Fußball-Pressespiegel "Vermeintlicher Vizeweltmeister"

Der Last-Minute-Sieg auf den Färöern rettete die deutsche Fußball-Nationalelf zwar vor der Blamage, nicht aber vor Hohn und Spott. Es war immerhin der amtierende Vizeweltmeister, der bei den Freizeitkickern der Schafsinseln fast nicht über ein torloses Unentschieden hinausgekommen wäre.


 "Böse Holprigkeiten"
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"Böse Holprigkeiten"

"Was am Mittwoch auf einem zugigen Nordsee-Archipel zu sehen war, läßt über den deutschen Fußball kein freundliches Urteil mehr zu", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) über den dürftigen 2:0-Erfolg der DFB-Elf auf Färöer. Nahezu alle deutschen Tageszeitungen attestieren dem "vermeintlichen Fußball-Vizeweltmeister" (offenbar möchte die "Tageszeitung" dem Team nun diesen Titel rückwirkend aberkennen) eine "jammervolle und peinliche", so die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) Vorstellung. Zudem ärgern sich die Berichterstatter über mangelhafte Selbstkritik der Spieler. "Das Team präsentierte sich als Einheit, die deutschen Fußballer hielten eng zusammen: beim Schönreden hinterher Es war erstaunlich, mit welchem Eifer die deutschen Spieler ihre Leistung rechtfertigten", beschreibt der "Tagesspiegel" das "Prinzip Ausrede".

Nur Jan Christian Müller wählt in der "Frankfurter Rundschau" abwägende Worte, indem er die Negativschlagzeilen seiner Kollegen zurechtrückt. "Es ist ausgemachter Blödsinn, nach dem Spiel gegen die Färinger, das sich fast ausschließlich in deren Hälfte zutrug und bei dem mancher Deutscher bemüht, aber etwas tapsig zu Werke ging, von einer "Schmach" zu sprechen. Eine "Schmach" wäre es gewesen, wenn die Gastgeber die Partie ähnlich überlegen geführt hätten wie am Samstag die Schotten - oder wenn Kahn und Rost bei Kontern mehrfach Kopf und Kragen hätten riskieren müssen. Beides war nicht der Fall. So bleibt ein Schuss Ernüchterung, dass es so bleibt, wie es immer schon war: Die Deutschen hören auch im Frust nicht auf zu rennen, sind kräftiger und können höher springen als die meisten anderen."

Philipp Selldorf (SZ) erklärt die Bedeutung des Siegs für Rudi Völler. "Hätte ihn Miroslav Klose nicht vor dem zum Greifen nahen, torlosen Desaster bewahrt, dann wäre Völler als der deutsche Josef Hickersberger in die Geschichte eingegangen. Dessen Schicksal als österreichischer Nationaltrainer hatte sich hier vor zehn Jahren durch ein 0:1 erfüllt - was auch im an Härten gewohnten Alpenstaat unvergesslich bleibt. Für Völler hätte ein Remis auf der Operetteninsel bedeutet: Verlust der fußballerischen Ehrenrechte, ein ewiger schwarzer Makel in der Biographie, der wenigstens gleichberechtigt neben den großen Titeln als Fußballer und den Erfolgen als Teamchef der Nationalelf aufgetaucht wäre. Vor seinesgleichen hätte Rudi Völler nicht den Kopf, aber das Gesicht verloren - so unbarmherzig und ungerecht ist der Kodex in der Welt der Fußballerlegenden, in der Völler zuhause ist. Deshalb hat Völler auf dieser Reise eine der riskantesten Prüfungen seiner Teamchef-Laufbahn überstanden: In Glasgow, wo ihn sein verfemter Vorvorgänger Berti Vogts zu überrumpeln versuchte, und bei den Dorfkickern in Torshavn, wo das Grauen der stolzesten Fußballer wohnt. Völlers Erleichterung nach dem Sieg verrät, dass ihm die Tiefe des möglichen Scheiterns bekannt war."

 Miroslav Klose bewahrte Rudi Völler vor einem Desaster
AP

Miroslav Klose bewahrte Rudi Völler vor einem Desaster

Michael Horeni (FAZ) sorgt sich um den Zustand des deutschen Fußballs. "Wenn die Fußball-Welt vor der Sommerpause von Ferne auf die Tabellen der Qualifikationsgruppen blickt, dann verflüchtigen sich tatsächlich all die bösen Holprigkeiten, wie taktische, technische und spielerische Mängel (...) Wer allerdings die Deutschen im Fernsehen oder im Stadion sieht und darauf besteht, daß diese Nah-Perspektive den Kern des Fußballs ausmacht, der kann schon von erlittenen Zumutungen sprechen. Träge Spieleröffnung aus der Abwehr, fahriges, konzeptionsloses Mittelfeldspiel, schlampige Chancenverwertung im Angriff - was schon in Schottland auf der Mängelliste stand, unterstrichen die WM-Finalisten auf den Färöern dann sogar noch gegen amateurhafte Nationalkicker. Play local, think global - seit dem WM-Finale gerieten diese beiden Perspektiven bei der deutschen Mannschaft nie stärker auseinander als auf den Färöern. In der Detailansicht wurde in dieser Saison von Spiel zu Spiel bis zum enttäuschenden Schlußpunkt immer klarer, daß auf das Meisterstück von Japan und Korea für die verjüngte Nationalmannschaft ein hartes Lehrjahr folgte. Ein kurioser deutscher Fußball-Bildungsweg - über seine Tragfähigkeit bis zur Abschlußprüfung 2006 wird aber erst die Zwischenprüfung 2004 in Portugal Aufschluß geben."

Christof Kneer zensiert in der "Berliner Zeitung" unentschlossen Rudi Völlers Leistung. "Es war im Sommer 2000, als Völler den deutschen Fußball übernahm, und weil sein Lehrauftrag bis 2006 gilt, ist jetzt Zeit fürs Zwischenzeugnis. Der Lehrer kommt dabei besser weg als seine Schüler. Vom fröhlich strategiefreien Vorgänger Ribbeck übernahm er eine heruntergewirtschaftete Lerngruppe, die in Betragen und Mitarbeit längst auf Fünf minus stand. Es muss bis heute als Völlers größtes Verdienst gelten, dass er die Kopfnoten wieder in Ordnung brachte. Der Lehrer Völler hat es geschafft, dass die coole Generation ihre Sentimentalität entdeckt hat. Völler hat seinen Schülern vertraut, und sie haben ihm vertraut, und am Ende kehrten sie als Zweiter von diesem Ausflug nach Asien zurück, obwohl es weit begabtere Klassen gab (...) Drei Jahre ist Völler nun im Amt, und bis zum heutigen Tag weiß keiner so recht, was für ein Trainer dieser Völler eigentlich ist. Lässt er gern offensiv spielen oder lieber defensiv? Welche Taktik mag er? Mag er überhaupt Taktik? Oder lässt er lieber seinen Skibbe die Taktik machen? Aber wenn das so ist, welche Taktik macht sein Skibbe dann? Kann man sich spontan an ein Spiel erinnern, das Deutschland gewann, weil es die bessere Taktik hatte?"

Michael Horeni (FAZ) ist enttäuscht. "Tatsächlich hätten Nostalgiker gut und gerne glauben können, daß auch im Jahr 2003 mit einem Stürmer Völler die Nationalmannschaft einer Blamage nicht so erschreckend nahe gekommen wäre wie mit den aktuellen Profis. Denn was die WM-Finalisten des vergangenen Sommers in der ersten Stunde auf ihrem diesjährigen Abschlußball zeigten, ließ nie Erinnerungen an das Endspiel gegen Ronaldo und Co. aufkommen, sondern vielmehr an die Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft. Aber da Kloses die deutsche Fußball-Ehre rettender Kopfball sein Ziel doch noch gefunden hatte, mochten sich die gerade noch vor Schimpf und Schande davongekommen Super-Favoriten auch nicht mehr mit allzuviel Selbstkritik vor dem Urlaub aufhalten. Der zur Halbzeit ausgewechselte Kapitän Oliver Kahn, dem nicht die Leistung seiner Vorderleute, sondern eine Bindehautentzündung die Tränen in die Augen getrieben hatten, sprach gnädig von einem "typischen Pokalspiel" (...) Rudi Völler lehnte es ausdrücklich ab, ein kritisches Wort über seine am Ende immerhin mit wilder Entschlossenheit noch erfolgreich ins Ziel taumelnden Spieler zu verlieren. Ganz im Gegenteil. Der Teamchef hob sogar auf die höchsten deutschen Tugenden ab, die nun sogar schon gegen einen Gegner in Miniaturformat herhalten musste."



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