Fußball-Randale Rostock, wir haben ein Problem

Gestürmte Kurven, ein zerstörter Bahnhof, rassistische Parolen - Fangruppen des Bundesliga-Aufsteigers Hansa Rostock sorgen seit Jahren für negative Schlagzeilen. Jetzt sagt der Club den Gewalttätern den Kampf an, sogar ein Fanprojekt ist nach langem Zögern geplant.

Hunderte Menschen rütteln an einem Zaun, als ginge es um ihr Leben. Die Meute ist fest entschlossen, mit vereinten Kräften auf die andere Seite zu gelangen. Plötzlich ertönt ein lautes Scheppern wie von einem Topfdeckel, der auf eine Stahlspüle knallt. Der Zaun fällt. Dann geht alles ganz schnell. Uniformierte Truppen bringen sich in Stellung, um gegen den Mob vorzugehen. Chaos bricht aus, Steine fliegen, Leuchtraketen zischen über die Köpfe.

Diese Szene hat sich nicht etwa 1989 an einem Teilstück der Berliner Mauer abgespielt. Es ist auch kein Rückblick auf die Proteste am Sicherheitszaun des G-8-Gipfels. Vielmehr beschreibt es die Vorfälle am Rande eines Fußballspiels. Am 13. März 1993 fuhren die als politisch links bekannten St. Pauli-Fans zum ersten Mal zu einem Auswärtsspiel in den Osten Deutschlands. Ausgerechnet in die Stadt, in der Neonazis ein knappes halbes Jahr zuvor im Stadtteil Lichtenhagen eine Asylbewerberunterkunft unter dem Beifall Hunderter Schaulustiger in Brand gesteckt hatten.

Nachdem sich Mitte der zweiten Halbzeit ein Mob von rund 400 Neonazis und Hooligans auf dem Parkplatz hinter der St. Pauli-Kurve zusammengerottet hatten, rissen sie einen drei Meter hohen Zaun mit vereinten Kräften ein und versuchten, die Gästekurve zu stürmen. Bierflaschen und Steine hagelten in den Block der Braun-Weißen, die sich wiederum mit leeren Bierfässern und Sitzbänken wehrten. Die völlig überforderte Polizei versuchte, die Angreifer mit Wasserwerfern aus dem Stadion zu vertreiben, was gründlich misslang. Der Großteil flüchtete auf die Tribüne, einigen Hooligans gelang es gar, mit Messern und Schlagketten den St. Pauli-Block zu entern.

Wie durch ein Wunder gab es "nur" ein Dutzend Verletzte, 37 Personen wurden festgenommen. "Wir mussten um unsere Leben kämpfen", wird der damalige Fanbeauftragte Sven Brux in der "Bild"-Zeitung am 15. März 1993 zitiert.

14 Jahre später ist erneut eine Debatte um die Sicherheit in ostdeutschen Stadien entbrannt. In einer aktuellen Umfrage der Marketingagentur Sportfive unter Fußballfans äußerten 39 Prozent der Befragten, dass sie aus Angst vor Ausschreitungen nicht gern ins Stadion gehen - im Westen waren es nur 24 Prozent.

Die vermeintliche Zunahme der Bedrohung ist ein zentrales Thema auf dem Fankongress, der am Wochenende in Leipzig stattfindet. Einmal mehr nimmt der FC Hansa Rostock eine zentrale Rolle ein. Am Beispiel des letzten DDR-Meisters lässt sich einerseits anschaulich verfolgen, wie inkonsequent der DFB mit Wiederholungstätern umgeht. Andererseits steht die Fanszene in Rostock vor einschneidenden Veränderungen.

Besucherrekord als Strafe

Was die Haltung des DFB betrifft: Die Konsequenzen aus den Vorfällen von 1993 waren für den Verein gleich Null. Selbst als es zwei Jahre später bei der gleichen Partie wieder zu Ausschreitungen kam, wurde der FC Hansa zwar bestraft, aber das Urteil erwies sich später als Glücksfall. Am 23. September 1995 flogen schon während des Spiels Steine und Flaschen aus einem Block von rund 400 Neonazis und Hooligans in die Kurve der St. Paulianer, die mit "Asylanten"-Rufen begrüßt wurden.

In der zweiten Halbzeit zündeten Hansa-Anhänger im Ostseestadion eine Rauchbombe. Das Spiel wurde für mehrere Minuten unterbrochen, zwei Gästespieler mussten mit Augenproblemen ausgewechselt werden. Das DFB-Sportgericht verurteilte Hansa Rostock zu einer Geldstrafe in Höhe von 10.000 Mark und einem Spiel Platzsperre. Der Zwangsumzug führte die Ostseestädter ins Berliner Olympiastadion, wo der Verein mit 58.000 Zuschauern gegen Eintracht Frankfurt seinen ewigen Besucherrekord aufstellte und dem entsprechende Einnahmen verbuchen konnte.

Seitdem haben Rostocks Anhänger viele weitere Male für Ausschreitungen oder rassistische Übergriffe in und um Fußballstadien gesorgt. Stets in der Gewissheit, dass ihr Verhalten – wenn überhaupt – nur milde Strafen nach sich zieht. Erst im Zuge der WM befasste sich der DFB mit dem Thema wieder intensiver. So wurde der dunkelhäutige Nationalspieler Gerald Asamoah nur drei Monate nach dem Turnier während der ersten Runde im DFB-Pokal beim Spiel des FC Schalke bei der zweiten Mannschaft von Hansa Rostock rassistisch beleidigt. Der DFB war in großer Sorge, dass der Nationalspieler zurücktreten könnte. Klein fiel dagegen die Strafe für die Rostocker aus, die 20.000 Euro zahlen mussten.

Im Mai 2007 sorgten Rostocks Anhänger erneut für Krawall. Die Partie in Essen musste für 15 Minuten unterbrochen werden, da Rostocker Anhänger Feuer entzündeten und es zu Panik auf den Rängen kam. Die DFB-Funktionäre forderten harte Strafen gegen die Wiederholungstäter aus Rostock, die vor mehr als einem Jahr im Vorbeifahren den Bahnhof in Stendal zerlegten, als sie erfuhren, dass ihr Auswärtsspiel in Braunschweig ausfällt. "Dass es sich hierbei um kein Bagatelldelikt handelt, hat jeder gesehen. Wir werden nun alle Erkenntnisse sorgfältig auswerten und danach das Verfahren einleiten", kündigte der DFB-Kontrollausschussvorsitzende Horst Hilpert an.

Der Verband verhängte eine Geldstrafe in Höhe von 100.000 Euro, zudem durfte Hansa für ein Zweitliga-Spiel seine Stehplatzränge nicht öffnen. Es nützte wenig: Selbst bei der Aufstiegsfeier Ende Mai 2007 lieferten sich Randalierer in Rostock Straßenschlachten mit der Polizei.

Warum der FC Hansa und die Stadt Rostock trotz jahrelanger Probleme erst in diesen Tagen ein Fanprojekt auf den Weg bringen und wie der neue Fanbeauftragte die Probleme lösen will.


Damit kein falsches Bild entsteht: In den vergangenen Jahren kam es auch in anderen west- und ostdeutschen Städten zu rassistischen Übergriffen und Attacken von Hooligans. Doch das Beispiel Rostock zeigt besonders deutlich, dass Vereine ohne Fanprojekte immer wieder Probleme bekommen. Seit 1993 fordert und fördert der DFB Fanprojekte, um auf Anhänger einwirken zu können. In Rostock gibt es bis heute kein unabhängiges sozialpädagogisches Fanprojekt. Lediglich eine Abteilung im Verein kümmerte sich seit dem 1. Juli 2006 um die logistischen Belange der Anhänger. Mal scheiterte die Einrichtung an fehlendem Geld, mal an der Bereitschaft des Clubs. Doch die Rostocker sind damit nicht allein: Nach Angaben der Koordinationsstelle für Fanprojekte (Kos) in Frankfurt verfügten Anfang 2007 drei Erstliga- und zehn Zweitligastandorte über kein sozialpräventives Projekt.

"Die Verantwortlichen vor Ort haben das lange nicht für nötig gehalten", sagt Michael Gabriel von Kos. Dreimal habe die Koordinationsstelle in den vergangenen Jahren beim Verein vorgesprochen, bislang ohne Erfolg. Doch nach den neuerlichen Ausschreitungen in diesem Jahr tut sich was in der Hansestadt. Verein, Stadt und Land arbeiten in diesen Tagen an der Einrichtung eines pädagogisch arbeitenden Fanprojektes auf der Grundlage des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS). Dies sieht vor, dass Kommune und Land zwei Drittel der Gelder für Fanprojekte bewilligen. Das weitere Drittel kommt dann vom DFB.

"Die Landesregierung hat dem Konzept bereits zugestimmt, lediglich bei der Stadt gibt es noch kleine Fragezeichen. Aber auch dort ist man sehr positiv auf die Gründung dieser Einrichtung zu sprechen", sagt Axel Klingbeil. Rostocks Fanbeauftragter sieht die Ursachen für die hohe Gewaltbereitschaft der Hansa-Anhänger hauptsächlich in der Politik: "Die Aggression wird durch gesellschaftliche Probleme wie fehlendem Respekt und mangelndem Integrationsvermögen geschürt", so Klingbeil. Dabei nimmt er auch seinen Club, den er seit 1982 begleitet, in die Verantwortung: "In Sachen Fanarbeit ist in den vergangenen Jahren einiges aneinander vorbei gelaufen", so der 41-Jährige.

"Da war es vorbei mit der Solidarität"

Klingbeil spricht im Hinblick auf die Vorfälle der vergangenen beiden Jahre von einer "Entwicklung in der Fanszene, auf die der Verein reagieren musste und reagiert hat". Das Feuer auf der Tribüne in Essen sei ein Wendepunkt in der Szene gewesen: "Da war es dann vorbei mit der Solidarität innerhalb des Auswärtsblockes", erinnert sich Klingbeil. Der gelernte Schlosser setzt auf Beteiligung und Gruppendynamik: "Wir werden die Fans in Arbeitsgruppen aktiv am Vereinsgeschehen teilhaben lassen", beschreibt er das Konzept, das Rostock wieder aus den Negativschlagzeilen führen soll: "Die friedlichen Anhänger müssen ein deutliches Zeichen gegen die Gewalttäter setzen", so sein Wunsch. Das weiß auch Gabriel, der die Bemühungen um ein Fanprojekt in Rostock sehr begrüßt, schließlich sollen damit jene Anhänger unterstützt werden, die sich gegen Gewalt und Rassismus engagieren. "Generell gilt es, ein ausgewogenes Verhältnis von Prävention und Repression zu finden", so Gabriel, der von einem speziellen Ostproblem nichts wissen will. Generell habe sich die Situation in den Fankurven im Vergleich zu den neunziger Jahren stark verbessert: "Viele Fanszenen, auch im Osten, engagieren sich zudem gegen Rassismus", sagt Gabriel.

Der Fanbeauftragte Klingbeil geht optimistisch in die neue Saison - in der Verein und Fans in der ersten Liga noch schärfer unter Beobachtung steht als bisher: "Unsere Fans haben begriffen, dass sie sich gegen die auflehnen müssen, die dem Verein durch ihr Verhalten schaden", so Klingbeil. Immerhin muss der FC Hansa Rostock durch den Bundesliga-Aufstieg einen potenziellen Brandherd weniger fürchten: Ein Spiel gegen die in die zweite Liga aufgestiegenen St.-Paulianer wird es frühestens in der übernächsten Saison geben ... es sei denn, beide Teams werden im DFB-Pokal einander zugelost.

Mitarbeit: Alasdair Thompson

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