Fußball-Taktik Die Rückkehr des Liberos

Franz Beckenbauer freut sich: Der Libero ist wieder da. Als zentraler Spieler einer Dreierkette könnte er die Rettung mancher ratlosen Innenverteidigung sein, findet unser Kolumnist Christoph Biermann. Der FC Bayern hat es schon vorgemacht.


Eigentlich schien die Sache längst entschieden, der Libero war ein Opfer der Evolution des Fußballs geworden. Ein Dinosaurier, ausgestorben wie der Mittelläufer oder der Halbstürmer, die ihren Platz auf dem Rasen für immer verloren haben. Wer braucht schließlich noch einen freien Mann hinter der Abwehr, wenn nicht mehr der Mann gedeckt, sondern gegen den Ball gearbeitet wird? Mit der erneuten Reanimation des Liberos in Griechenlands Nationalteam machte sich Otto Rehhagel in diesem Sommer zum Gespött Europas. "Die Rolle des Liberos ist im Fußball verschwunden und ich sehe keinen Grund, wozu man sie noch brauchen könnte", sagt Antonio Cabrini, italienischer Weltmeister von 1982.

Bayern-Spieler Demichelis (l.): Plötzlich in der Dreierkette
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Bayern-Spieler Demichelis (l.): Plötzlich in der Dreierkette

Doch plötzlich scheint die Sache so eindeutig nicht mehr zu sein. Franz Beckenbauer meinte in dieser Woche, dass der Libero keineswegs veraltet sei. "Es kommt einfach darauf an, wie man ihn interpretiert", sagte der eleganteste Libero in der Geschichte des Fußballs. Beckenbauer schwelgte nicht in nostalgischer Verklärung eigener Triumphe, sondern bezog sich auf den FC Bayern von heute und auf Martin Demichelis. Der hatte im vergangenen Bundesligaspiel der Münchner gegen Hertha BSC Berlin (4:1) neben Lucio und Daniel van Buyten in der Mitte einer Abwehr-Dreierreihe gestanden und dabei aus Sicht von Beckenbauer einen zeitgenössischen Libero gegeben.

Dazu passt es scheinbar auch, dass die Bayern am letzten Spieltag nicht das einzige Team waren, das hinten mit drei Mann spielte. Beim Gegner Hertha BSC bietet Trainer Lucien Favre seit geraumer Zeit immer wieder mal eine Dreierkette auf, und Jos Luhukay stabilisierte dadurch in Mönchengladbach seine zum Saisonstart wackelige Abwehr. Doch sind die mittleren Männer in zeitgenössischen Dreierketten automatisch als Liberos zu sehen?

Längst gehört es schließlich zur Abwehrarbeit eines jeden Defensivspielers, zum Libero seines Nebenmanns zu werden. Der eine greift an, der andere sichert ihn ab, das ist der Alltag des Spiels gegen den Ball. Im Grunde hatte auch Demichelis gegen Hertha nichts anderes gemacht. Er war dabei nur so präsent und überzeugend gewesen, dass Beckenbauer seine Leistung mit dem Etikett "Libero" quasi adeln wollte.

So könnte man die Debatte über die Rückkehr des Liberos als Haarspalterei gleich wieder beenden. Doch im Mutterland des Liberos gibt es Stimmen, die wirklich nach seiner Rückkehr rufen. In Italien, wo das Verteidigen zur Kunstform erhoben worden ist, sorgt man sich um den Niedergang der Defensivarbeit. "Italienische Verteidiger haben inzwischen ihre unverwechselbare Charakteristik verloren - den Gegenspieler zu decken. Immer wieder sieht man Innenverteidiger, die sich vorwurfsvoll gegenseitig anschauen und sagen: Das war dein Mann", klagt etwa der ehemalige Coach Eugenio Fascetti, der als Letzter ein Team der Serie A mit Libero spielen ließ.

Ratlose Blicke zwischen Innenverteidigern sieht man aber nicht nur in Italien - zuletzt gab es sie reichlich in Finnland beim 3:3 der DFB-Elf. Wobei sich viele Probleme von Heiko Westermann und Serdar Tasci beim Länderspiel der deutschen Mannschaft in Helsinki schlicht aus ihrem Zweikampfverhalten ergaben. An solchen Tagen verfestigt sich der Eindruck, dass der Fußball bei seiner Evolution zum Spiel im Raum nicht nur an Intelligenz und Flexibilität gewonnen hat, sondern die Innenverteidiger auch an Klarheit im Spiel gegen den Mann verloren haben. Beckenbauer beklagt beim FC Bayern sowieso schon lange, dass die Verteidiger nicht mehr nah genug am Gegner seien. "Das ist seit Jahren ein Fehler unserer Abwehr."

Aus Italien kommt daher der Vorschlag, im Jugendfußball wieder mit Libero zu spielen. Die Nachwuchsverteidiger sollten wechselnd in die Rolle des Manndeckers und die des Liberos schlüpfen, schlägt Giancarlo Corradini vor, der lange im Trainerstab von Juventus Turin gearbeitet hat. Dadurch würde sowohl ihr Spiel gegen den Mann als auch das Gefühl für den Raum verbessert. "Es würde die gesamte Wahrnehmung auf dem Platz erweitern", sagt Corradini. Als Jugendlicher das Liberospiel lernen, damit man als Erwachsener keinen Libero mehr braucht, das dürfte sogar Franz Beckenbauer gefallen.

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