Fußball-Pressespiegel "Kein Interesse an hässlichen Toren"

Der Fußball-Pressespiegel von "indirekter-freistoss". Heute: Die Personalpolitik von DFB-Teamchef Rudi Völler, das Comeback von Fredi Bobic und das Fußballverständnis der Niederländer.


Freundschaftsspiele der deutschen Nationalmannschaft haben in den letzten Jahren im Allgemeinen an sportlicher Aussagekraft verloren. Wenn jedoch der "Erzfeind" aus dem nordwestlichen Nachbarland zu Besuch erwartet wird, steigt die öffentliche Aufmerksamkeit. Zumal die Niederländer das heutige Aufeinandertreffen in der Arena "Auf Schalke" als günstige Gelegenheit erachten, sich für die Schmach der verpassten Qualifikation für die WM in Fernost rehabilitieren zu können, während der Vizeweltmeister seinen durch wenig ruhreiche Auftritte gegen Litauen, Bosnien und Färöer inzwischen bereits beschädigten Status zu verteidigen sucht.

Zusätzliche Brisanz erlangt das Duell durch die Gegebenheit, dass heute zwei verschiedene Weltauffassungen über dieses Spiel aufeinandertreffen, die sich in Extremen wiederspiegeln: hierzulande der auf Effektivität und Disziplin ausgerichtete Arbeitsfußball - und dort das risikoreiche und ästhetische Kombinationsspiel. "So geht es bei jedem Match zwischen Deutschland und Holland eigentlich um die Frage, wie Fußball zu sein hat" ("Die Zeit").

Im Mittelpunkt der hiesigen Diskussion stand in den letzten Tagen die Forderung vieler Experten und Fußballfans nach einer Berufung Fredi Bobic , der nach langer sportlicher Durststrecke in Hannover zu alter Torjägerform zurückgefunden hat. Doch erst die gestrige Absage des etatmäßigen Stürmers Carsten Jancker machte das "Comeback des Jahres" ("Die Welt") für den Schwaben möglich. Ob er in seiner "zweiten" DFB-Karriere eine bessere Figur abgeben wird als seine bisherige Bilanz vermuten lässt (zwei Tore in 19 Spielen), ist fraglich. Da dessen Mitstreiter vom "Kommando Torauftrag" Klose und Neuville derzeit im Formtief stecken, darf die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) augenzwinkernd feststellen: "Deutschland steckt nach Renten-, Haushalts- und Arbeitslosenkrise gleich im nächsten Dilemma. Zu allem Übel nämlich hat eine Stürmerkrise das zerzauste Land ergriffen."

Roland Zorn von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) kommentiert die Nominierung Bobic optimistisch. "Der Schwabe steht, seit er Dortmund verlassen konnte, im Mittelpunkt des von Trainer Ralf Rangnick inszenierten Gute-Laune-Fußballs. Rund zwei Jahre loderte in dem 31 Jahre alten Energiebündel, in Stuttgart einst Seite an Seite mit Giovane Elber und Krassimir Balakow Teil des "magischen Dreiecks", keine Fußballglut mehr. Bei Borussia Dortmund, wohin er 1999 mit anfänglichem Schwung gekommen war, verebbte die Wucht des für zwölf Millionen Mark transferierten Nationalspielers mehr und mehr. Mit der Ausleihe an die Bolton Wanderers zeichnete sich der Abschied vom Westfalenstadion ab, mit dem Wechsel nach Hannover, bei dem Bobic erhebliche Gehaltseinbußen in Kauf nahm, war er vollzogen. Dort begann des Märchens erster Teil. Der bis dahin punktlose Aufsteiger bekam zum Nulltarif einen taufrischen, mitreißenden Dreißiger, der 96 das Tor zum Klassenverbleib geöffnet zu haben scheint (...) Bringt Bobic seinen Elan aus dem nahen Niedersachsen mit ins Herz des Ruhrgebiets, müssen die Holländer wenigstens einen deutschen Angreifer an diesem Abend fürchten."

Völlers Anhänglichkeit hat System


Stefan Hermanns erläutert im "Tagesspiegel" (Tsp) die Personalpolitik des Teamchefs. "Seitdem Völler vor zwei Jahren das Amt übernommen hat, geht er auf diesem Weg - und seitdem hat er damit beim großen Publikum schon häufiger Verwunderung ausgelöst: Warum hat Völler nach der verkorksten EM 2000 nicht einen Neuanfang mit unbelastetem Personal gewagt? Warum hat er Carsten Jancker mit zur WM genommen, und nicht Martin Max, den Torschützenkönig der Bundesliga? Völler ist wegen all seiner Entscheidungen eine Anhänglichkeit nachgesagt worden, die schon fast an Selbstaufgabe grenzt. Dabei steckt weit mehr hinter seiner Personalpolitik: System nämlich. Es ist eine romantische Vorstellung des gemeinen Fußballfans, dass die Nationalmannschaft die besten Fußballer eines Landes zu vereinen habe. Fußballtrainern aber steht nur selten der Sinn nach Romantik. Für Völler geht es um eine Grundsatzfrage: Soll die Nationalmannschaft die Elf der Besten sein oder die beste Elf? (...) Das Seltsame ist, dass Völler eigentlich nie Trainer einer Vereinsmannschaft werden wollte, dass er aber jetzt als Bundestrainer versucht, die Nationalmannschaft wie eine Vereinsmannschaft zu führen. Dazu gehört eine gewisse personelle Kontinuität, die nicht von kurzzeitigen Formschwankungen abhängt."

Ludger Schulze (SZ) erinnert an die jüngsten Duelle mit den Holländern. "Erstmals seit dem WM-Finale gegen Brasilien (0:2) misst sich seine Auswahl mit einem Gegner auf Augenhöhe. Auch wenn Völler stets betont, dass es keine "Kleinen" mehr gebe, gegen Größen wie die Niederländer tut man sich halt doch etwas schwerer. Die betrachten Begegnungen gegen die "Moffen" in der Regel als bitterernste Angelegenheit um nur etwas weniger als Leben und Tode, auch wenn sie solche Spiele herzig mit in "Vriendschappelijk", also "freundschaftlich" umschreiben. Davon war auch bei den vergangenen beiden Partien weniger als nichts zu spüren, die Oranjes spielten ihre Kollegen in Grund und Boden, so dass mancher deutsche Fußballfan am liebsten das Schengener Abkommen aufgekündigt und die Landesgrenzen wieder geschlossen hätte, jedenfalls für den Fall, dass niederländische Nationalspieler die Einreise begehren sollten. "Lustige Chronologie des Grauens" titelte die SZ nach dem absurd glücklichen 1:1 im November 1998. Und beim 1:2 im Februar 2000 in Amsterdam verlor die Mannschaft für längere Zeit den Respekt der Fußballwelt."

In Holland ist Fußball Kunst


Dennis Bergkamp: Mehr Künstler als Kicker
DPA

Dennis Bergkamp: Mehr Künstler als Kicker

"Im holländischen Fußball geht es um höhere Ziele als das Gewinnen", lesen wir von Christoph Biermann ("Die Zeit"). "Dem holländischen Fußball liegt ein ästhetisches Konzept zugrunde." Über Fußball werde in Holland anders gedacht. Während hierzulande nur das Gewinnen zähle, verfolge Holland höhere Ziele: Fußball ist Kunst. Es bringe "eine imaginäre B-Note für Schönheit" ins Spiel, die im Fußball eigentlich nicht zählt. Mit dem verlorenen Weltmeisterschaftsfinale 1974 in München haben die Holländer "die Krönung einer Epoche verpasst". Doch Johann Cruyff, Hollands größter Spieler aller Zeiten, sagt noch heute, dass ihm der Titel nicht so wichtig sei, "weil er immer wieder Menschen treffen würde, die ihm für den schönsten Fußball danken, den sie damals gespielt haben". Und Dennis Bergkamp, ehemaliger Nationalstürmer, der noch keinen internationalen Titel gewonnen hat, sagt: "Ich bin nicht daran interessiert, hässliche Tore zu schießen." Kein Wunder also, dass die holländische Nationalmannschaft bei großen Turnieren mehrfach im Elfmeterschießen ausgeschieden ist, "als ob ihr diese reduzierte Form zur Findung eines Sieges zuwider wäre".

Stefan Hermanns (Tsp) beschreibt einen Imagewechsel. "Im Sommer - während und kurz nach der Weltmeisterschaft - war Deutschland noch Kahnland. Inzwischen ist Deutschland wieder Schröderland oder Bohlenland. Kahn, dem einst Göttlichen, sind von aufmerksamen Boulevardjournalisten längst allzu menschliche Verfehlungen nachgewiesen worden: missglückte Abschläge, unterlaufene Flanken und ausschweifende Diskothekenbesuche. Dieselben Zeitungen, die aus dem Bayern-Kahn den Deutschland-Kahn für das ganze Volk gemacht haben, haben aus dem Deutschland-Kahn jetzt wieder den Bayern-Kahn gemacht. Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat nicht öffentlich darüber geredet, wie er den Umschwung in der Berichterstattung über seine Person empfunden hat. Er tut das auch an diesem Vormittag nicht, da er in der Stadthalle von Castrop-Rauxel, am Tag vor dem Länderspiel gegen Holland, zur Pressekonferenz erschienen ist. Auf den ersten Blick sitzt da der Deutschland-Kahn von der WM. Doch sein Blick schlendert ziellos durch den Saal. Seine Aussagen sind kurz bis belanglos, und wenn Journalisten ihm eine Frage stellen, schaut er in die andere Richtung, als wolle er seine volle Verachtung demonstrieren. Oliver Kahn, so scheint es, ist wieder bei sich angekommen."

Matthäus - "Franken-Machiavelli"


Verhaltensforscher Wolfgang Hettfleisch analysiert in der "Frankfurter Rundschau" Motive und Gedankenwelt des gekränkten Lothar Matthäus. "Der einstige Anführer hatte seit seinem Ausschluss aus dem Rudel allein die Weiten der Savanne durchstreift, mal hier, mal dort Anschluss gesucht, aber nur vorübergehend gefunden. So war er denn prompt zur Stelle gewesen, als die kränkelnde Sippe von mordlüsternen Feinden umkreist wurde. Statt aber zu deren Verteidigung zu eilen, säte Matthäus lieber Zwist und pries die Rückkehr zur Absoluten Monarchie unter Franz Beckenbauer als Allheilmittel. Da schimmert mehr Kalkül durch, als dem jüngeren der beiden Weltmeister für gewöhnlich zugetraut wird; fällt sein Ruf nach dem kaiserlichen Retter doch just in die Zeit, da der mit Hoeneß und Rummenigge über Kreuz lag. Gelänge es, so mag sich der Franken-Machiavelli gedacht haben, die Trias zu sprengen und den darauf zwingend folgenden Machtkampf zu Beckenbauers Gunsten zu entscheiden, wäre ihm fette Beute in Form einer Führungsposition im Klub so gut wie sicher. Dort also hat sie sich wohl eingenistet, die Verbitterung: im letztlich doch gar zu grob gewirkten Netz aus der eigenen Intrigen-Manufaktur. Und weil er, wie es sich als Weltklasse-Fußballer ziemte, im Verlieren nie besonders gut war, schmeißt Matthäus dem FCB jetzt Freundschaft, Titel und Golduhr vor die Füße. Die können ihn mal. Angebote kriegt einer wie er in Hülle und Fülle. Etwa auf seiner Homepage - von "Martl" per E-Mail: "Hey Loddar, du alte Memme. Mein Gärtner hat gekündigt.""



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