Fußball-Pressespiegel "Vereinigung von Nervenbündeln"

Der Rauswurf von Leverkusens Trainer Klaus Toppmöller ist das beherrschende Thema in den Sportteilen der deutschen Tageszeitungen. Für die sportliche Misere des Vizemeisters, der in der letzten Saison begeisternden Fußball spielte, wird auch "Folklore-Pate" Reiner Calmund verantwortlich gemacht.


"Bayer Leverkusen hat den entscheidenden Schritt zum Verbleib in der Erstklassigkeit getan", bejaht die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) ohne Hohn und Schadenfreude die Entlassung von Trainer Klaus Toppmöller nach der erneuten Heimniederlage gegen Hansa Rostock. Ausschlaggebend war der Eindruck, den die Werkself auf dem Platz hinterlassen hatte: es war die "lethargische Gesamtvorstellung" (FAZ) des "momentan schlechtesten Teams der Liga", so die "Süddeutsche Zeitung" (SZ). Die "Tageszeitung" (taz) schreibt dazu: "Eine Ruine von Fußballmannschaft kämpfte mit sich selbst, spielerisch erbärmlich, ohne Power und Willen, konteranfällig, verunsichert, nervenblank." Vor einem halben Jahr hätten Fußball-Experten den Sturz des Champions-League-Finalisten für unmöglich gehalten. So paradox es jedoch klingen mag, es scheint tatsächlich eine Konstante in Leverkusen zu geben, "ein Gesetz: Bei wichtigen Spielen bleibt Bayer grundsätzlich zweiter Sieger" (taz).

In die Kritik gerät dabei - wohl zum ersten mal in seiner Karriere - Manager Reiner Calmund, dem die Experten inkonsequentes Krisenmanagement vorhalten. Außerdem sei der "Folklore-Pate", so die "Frankfurter Rundschau" (FR) darauf fixiert, sein rheinländisches Gutmenschen-Image unangetastet zu sehen. "Willkommen bei Calmunds Mitleids-Show!" ruft die taz bei dessen betont herzbewegenden Auftritten dazwischen. Allerdings besteht an Notwendigkeit und Richtigkeit des Trainerwechsels kein Zweifel. Abseits aller berechtigten Kritik an Toppmöller: Merkt Fußball-Deutschland eigentlich, was an dem "modernen Sisyphos" (SZ) verloren gegangen ist? Die "Financial Times Deutschland" (FTD) tut es: "Für einen Moment lang hat er den in der Liga seit den 70er Jahren dominierenden Spielstil á la Bayern entlarvt als das, was er ist: langweiliger, überheblicher, arroganter Effizienzfußball." Hoffen wir also, dass der Romantiker nicht allzu lange untertaucht.

Außerdem: "Matthias Sammer als Schwärmer - in dieser Rolle kannte die Öffentlichkeit den Trainer von Borussia Dortmund bisher nicht", liest man in der FAZ nach dem ungewohnt lockeren 4:1 des deutschen Meisters über Kontrahent Bochum. Und: "Noch nie in den 40 Jahren Bundesliga war der Unterschied zwischen Rot und Blau in München so gewaltig", schreibt der "Tagesspiegel" über das 5:0 der Bayern gegen die Löwen.

Träumen mit Toppi


"Das Streiflicht" (SZ) spricht dem Fußballfreund aus der Seele. "Vor der Ewigkeit von einem halben Jahr tollten seine Leverkusener auf dem Feld herum, sahen aus wie Kinder: das Riesenbaby Lucio, der blonde Musterschüler Ramelow, der sensible Neuville mit dem Gesicht eines traurigen Clowns. Aber sie gewannen, das Leben war leicht wie ein Windhauch, der dem Trainer Toppmöller die grauen Haare zerwuschelte und seinen Mantel dermaßen aufblies, dass man ihn leicht mit einem Heißluftballon verwechseln konnte. Wer ihn hörte, den Trainer des Jahres, nahm eine Stimme wahr, die von tausend Zigaretten runtergetunt worden war auf den Klang eines Brummbären, gütig und nachsichtig und immer auch ein bisschen einschläfernd. Irgendwann waren die Leverkusener eingedöst, verloren alle Spiele, erst gegen Madrid und später auch gegen Cottbus. Irgendwann stand er allein am Rand: einer, der wie Sisyphos einen Stein den Berg hinaufwälzt, und wenn er fast oben ist, kullert der Stein wieder herunter - ein Stein, so mächtig wie der Manager Calmund, der ihn soeben entlassen hat. Klaus Toppmöller hat noch nie was gewonnen. Er stand immer kurz davor, ehe das gesamte Werk ins Rutschen geriet. Aber nur Menschen, die nicht nachdenken, werden ihn deshalb Floppmöller nennen. Er bleibt ja der einzige Trainer, der wenigstens vorübergehend Mannschaften bastelt, die die Fans träumen lassen bei so einem Spiel."

Bayern hat Bayer beklaut


Tim Bartz (FTD) blickt zurück. "Der Fußballlehrer von der Mosel wird womöglich nur als Zeitgeistphänomen erinnerlich bleiben. Doch für einen Moment lang hat er den in der Liga seit den 70er Jahren dominierenden Spielstil á la Bayern entlarvt als das, was er ist: langweiliger, überheblicher, arroganter Effizienzfußball, der bei Beobachtern eher Verdruss schafft als Glücksmomente. Der gestern geschasste Bayer-Trainer, der Genussmensch mit dem Vogelnest auf dem Kopf und den hässlichsten Krawatten der Neuzeit, hat sie alle an der Nase herumgeführt, zeitweise. Hat spielen lassen wie vor ihm wohl nur Weisweiler, immer nach vorne und feste druff und Hauptsache ein Tor mehr als der Gegner. Hat Erwartungen geweckt, die er nicht halten konnte und ist zerbrochen an der kühlen Rationalität von Real Madrid in der Champions League und vor allem der Bayern. In ihrer unnachahmlichen Art haben die Münchner Toppmöllers Ideen geklaut in Gestalt von Michael Ballack und Zé Roberto. Die Strategie ist nicht neu, aber stets erfolgreich, wie sie in Karlsruhe, Nürnberg, Stuttgart, Bremen und anderswo bestätigen werden. Die fehlende Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells Bayer Leverkusen wurde in dem Moment deutlich, als der Klub mit Durchschnittskickern wie Kaluzny und Cris fast panisch nachbesserte."

Nichts geht mehr: Die Bayer-Spieler nach der Heimniederlage gegen Rostock
DDP

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Andreas Burkert (SZ) resümiert. "Toppmöllers Amtszeit endet als persönliches Fiasko, als Déjà-vu für einen sympathischen Coach, der mit seinem Erscheinen Euphorie und außergewöhnlichen Spieltrieb auslöst - und der sich im Gegenwind auf seltsame Art und Weise der Realität entsagt. Doch so sehr Toppmöller sein Scheitern förderte, indem er nur einem treu geblieben ist, nämlich sich selbst - so sehr hat dieses Desaster der Allmächtige unterm Bayerkreuz geprägt, Reiner Calmund. Früh schwächte Leverkusens Folkloremonopolist des Trainers Position und krönte die Demontage mit der Nennung der Abfindungssumme. Dennoch hielt der Manager viel zu ausdauernd fest am fußballerischen Schöngeist aus Rivenich, dem nach den Erfolgen der Vorsaison - wie es der malade Kapitän Nowotny bereits zur Winterpause beklagt hatte - die Profis "auf der Nase herumtanzten". Erst in der letzten Halbzeit seines Wirkens brach Toppmöller mit dem Personal, das ihm nicht mehr folgte. Es war die verzweifelte Tat eines Gescheiterten."

Leverkusen: Schlechter geht es nicht


Peter Heß (FAZ) ist von der Leverkusener Leistung geradezu erschüttert. "Die Begegnung vom Samstag kann als Lehrbeispiel dafür herhalten, wie sich ein führungsloses Team verhält. Ob Toppmöller seine Spieler nicht mehr erreichte oder sie das Gesagte nicht umsetzen konnten, ist einerlei: Die erschütternde Vorstellung zwang zum Handeln. Die Bayer-Mannschaft stellt derzeit eine Vereinigung von Nervenbündeln dar, die nicht mehr in der Lage ist, Grundregeln des Profifußballs zu befolgen, wie in vielen Szenen, vor allem bei den Gegentoren, deutlich wurde. Die Diskrepanz zwischen Substanz und Leistung fällt dermaßen kraß aus, daß sich die Frage, welcher Trainer es denn besser machen könne, gar nicht stellt. Schlechter geht es nicht. Noch vor einem Dreivierteljahr galt Toppmöller als der Fußball-Lehrer, der aus Leverkusen das Optimale herausholte - ungeachtet der drei verpaßten Titel. Es war einfach eine Freude, dieser Mannschaft zuzusehen - beim Siegen und oft sogar in der Niederlage. Die Erklärung für den unheimlichen Absturz fällt schwer. Vielleicht gibt es keine vollständige. Aber die mitreißende Geschwindigkeit der Talfahrt liegt sicher auch in der schwindelerregenden Höhe begründet, die der Gipfelsturm zuvor erreicht hatte. Toppmöller, schon immer von sich überzeugt, verlor ein wenig die Basis unter den Füßen und die Realität aus dem Blick."

Thilo Knott (taz) deutet Calmunds Signale. "Nein, bitte, nicht weinen, wird schon alles gut, bald ist Frühling, auch in Leverkusen. Man möchte Reiner Calmund in den Arm nehmen und trösten. Ihn ins Bettchen bringen, noch einen Beruhigungstee zubereiten, damit sie ihn endlich in Ruhe lässt - diese böse, böse Abstiegsangst. Na, erwischt? Reingetappt in die Gefühlsfalle? Wie er am Samstagabend noch gackste: "Emotional betroffen … aufgewühlt … keine Entscheidung … Nacht drüber schlafen." Um am Sonntag dann die Trainerentlassung - wie erwartet - zu verkünden. Schade, der Goldene Bär war da schon vergeben! Warum nur will man nicht glauben, dass er Klaus Toppmöller genauso kalkuliert vor die Türe gesetzt hat wie die anderen neun Trainer in den 15 Jahren zuvor? Es ist so: Die Figur Calmund verkörpert das romantische Moment in dieser so knallharten Fußballwelt. Sein Image: Der sympathische Verlierer, der "XXL-Manager", der "positiv Bekloppte" (Selbstauskunft), der Bemitleidenswerte. Nein, so jemand kann nicht Schuld sein an sportlichen Niedergängen, Fehleinkäufen, missratenem Krisenmanagement."

Professionelle Lockerheit in schwarz-gelb


Nach Auffassung von Roland Zorn (FAZ) hat Dortmunds Trainer Sammer sein Stilrepertoire erweitert. "Seitdem sich der stets dazulernende Fußballehrer zu seiner neuen Gelassenheit bekannte, hat er nicht nur sich selbst entkrampft. Also krittelte er auch nicht am möglicherweise noch zu knapp ausgefallenen Sieg seiner Spieler herum, "denn ich will mich ja ein bißchen ändern". Wie der Herr, so's G'scherr: Vier Tage vor dem wegweisenden Champions-League-Spiel bei Titelverteidiger Real Madrid ergriff der neue Geist professioneller Lockerheit auch von den gelb-schwarzen Kickern Besitz. So spielfreudig und angriffslustig sahen die Zuschauer im Westfalenstadion ihr Team während dieser Saison noch nie. Matthias Sammer schien richtig froh darüber, das Druckventil gelöst und damit die Verspannungen in seinem Ensemble zumindest an diesem Samstagnachmittag aufgehoben zu haben. Jedenfalls befreite sich die Borussia gerade rechtzeitig vor ihrer Rückkehr auf die große internationale Bühne von jenem Prozentfußball, der zweimal auf einer falschen Berechnung basierte. Die vermeidbaren jüngsten Auswärtsniederlagen in Berlin und Stuttgart wären vermutlich nicht zustande gekommen, hätte der BVB auch in diesen Begegnungen etwas mehr von der Leidenschaft und der Siegermentalität offenbart, die dem VfL Bochum keine Chance ließen."

Philipp Selldorf (SZ) sah fern. "Für den ersten Preis in der Kategorie "Dummheit im Dienst" hat sich am 21.Spieltag der Showmaster Johannes B. Kerner mit Erfolg beworben. Kerner hat zwar nicht mitgespielt, aber als Moderator des "Aktuellen Sportstudio" gehört er doch irgendwie zum Fußballwochenende dazu, quasi zur erweiterten Bundesligafamilie (jede Familie hat ihre Stiefkinder und ihre schwarzen Schafe). Im Interview mit dem Hals über Kopf aus Bagdad abgereisten, im Grunde also geflüchteten Fußball-Lehrer Bernd Stange, der sich aufgrund der Sicherheitslage nicht länger imstande sieht, die irakische Nationalmannschaft zu betreuen, fiel Kerner durch die folgendermaßen verbaute Bemerkung über den Despoten Saddam Hussein aus dem zulässigen Rahmen: "... der Regierungschef - manche nennen ihn auch Diktator..." Manche sind in diesem speziellen Fall alle, und zwar einschließlich Saddam Hussein. Aber Kerner zieht es jedes Mal vor, sich und seine Neugier hinter anonymen Zuträgern zu verbergen, auch wenn er selbst dahinter deutlich - manche sagen: dämlich - zum Vorschein kommt."



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