Skepsis der Fußballfans Das große Unbehagen

Von Katar bis Helene Fischer: Der Kommerzfußball von heute hinterlässt bei vielen Fans ein Grummeln als Bauchgefühl. Um sich die Freude an dem Sport zu erhalten, muss man schon kreative Wege gehen.
Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale in Berlin

Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale in Berlin

Foto: Matthias Hangst/ Bongarts/Getty Images

Gerald Fricke kann heute noch im Detail erzählen, wann und wie Peter Lux einen Strafstoß verwandelt hat. Dazu muss man wissen, dass Lux vor 30 Jahren seine beste Zeit bei Eintracht Braunschweig hatte, es war die Zeit, in der Fricke sein Fußballherz verlor.

Es war die Zeit, in der Fricke jede Länderspielminute der Nationalmannschaft aufsog, "1982, 1984 und 1986 habe ich wirklich jedes Spiel geguckt, auch nachts in Mexiko", am Wochenende dann zur Eintracht, Fußball als Lebenselixier. Heute schaut Fricke Länderspiele "nur noch aus einem merkwürdigen Mitrede-Pflichtgefühl", und dann oft nur "noch auf dem Second Screen - und der First Screen ist Twitter".

Fricke, 48, hat seinen jugendlichen Überschwang längst verloren, die bedingungslose Begeisterung am Fußball, die naive Freude, die Heldenverehrung, und das liegt nicht nur daran, dass er älter geworden ist, dass er Politikwissenschaftler wurde und andere Dinge im Leben wichtig wurden. Es geht ihm so wie vielen: Mit dem Fußball von heute, dem Kommerzfußball, dem Produkt Fußball, geht ein Unbehagen daher. Das Bauchgefühl, es ist kein gutes. Und dieses Unbehagen war vielleicht nie so groß wie 2017.

Aber wohin mit der Freude, wohin mit der Lust an diesem trotz allem noch so wunderbaren Sport, wohin mit dem Rest kindlicher Euphorie, die man nicht an den Infantinos und Mateschitz' ersticken lassen möchte, am Fanclub Nationalmannschaft powered by Coca-Cola? Was bleibt außer der Flucht in die gute alte Zeit, als Peter Lux noch Elfmeter verwandelte und Christian Kuliks Trikot lässig aus der Hose heraushing?

Man kann es so machen wie Gerald Fricke, wie Claus Vogt oder wie Thomas Flehmer. Drei Leute, die versuchen, den Fußball für sich zu bewahren, in ihrem Herzen, wenn man es so nennen will. Die Wut in Energie verwandeln, um ein altes Wort aus einer anderen Zeit aufzugreifen. Trotz Helene Fischer in der Halbzeitpause, trotz WM-Affäre, trotz Trainingslagern in Katar, trotz Football-Leaks-Enthüllungen, trotz der großen Gier. Trotz all des großen Unbehagens.

Für den fairen Fußball

Claus Vogt

Claus Vogt

Foto: Christian Prechtl

Claus Vogt hat gar nichts gegen Kommerzialisierung im Fußball, die hat er längst akzeptiert. Schließlich ist Vogt selbst Unternehmer, wer wäre er, wenn er dann anderen das Geldverdienen übelnehmen würde? Aber dass "wir Fans die Zitrone sind, aus der man den letzten Tropfen herausquetschen will", das will er nicht länger hinnehmen. Dass die Bundesliga Spiele an Montagabenden ansetzt, an denen kein normaler Mensch lange Auswärtsfahrten auf sich nehmen kann, wenn er am nächsten Morgen wieder im Büro sitzen soll, dass die Schere zwischen superreichen Klubs und dem Rest in Europa immer weiter klafft, das regt ihn auf. So sehr, dass er dagegen aktiv geworden ist.

Vogt, 48, ist Vorsitzender des Vereins "FC PlayFair!", in dem sich Fußballfreunde zusammengetan haben, um "gegen die Auswüchse der Kommerzialisierung" vorzugehen. Vogt und Co. setzen sich für verträglichere Anstoßzeiten an, haben eine Initiative gestartet, das Fantum zum UNESCO-Welterbe zu erklären, sie wollen den Fußball wieder auf den Pfad der Tugend zurückführen. Und dabei eben nicht nur mosern, sondern auch etwas tun. Bessermacher möchte er werden, nicht nur Besserwisser sein, sagt er.

Vogt läuft seit 30 Jahren zu seinem geliebten VfB Stuttgart, ihm ist er durch alle Irrungen und Wirrungen treu geblieben, aber ansonsten sagt er: "Die blinde Loyalität der Fans, die gibt es nicht mehr." Und er müsste Klaus Wowereit zitieren: Und das ist auch gut so.

Das Spiel als Spiel

Gerald Fricke

Gerald Fricke

Foto: Onlineliga.de

Gerald Fricke läuft immer noch zu Eintracht Braunschweig, den Trainer Torsten Lieberknecht nennt er nur beim Vornamen, wenn er von ihm spricht. Aber wenn Fußball im Fernsehen läuft, dann interessieren ihn oft "nur noch die letzten 20 Minuten", und der DFB-Elf "kann ich mittlerweile nur einen Daumen drücken", zu abgegessen ist auch er von all dem, was aus dem Fußball, der sich modern nennt, geworden ist.

Fricke hat sich ein anderes Ventil gesucht. Er ist bei einem Start-up eingestiegen, das sich Onlineliga.de nennt und ein Fußball-Onlinespiel entwickelt  hat, das die Leute bei ihrer Skepsis gegenüber dem Katar-China-Fifa-Fußball packen soll. Hier wird auf Game-Ebene wieder ganz klein angefangen, die Teilnehmer des Onlinespiels sollen in der untersten Liga Straßenmeisterschaften in ihrer eigenen Stadt ausspielen und sich dann Liga für Liga langsam hocharbeiten. Bis man oben in der Bundesliga angekommen ist. Das bundesweit angelegte Projekt legt in diesen Tagen los.

"Klar wollen wir damit irgendwann auch Geld verdienen", sagt Fricke, aber der "Retro-Liebhaber-Gedanke" soll auch bedient werden. Ansonsten gibt's in dem Spiel vom Liveticker über Matchstatistiken das ganze Nerd-Programm. Die Sehnsucht nach der guten, alten Fußballzeit als Geschäftsmodell. Auch dazu taugt das Unbehagen.

Jubel mal mit Rosenthal

Tennis-Borussia-Fans im Mommsenstadion

Tennis-Borussia-Fans im Mommsenstadion

Foto: imago/ Sebastian Wells

Thomas Flehmer kann mit Fug und Recht behaupten, alle Jammertäler des Fußballs durchschritten zu haben. Ein paar Bergspitzen waren bei dieser langen Reise immerhin auch darunter. Flehmer ist Berliner, aber statt Spiele von Hertha BSC in der Bundesliga oder wenigstens des FC Union tief im Osten zu besuchen, hat er Tennis Borussia bis in die Berlin-Liga nach ganz unten begleitet.

Flehmer, 53, hat den großen Fußball kennengelernt, er ist durch ihn erst mit dem Fan-Virus infiziert worden. In der Zeit, als TeBe in der Bundesliga spielte, hat ihn sein Vater ins Stadion genommen, Flehmer erlebte mit, wie der kleine Berliner Verein den großen 1. FC Köln 3:2 besiegte. Köln mit Overath, mit Hennes Löhr, mit Heinz Flohe und Dieter Müller. "Danach war ich dabei."

Er hat den großen Fußball auch kennengelernt in seinem Beruf, er war viele Jahre Sportjournalist für die Deutsche Presse-Agentur, für die Netzeitung, er war bei den Reisen der Nationalmannschaft dabei, er war ganz nah dran an den Stars.

So nah dran, dass er sich am wohlsten fühlt, wenn er bei TeBe freitags abends mit der Bratwurst und dem Bier auf der Tribüne steht. Der Klub kickt mittlerweile zumindest schon wieder in der Oberliga, im Hintergrund leuchtet der Funkturm, bei jedem Tor von TeBe springt Hans Rosenthal auf der Anzeigetafel in die Höhe: "Das war Spitze." Die Fußball-Romantik hat sich verbunden mit dem Charme West-Berlins und hier ihr Obdach gefunden, so scheint es.

Das war auch rund ums Mommsenstadion nicht immer so, in den Neunzigerjahren wurde der Verein als Zweitligist von Größenwahnphantasien heimgesucht. Die Göttinger Gruppe pumpte das Geld hinein, der beliebte Trainer Hermann Gerland wurde gefeuert, weil er nicht zu den hochfliegenden Plänen der Geldgeber Ja und Amen sagte. Flehmer wandte sich damals abgestoßen vom Verein ab, es war nicht das letzte Mal, aber er ist immer wieder zurückgekommen. "Weil die Atmosphäre, das Publikum, die Fans einzigartig in Berlin sind", sagt er. Das Stadion nennt er Mommsenhölle. Als Hans Rosenthal starb, hat sein Vater geweint.

Aus dem Sportjournalismus hat sich Flehmer mittlerweile verabschiedet, "einem 20-Jährigen Samstagabend im November in der Mixed Zone hinterherzulaufen, um mir von ihm den Fußball erklären zu lassen", das muss er nicht mehr haben, sagt er. Und die Nationalmannschaft, zu der er früher gerne hingepilgert ist, hat er das letzte mal 2006 im Stadion gesehen. Das Unbehagen, das fühlt auch er. Und trotzdem: Es ist schon sehr schwer, den Fußball vollständig zu töten, diesen Virus. Manchmal reicht ein hell glänzender Funkturm im Hintergrund, um alles wieder zum Leuchten zu bringen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.