heinrich, Reuter, Amoroso rein, Ricken, Ewerthon, Kehl raus) trat der BVB im Vergleich zum Arsenal-Spiel mit defensiverer Grundformation an. Damit hatte Dortmunds Trainer seinen Spielern die Marschroute für ihre verhaltene Spielweise quasi vorgegeben. Und das ausgerechnet gegen den Hamburger SV, der die Reise nach Westfalen als harmloseste Auswärtsmannschaft der Bundesliga antrat. So plätscherte das Spiel vor allem in der ersten Hälfte vor sich hin, und der HSV hatte es leicht, sich in der eigenen Hälfte einzurichten. Sammer wird seine Lehren ziehen: Wer im Mittwoch-Samstag-Rhythmus bestehen will, muss nicht nur in der Königsklasse, sondern auch im Bundesliga-Alltag mutig aufstellen und couragiert agieren."



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