Fußball und Homophobie »Und dann geht alles wieder von vorne los«

In der ARD wird über Fußball und Homophobie diskutiert, und die Sendung zeigt vor allem eines: wie weit der Weg im deutschen Fußball bei diesem Thema noch ist. Der Verband gelobt Besserung – wieder einmal.
Wie sehr passen die Regenbogenfarben und der Fußball schon zusammen?

Wie sehr passen die Regenbogenfarben und der Fußball schon zusammen?

Foto: DAVE THOMPSON / AFP

Zufall ist das bestimmt nicht. An dem Tag, an dem die ARD-Sportschau eine einstündige Sondersendung zum Thema »Fußball und Homophobie« ins Programm nimmt, schickt der DFB am Nachmittag eine Pressemitteilung in die Welt, dass es ab Januar eine »Anlaufstelle für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt« im Verband geben werde. Mit so einer Vorlage kann Präsident Fritz Keller am Abend im Fernsehen dann schon etwas punkten – bei einem Thema, bei dem sich der Verband in der Vergangenheit nur wenig mit Ruhm bekleckert hat.

Fast sieben Jahre ist es her, dass sich mit Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ein Fußballprominenter in der »Zeit« zu seiner Homosexualität öffentlich bekannt hat. Der stellvertretende ZEIT-Chefredakteur Moritz Müller-Wirth kommt in der ARD-Sendung in einem Einspielfilm zu Wort, erzählt, wie es damals zum Coming-out kam und schließt mit dem Satz: »Die Grundhoffnung von damals hat sich nicht erfüllt: dass sein Beispiel dazu beiträgt, dass ihm andere folgen.«

»Schon im Nachwuchsbereich so viele Steine im Weg«

Bis heute gibt es keine Angaben, wie viele homosexuelle männliche Profifußballer es gibt. Und nicht, weil die sexuelle Orientierung beim Fußball keine Rolle spielt, wie es eigentlich sein sollte. Sondern eher, weil sich niemand traut, es offen zu sagen – aus Angst vor Nachteilen, vor Beleidigungen, vor Schmähungen. »Es ist einfach immer noch sehr viel Angst im Spiel«, sagt Hitzlsperger, mittlerweile Vorstandsvorsitzender beim VfB Stuttgart, in der ARD-Diskussion.

Christoph Hertzsch vom Amateurklub Streetboys München, dem einzig schwulen Fußballverein im offiziellen DFB-Ligabetrieb, sagt, er halte die Schätzung, zehn Prozent der Profispieler in Deutschland seien homosexuell, ohnehin für »unrealistisch«. Weil »schon im Nachwuchsbereich so viele Steine im Weg liegen«, dass man es gar nicht erst bis in den Profibereich schafft.

PR-Kampagnen, wohlgemeinte Spruchbänder, Großplakate – all das hat es in der Vergangenheit schon gegeben, der DFB hat dabei gern mitgemacht. Wirklich viel passiert, ein Klima zu schaffen, in dem ein Coming-out eines aktiven Spielers denkbar und erleichtert wird, ist aber nicht. Auch Hitzlspergers Schritt geschah erst, als er seine Karriere beendet hatte – und nach fast zweieinhalbjährigem Zögern.

Bei Hitzlsperger gab es viele Goodwill-Bekundungen

Damals war das Thema für ein paar Tage oder sogar Wochen überall präsent, machte große Schlagzeilen, es gab viele Goodwill-Bekundungen – »aber danach schläft das wieder ein, und alles geht wieder von vorne los«, sagt Michael Weinzierl von den Streetboys. Von vorne los – will heißen: Da gibt es die Fußballer, die sich nach den Spielen weigern, »gemeinsam mit uns zu duschen«, wie Hertzsch erzählt, oder die »uns auch mal Prügel androhen«.

Hitzlsperger sagt dennoch, er nehme seitdem, seit 2014 also, »Verbesserungen im Kleinen wahr, besonders in den Fanszenen«. Man dürfe Fortschritte »nicht allein davon abhängig machen, ob sich ein aktiver Fußballer outet«. Es gebe allerdings bei vielen »fast die Besessenheit von der Angst, dass sich das Leben durch ein Coming-out verschlechtert, aber mein Leben hat sich dadurch verbessert.« Jedoch, fügt er an, »das System hilft nicht dabei, sich zu öffnen«.

Der DFB verspricht in der ARD-Sendung Besserung, wieder einmal. Das hat er schon oft getan, diesmal aber sei es ernst, sagt Keller. »Ich halte den Männerfußball nach wie vor für sehr homophob«, hatte der Präsident schon im NDR am Nachmittag beklagt. Ähnliche Ressentiments gibt es im Frauenfußball tatsächlich weit weniger, mit US-Weltmeisterin Megan Rapinoe hat die Community eine Ikone aus dem Fußball. Politisch, selbstbewusst, in jeder Hinsicht offensiv. Die ehemalige Nationalspielerin Tabea Kemme, die bisexuell ist, sagt, gesellschaftliche Offenheit habe sie in ihrem Sport als »gang und gäbe« erlebt.

Keine Spielberechtigung für divers lebende Menschen

Gang und gäbe ist im männerdominierten Fußball in dieser Hinsicht noch wenig. Wer sich weder als Mann noch als Frau, sondern als divers versteht, bekommt in 20 von 21 deutschen Landesverbänden keine Spielberechtigung. Der DFB verspricht, dass entsprechende Regelungen in Zukunft ausgearbeitet würden. Und verweist darauf, dass man mit dem »Angebot von Unisex-Toiletten bei DFB-Pokal und Länderspielen schon einen Schritt weiter« sei. So etwas hätte vor einigen Jahren wahrscheinlich noch weitgehend Häme ausgelöst.

»Wir müssen das in die Köpfe bekommen, wir können nicht einfach den Schalter umlegen«, sagt der DFB-Präsident und fügt im nächsten Satz an: »Talente dürfen uns auf diese Weise nicht verloren gehen.« Auch darum geht es natürlich dem Verband.

Im Jahr 2022 steht eine Fußball-WM in Katar an, einem Land, in dem Homosexualität nicht gelebt werden darf. Wie sich der DFB dazu verhält und ob er gedenkt, dort und dann überhaupt tätig zu werden, wurde in der Sendung im Gespräch mit Keller allerdings nicht angesprochen.

»Bei allen Fortschritten: Wir hätten doch schon ein bisschen weiter sein können«, sagt ARD-Moderatorin Jessy Wellmer. Dabei könnte es sicherlich auch helfen, solche Sendungen nicht erst um Mitternacht ins Programm zu heben.

Mehr lesen über