Fußball-Randale Der wilde Osten

Gewalt ist leider inzwischen ein fester Bestandteil des Fußballs. Überproportional häufig kommt es in Ostdeutschland zu Ausschreitungen. Die Gründe sind vielschichtig. Häufig werden Feindschaften zwischen Clubs seit Jahrzehnten intensiv gepflegt.
Von Ronny Blaschke

Rechts hinter seinem Schreibtisch liegen die Fotos immer griffbereit. Groß sind sie, wie Plakate, und gestochen scharf. Volkmar Köster führt seinen Zeigefinger über das Motiv. Eine voll besetzte Tribüne, vermummte Gestalten, grell flackernde Leuchtraketen. Köster, der von 1999 bis 2007 Geschäftsführer bei Dynamo Dresden war, atmet tief durch. Am 18. Februar 2005 spielte Dynamo im Karlsruher Wildparkstadion, in der zweiten Liga. Die 67. Spielminute war angebrochen, plötzlich flogen Raketen aus dem Dynamo-Fanblock in die Kurve der Karlsruher und auf den Rasen. Anschließend wollten Dresdner den gegnerischen Block stürmen. Mit Mühe brachte die Polizei die Situation unter Kontrolle. Schiedsrichter Helmut Fleischer musste die Begegnung für zehn Minuten unterbrechen.

Köster redet sich in Rage: "Das war geplant, man konnte die Uhr danach stellen. Diese Geistesgestörten müsste man in den Steinbruch schicken." Köster, früher Lehrer, hat aus dem einstigen Chaosclub Dynamo wieder ein seriöses Unternehmen gemacht. Er musste Schulden senken, den Gerichtsvollzieher zufrieden stellen und Strukturen schaffen. Damit hatte er sich arrangiert, irgendwie. Aber mit der Gewalt konnte er nicht rechnen. Dynamo, der achtmalige DDR-Meister, dekoriert mit 98 Europapokalspielen, lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder auf den Osten der Republik. Rund 150 bis 200 Gewalt suchende Fans, von der Polizei wegen ihrer Radikalität als Kategorie C geführt, soll es im Umfeld von Dynamo geben. Bei deren Auswärtsreisen gilt die höchste Sicherheitsstufe.

So war es auch am 27. Oktober 2006. Während des Regionalligaspiels gegen die Amateure von Hertha BSC kam es im Berliner Jahn-Sportpark zu schweren Ausschreitungen. Dresdner zerlegten Bierstände, schleuderten Gaskartuschen und schwangen erbeutete Stangen und Rohre gegen Polizisten. Diese wiederum setzten Schlagstöcke und Pfefferspray ein. 23 Beamte wurden verletzt. Wieder schaute die Öffentlichkeit auf Dresden. DFB-Präsident Theo Zwanziger drohte mit Punktabzügen und Zwangsabstieg. Der Druck auf die Clubführung wuchs. Der DFB aber drückte ein Auge zu und verhängte wegen der Randale nur eine Strafe von 15.000 Euro.

Doch nicht nur Dresdner Fans kultivieren den tot geglaubten Hooliganismus. Auch im Schatten anderer Traditionsclubs der DDR-Oberliga haben sich Enklaven gebildet. In Deutschland stammen laut Polizei mehr als die Hälfe aller Gewalt suchenden und gewaltbereiten Fußballfans, also zwischen 5000 und 6000, aus den neuen Ländern. Natürlich werden auch im Westen und Süden Krawalle gemeldet – aber nicht in diesem Maße. "Das ist historisch gewachsen", sagt Hans-Georg Moldenhauer, der Präsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes (NOFV).

Ein Blick in die Vereinschronik von Dynamo Dresden gibt Aufschluss. Als Sportvereinigung der Volkspolizei wurde der Club 1948 gegründet. Beim Gewinn der Meisterschaft 1953 war aus VP Dresden bereits die SG Dynamo geworden. Diese wurde Hals über Kopf nach Ost-Berlin verpflanzt. Der BFC Dynamo war geboren und Dresden hatte über Nacht keine Erstligamannschaft mehr. 1962 hatte sich Dresden berappelt, der Wiederaufstieg in die erste Klasse glückte. Das Team etablierte sich als stärkster Gegner seines einstigen Ablegers BFC Dynamo.

Stasi-Chef Erich Mielke betrachtete den BFC als sein persönliches Spielzeug. Er duldete keine Konkurrenz und ließ Dresdner Spieler wegen angeblicher Fluchtpläne verhaften und lebenslang sperren. Dynamo war geschwächt. Doch damit nicht genug. Es ist erwiesen, dass viele Talente zum BFC delegiert wurden und dass einige der zehn in Serie gewonnenen Meisterschaften von 1979 bis 1988 durch den Einfluss von korrupten Schiedsrichtern zu Stande kamen. Die gegnerischen Fans wollten sich das nicht gefallen lassen. Schon in den siebziger und achtziger Jahren wurde der Fußball im Osten als Plattform für Gewalt genutzt. Penibel hatte die Stasi darüber Buch geführt.

Im Stasi-Sprachgebrauch war von "Rowdytum" die Rede. Mielke fasste seine Sorge in einem Brief an Manfred Ewald, dem Präsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), einmal so zusammen: "Die Handlungen sportfeindlicher und krimineller Elemente stören nicht nur die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Sie schaden in erheblichem Maße der politischen Entwicklung und dem Ansehen der sozialistischen Sportbewegung in der Deutschen Demokratischen Republik."

Stasi-Chef Mielke hatte aufrührerische Massen gefürchtet. In den Stadien hatte er weniger Macht als anderswo. Die Polizei ging deshalb hart und kompromisslos gegen Gewalttäter vor. In dem Buch "Schwarzer Hals, gelbe Zähne" von Veit Pätzug schildert ein Dynamo-Fan einen unfreiwilligen Besuch in einem Berliner Gefängnis 1984: "Dann ging es zu Einzelverhören, alles ausziehen, da wurde denen in jede Ritze geguckt. Dort ist dann ein Mädel durchgedreht und hat herumgeschrien, die Bullen haben die vor Ort zusammengetreten." Zu Auswärtsspielen im Europapokal waren ganze Waggons für Stasi-Mitarbeiter reserviert. An die Öffentlichkeit gelang wenig, der Staat fälschte die Zahl der Festnahmen und verharmloste die Randale. Polizei und Politik erwuchsen zu Feindbildern.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wie die Stasi dafür sorgte, dass talentierte Spieler bei den handzahmen Clubs landeten.