Fußball-Pressespiegel "Irrsinn in Leverkusen"

Mit Verwunderung registrieren die Fußballfreunde den Wandel Leverkusens vom Abstiegskandidaten der vergangenen Saison zum Tabellenführer in diesem Jahr. Es ist ein bizarres Leben in Extremen, das die Fans von Bayer 04 in der Vergangenheit durchgemacht haben.


"Erlebnispark Bundesliga", freut sich die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" über viele Geschehnisse und viele Geschichten am 5. Spieltag der Fußball-Bundesliga: "Frische neue Kräfte oder verdiente Spieler in alter Frische machten die Liga zu einer Wundertüte mit allerlei Knalleffekten."

Knalleffekt Nummer Eins: der VfL Wolfsburg schafft einen "historischen" Sieg über den FC Bayern München; das haben sie sich bisher nie getraut. Baiano, Wolfsburgs neuer Argentinier, schießt bei seinem Debüt zwei Treffer und mopst Bayern-Star Roy Makaay die Schau. "Makaays erstes Tor - ein Fall für die Statistik", spottet die "Frankfurter Rundschau". Knalleffekt Nummer zwei: Hertha BSC Berlin, Hauptstadtverein mit Ansprüchen und ohne Tore, trifft endlich und verliert nach 2:0-Führung das Heimspiel gegen Hannover 96. Die FR kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: "Makaay und Bobic treffen und gehen leer aus: Tore fürs Poesiealbum." Hannover und Wolfsburg sind die Sieger des Tages - nicht nur des Tages? Die "Süddeutsche Zeitung" behauptet steif und fest, dass die Landkarte der Fußball-Macht durcheinander geraten ist: "Niedersachsen gibt den Takt vor, in dem sich die Liga wiegt, hier schaukeln sich just zwei konkurrierende Fußballkonzerne hoch, die dem Alltag ein neues Gesicht geben könnten." Knalleffekt Nummer drei: Liga-Cup-Sieger und Uefa-Pokal-Teilnehmer Hamburg ist neues Schlusslicht, Bezwinger Leverkusen abermals Erster. Experten und "Gurus" hatten für beide Vereine einen anderen Verlauf der Dinge angekündigt. Doch wer wundert sich über Leverkusen?

Leben in Extremen


Aus Leverkusen wird Christoph Biermann (SZ) nicht mehr schlau. "Warum eigentlich, so muss man sich langsam fragen, sollte der Irrsinn in Leverkusen nicht einfach weitergehen? Denn offensichtlich kommt es dort doch mit gnadenloser Konsequenz immer anders als man denkt. Wer hätte gedacht, dass Bayer im Vorjahr fast abgestiegen wäre, davor fast die Champions League gewonnen hätte, fast im Strudel der Daum-Affäre untergegangen wäre oder in Unterhaching noch den Titel verspielte? Und wer hätte gedacht, dass die Schaukler vom Rhein am kommenden Samstag schon wieder als Tabellenführer beim FC Bayern antreten werden? Ob das Leben in Extremen - das der bizarren Logik des Klubs folgend in dieser Spielzeit nur positiv sein kann - wirklich eine Fortsetzung findet?"

Erik Eggers (FR) zweifelt am Hamburger Optimismus. "Bekanntlich ist das, was der Deutsche Wetterdienst einst nüchtern aus Offenbach vermeldete, ein Anachronismus. Jörg Kachelmann revolutionierte das Genre, als er Temperaturangaben und Windstärken um neue Faktoren ergänzte. So vermeldet der Schweizer den 'Windchill', der das subjektive Kälteempfinden beschreiben soll, wenn's kräftig bläst. Die Rede ist dann von 'gefühlter Temperatur'. Daran fühlte sich der Beobachter am Samstagabend in Leverkusen erinnert. Beim Hamburger SV sprach man zwar vom 'nackten Ergebnis' (Torwart Pieckenhagen). Und Trainer Jara bekannte: 'Wenn man die nackten Zahlen sieht, sind wir am Boden.' Sprechen ein Punkt nach fünf Spielen und Tabellenplatz 18 doch eine deutliche Sprache. Aber 'das Gefühl', sagte Nico-Jan Hoogma vor der Abfahrt nach Hamburg, sei 'anders als bei den anderen Spielen'. Der Verlierer also empfand sich, obwohl die Fakten gegen ihn sprachen, als eigentlicher Gewinner des Tages (...) Der HSV erinnert nicht nur an die moderne Wetteranalysen, sondern auch an den Zustand des Gegners in der vorigen Saison. Damals gerierte sich der Triple-Vize Leverkusen ebenfalls oft als gefühlter Sieger, bis die vielen Niederlagen in eine bedrohliche Eigendynamik mündeten."

"Ein Tor ohne Wert"


Leverkusens Franca Aug' in Aug' mit der Zauberkugel: "Es kommt immer anders, als man denkt
DPA

Leverkusens Franca Aug' in Aug' mit der Zauberkugel: "Es kommt immer anders, als man denkt

Aus Wolfsburg verbreitet Philipp Selldorf (SZ), dass eine Titelstory die andere Titelstory verdrängt hat. "Die Fotografen hinter dem Tor des VfL Wolfsburg freuten sich schon auf ein gutes Geschäft: Mit ausgebreiteten Armen segelte Roy Makaay auf sie zu, das Gesicht ein Gemälde des Glücks - endlich. Es würde die Geschichte des Tages werden, 'Makaay schießt Bayern an die Tabellenspitze' oder so etwas, und sie hätten das Foto dazu gemacht. Doch nur ein paar Minuten später mussten sie erkennen, dass sie nicht nur hinter dem falschen Tor gesessen, sondern auch den falschen Stürmer abgelichtet hatten. Der Mann des Spiels hieß Fernando Baiano. Makaay blieb nur 'ein Tor ohne Wert', wie Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld mit der rationalen Kälte eines Generals bemerkte."

Frank Heike (FAZ) bestätigt Wolfsburger Ambitionen. "Die Wolfsburger Fans jubeln, diese Anhänger, die ja einen ausgebildeten Minderwertigkeitskomplex gegenüber den traditionsreichen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig haben. An diesem stimmungsvollen Nachmittag war endlich einmal ihr VfL die Nummer eins im Norden, nicht nur tabellarisch, sondern auch gefühlt. Die Erwartungen an das rundumsanierte Wolfsburger Team inklusive Trainer sind groß. Noch zweimal haben die Verantwortlichen des von VW dominierten Klubs nachgebessert, mit aller Macht will der VfL mit dem teuersten und besten Aufgebot der letzten Jahre in den Uefa-Pokal."

Klaffende Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit


Christian Ewers (FAZ) warnt die Hertha. "Leverkusen. Dieser Name geisterte am Samstag durch zahlreiche Wortbeiträge zum aktuellen Zustand von Hertha BSC Berlin. Leverkusen steht für den steilen Absturz einer Fußballmannschaft, die antritt, um die Meisterschaft zu gewinnen, tatsächlich aber bis zur letzten Minute des letzten Spieltages um den Klassenverbleib kämpfen muß. Es geht also um die klaffende Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und in diesem Punkt weist Hertha BSC eine gefährliche Ähnlichkeit zum Leverkusener Team aus der Saison 2002/03 auf. Die Berliner waren mit dem Ziel in die Saison gestartet, einen Champions-League-Platz zu erreichen. Dieses Ziel wurde von der Mannschaft im Trainingslager selbst formuliert. Bereits nach fünf Spieltagen sind die Berliner vom oberen Tabellendrittel weit entfernt. Was schwerer wiegt, ist die tiefe Ratlosigkeit, die Trainer Huub Stevens und die Elf ausstrahlen. Die Probleme verschieben sich von Spieltag zu Spieltag, ohne daß auch nur eines nachhaltig gelöst wird."



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.