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09. April 2013, 13:32 Uhr

Insolvente Sportclubs

Tradition am Abgrund

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Alemannia Aachen, Kickers Offenbach, VfL Osnabrück: Mehrere Fußball-Traditionsclubs sind in die Schlagzeilen geraten, weil sie insolvent oder in großen finanziellen Schwierigkeiten sind. Auch der VfB Lübeck ist pleite - und muss nun von einem Bundesligisten gerettet werden.

Die Hoffnung kommt mit dem Bus. Am Dienstag werden die Fußballprofis des Hamburger SV ins rund 70 Kilometer entfernte Lübeck aufbrechen. Ziel der Fahrt ist das Stadion an der Lohmühle, Heimstätte des VfB, für den die Partie überlebenswichtig ist. Der Viertligist ist pleite, das Duell gegen den HSV firmiert - wie einst das des FC St. Pauli gegen Bayern München - als "Retterspiel" - und der Name trifft es.

"Ohne das Spiel gegen Hamburg wäre der VfB Lübeck nicht zu retten", sagt Stefan Denkhaus von der Hamburger Kanzlei BRL. Er ist der Insolvenzverwalter des Regionalligisten und hat die Aufgabe, den Verein vor dem schlimmsten Szenario zu bewahren, der Auflösung. Insgesamt rund 450.000 Euro braucht der VfB, um den laufenden Spielbetrieb vom Jahresbeginn bis zum Saisonende sicherzustellen, die Gläubiger zu befriedigen und so in der kommenden Spielzeit in der fünftklassigen Schleswig-Holstein-Liga einen Neustart wagen zu können. Allein das Retterspiel soll mehr als 100.000 Euro einbringen.

Der VfB Lübeck ist nur einer von mehreren Fußball-Traditionsclubs, die derzeit in großen finanziellen Schwierigkeiten stecken.

Nach einer Erhebung der Online-Plattform Insolvenz-Portal haben 2011 insgesamt 32 Sportvereine deutschlandweit Insolvenz angemeldet, vergangenes Jahr waren es 36. Von einem Trend will Patric Naumann zwar noch nicht sprechen, aber von einem "konstant hohen Niveau an Insolvenzen". Naumann ist Leiter des Mannheimer Standorts von Schultze und Braun, einer der größten insolvenzrechtlich ausgerichteten Kanzleien in Deutschland. Als Insolvenzverwalter hat er unter anderem das Insolvenzverfahren des FSV 1913 Ludwigshafen-Oggersheim begleitet. Der Regionalligist musste im Juli 2009 Insolvenz anmelden, weil ein Mäzen abgesprungen war. Die ausbleibenden Gelder rissen ein großes Loch in den Etat, die beiden Herrenmannschaften wurden vom Spielbetrieb abgemeldet.

Neues Stadion trieb Alemannia Aachen in die Pleite

Ein Großsponsor will oder kann nicht mehr zahlen und treibt so den Club in die Pleite: Es ist ein typisches Szenario bei insolventen oder finanziell schwer angeschlagenen Vereinen, unabhängig von der Sportart. Der Handballclub Tusem Essen und das Eishockey-Team der Nürnberg Ice Tigers sind weitere prominente Beispiele für die Einleitung eines Insolvenzverfahrenes, wenn zugesagte Gelder ausbleiben.

Ein anderer Pleitegrund sind Bauvorhaben, mit denen sich Clubs übernehmen. Wie zum Beispiel Alemannia Aachen: Der Verein hatte sich für rund 50 Millionen Euro ein neues Stadion gegönnt, konnte die durch den Tivoli-Neubau angehäuften Schulden aber nicht wie geplant tilgen. Auch, weil nach dem Abstieg in die dritte Liga vergangenen Sommer eingeplante TV- und Sponsorengelder plötzlich fehlten.

"Was beim Proficlub das neue Stadion ist, kann beim kleinen Verein der Kunstrasenplatz für eine halbe Million Euro sein", sagt Naumann, der jedoch betont: "Bei einer Insolvenz kommen in der Regel mehrere Ursachen zusammen." Etwa wenn die Einnahmen (Sponsorengelder, Zuschauereinnahmen) aufgrund sportlichen Misserfolgs die Ausgaben (Personal- und Stadionkosten) nicht mehr decken. "Nicht selten sind es unternehmerische Fehlentscheidungen, die zu einer Insolvenz führen - oder schlicht fehlendes wirtschaftliches Wissen", so Naumann.

Beim VfB Lübeck etwa wurde "etwas zu optimistisch geplant", wie es Insolvenzverwalter Denkhaus ausdrückt. Weil der Kader teuer ist, mussten entsprechende Sponsorengelder eingeworben werden. Das aber gestaltete sich schwieriger als erwartet. Auch, weil der Club nicht den besten Ruf genießt. Zuletzt fielen die VfB-Fans bei einem Hallenturnier in Hamburg negativ auf. Weil der sportliche Erfolg ausblieb, kamen auch weniger Zuschauer als erwartet, ein Teufelskreis. "Die Einnahmenseite war einfach zu schlapp", so Denkhaus.

Lübeck steht als erster Absteiger der Regionalliga fest. Die Spiele des VfB werden nicht gewertet, gespielt wird dennoch, unter anderem gegen den Erzrivalen Holstein Kiel. Kommende Saison heißen die Gegner dann Kropp, Strand und Todesfelde - wenn Lübeck denn in Liga fünf antreten darf.

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