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11. März 2008, 15:41 Uhr

Fußball-TV-Rechte in Europa

Zentralvermarktung als Erfolgsmodell

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Das Bundeskartellamt prüft die zentrale Vergabe der TV-Rechte. Kleine Vereine zittern vor dem Ende der Solidargemeinschaft - Topclubs hoffen auf zusätzliche Millionen. Die Einzelvermarktung der Medienrechte: Zukunfts- oder Auslaufmodell? SPIEGEL ONLINE hat sich in Europa umgeschaut.

Hamburg - Der FC Bayern will wieder ganz nach oben. Nach oben in Europa. Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des Rekordmeisters aus München, fordert aus diesem Grund in ständiger Wiederkehr mehr Geld für die deutschen Spitzenclubs, damit diese in der Champions League wettbewerbsfähig bleiben können.

Filippo Inzaghi, Stürmer des AC Milan: Wer ihn filmt, muss viel zahlen
DPA

Filippo Inzaghi, Stürmer des AC Milan: Wer ihn filmt, muss viel zahlen

25 Millionen Euro erhält der FC Bayern an TV-Honorar aus dem Bundesliga-Topf. Bei einer Einzelvermarktung könnte der Rummenigge-Club schätzungsweise rund hundert Millionen Euro kassieren.

Und obwohl Rummenigge bei einem Besuch des Kartellamts vor zwei Wochen die Zentralvermarktung als "wichtiges Gut" bezeichnet hat - auf diese 75 Millionen hat es der Tabellenführer der Bundesliga abgesehen.

Doch woher wird dieses Geld kommen? In erster Linie wohl von den kleinen Vereinen: Ihnen entgehen Millionen, da sie im Wettbewerb um das Medieninteresse mit den Großen der Liga nicht werden mithalten können. Die Frage scheint also zu lauten: Konkurrenzfähige Bayern in der Champions League oder konkurrenzfähige Aufsteiger in der Bundesliga?

Oder doch nicht?

Wie sieht es mit der Vermarktung in den anderen Top-Ligen Europas aus? Wie viel Fußball findet dort im Free-TV statt, über wie viele Anstoßzeiten ist der Spieltag dort verteilt?

SPIEGEL ONLINE hat über die Grenzen geschaut - und präsentiert Zahlen und Fakten.

England - Branchenprimus mit Zentralvermarktung

Die englische Premier League nimmt über TV-Rechte jährlich 1,3 Milliarden ein - trotz Zentralvermarktung. In Deutschland sind es derzeit 420 Millionen Euro im Jahr. Für die Live-Rechte an 92 Spielen der ersten englischen Liga legt der Pay-TV-Sender BSkyB mittlerweile 580 Millionen Euro jährlich auf den Tisch, mehr als das Doppelte dessen, was Premiere in Deutschland an die Liga überweist. Der englische Sender hat trotz kleinerem Markt mit 8,5 Millionen Kunden mehr als doppelt so viele wie Premiere (etwa vier Millionen).

Ein noch größeres Plus gegenüber der Bundesliga erwirtschaftet die Premier League im Ausland. Außerhalb Großbritanniens setzt die englische Liga mit den Fernsehrechten 825 Millionen Euro in drei Jahren um - und damit gut 15-mal so viel wie die Bundesliga. Bis ins Jahr 2010 verdient jeder Verein im Schnitt jährlich knapp 60 Millionen Euro.

Die englische Premier League wird pro Spieltag zu sechs verschiedenen Zeiten angepfiffen, erst ab 22 Uhr am Samstag gibt es frei empfangbare Bilder der Nachmittagsspiele.

Italien - Ende der Einzelvermarktung

Italiens Serie A erlöst derzeit 750 Millionen Euro pro Jahr. Bezeichnend an der Einzelvermarktung in Italien ist, dass dort die Vereine der Serie B von den Clubs aus der ersten Liga subventioniert werden (mit jährlich 105 Millionen Euro), da sich beispielsweise in dieser Saison kein Fernsehsender für das Unterhaus interessiert.

Doch auch innerhalb der ersten Liga herrscht ein großes Ungleichgewicht, das für eine Zweiklassengesellschaft in der ersten Liga sorgt. Um dieser Fehlentwicklung entgegenzutreten, steht ab 2010/2011 ein bedeutender Einschnitt in der Fernsehvermarktung bevor. Im vergangenen Jahr hat die Serie A beschlossen, dass die Pay-TV-Rechte ab genannter Spielzeit nicht mehr durch die Clubs, sondern zentral von der Liga vermarktet werden.

Ab 2010 werden die TV-Gelder nach drei Kriterien verteilt: 40 Prozent der Gesamtsumme werden zu gleichen Teilen an die Clubs ausgeschüttet, 30 Prozent nach sportlicher Bedeutung (zehn Prozent aufgrund der Erfolgsgeschichte, 15 Prozent nach Platzierung in den letzten fünf Jahren, fünf Prozent nach Tabellenstand der vorangegangenen Saison). Die restlichen 30 Prozent nach dem Zuschauerpotential.

Der italienische Profifußball rechnet 2010 mit 900 Millionen Euro an Fernsehgeldern - also mit etwa 150 Millionen mehr als heute. Nach dem neuen System müssen die Topclubs mit weniger TV-Geld rechnen: Ende 2005 (vor dem Zwangsabstieg) schloss Juventus Turin noch einen Fernsehvertrag über zwei Spielzeiten mit Silvio Berlusconis Mediaset ab - Erlös: 124 Millionen Euro pro Jahr. Ab 2010 kann Juve nur noch mit Einnahmen von rund 87 Millionen rechnen. Inter Mailand fällt von hundert Millionen Euro jährlich auf 79, Milan bekommt dann nur noch 77 Millionen Euro. Dafür können sich die Vereine am anderen Ende der Tabelle freuen: Siena etwa würde 21 Millionen erhalten, Livorno 23 und Empoli 24 - das ist weit mehr als bislang.

Die zusätzlichen Einnahmen sollen durch eine weitere Auffächerung des Spielplanes möglich werden. Bislang gibt es in Italiens Serie A pro Wochenende fünf verschiedene Anstoßzeiten. Wie in England ist auch hier erst Samstags um 22 Uhr Erstligafußball im Free-TV zu sehen.

Spanien - Alleingang in der Einzelvermarktung

Durch die Abschaffung der Einzelvermarktung in Italien ist Spanien ab Sommer 2010 der einzige große Fußballmarkt in Europa, in dem die Medienrechte dezentral von den Clubs vergeben werden. Derzeit werden diese zwischen der Agentur Audiovisual Sport (Canal plus) und Mediapro (La Sexta) aufgeteilt. Die katalanische Produktionsgesellschaft Mediapro hat derzeit unter anderem den FC Barcelona (bis 2013 jährlich garantierte 144 Millionen Euro) und Real Madrid (bis 2013 jährlich 157 Millionen Euro) unter Vertrag. Ab 2009 sind sogar 38 der 42 Clubs aus der ersten und zweiten spanischen Liga bei Mediapro.

Allerdings herrscht seit Monaten ein Streit zwischen den beiden Kontrahenten, was schon zu gerichtlichen Auseinandersetzungen und teilweise schwarzen Bildschirmen führte. Die Entwicklung auf dem spanischen Fußball- und TV-Markt ist laut dem Branchenmagazin "Sponsors" daher nur schwer zu prognostizieren.

In Spanien wird pro Spieltag zu fünf verschiedenen Zeiten angepfiffen. Ein Spiel am Samstag ist jeweils im Free-TV zu sehen.

Frankreich - Wenig Free-TV, viel Geld

Ab der Saison 2008/09 wird die zentral vermarktete französische Liga ausschließlich für Fernseh-, Internet- und Mobiltelefon-Abonnenten zu sehen sein - Ausnahme ist eine unverschlüsselte Zusammenfassung der Spiele am Sonntag. Die Pay-TV-Sender Canal+ (über acht Millionen Kunden) und Orange bezahlen dafür bis 2011 insgesamt 668 Millionen Euro pro Saison. In der frei empfangbaren Zusammenfassung wird das Sonntagsspiel, das erst am Abend stattfindet, nicht berücksichtigt. Insgesamt gibt es in der Ligue 1 vier verschiedene Anstoßzeiten pro Spieltag.

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