Fußball Was läuft falsch?

Urs Siegenthaler, Chefscout der deutschen Nationalmannschaft, über den Zustand der Schweizer Nati ein Jahr vor der EM 2008 und die Frage, ob gute Spieler intelligent sein müssen.

SPIEGEL: Herr Siegenthaler, wenn Sie über Ihre Arbeit als Spielerbeobachter des Deutschen Fußball-Bundes sprechen, sagen Sie immer "wir". Wie sehr sind Sie dem Schweizer Fußball noch verbunden?

Siegenthaler: Wenn ich "wir" sage, meine ich das deutsche Trainerteam um Joachim Löw. Ich spüre, dass ich da akzeptiert bin. Aber ich verfolge als Schweizer natürlich den Schweizer Fußball. Ich werde mit der Schweiz auch bei der Europameisterschaft im kommenden Jahr mitfiebern - falls sie nicht gerade gegen Deutschland spielt.

SPIEGEL: Sie leben immer noch in Basel. Spüren Sie schon so etwas wie eine Begeisterung für die EM in der Schweiz, die gemeinsam mit Österreich diese Spiele ausrichtet?

Siegenthaler: Spannung und Enthusiasmus werden sich erst kurz vor dem Beginn der Europameisterschaft einstellen, das ist immer so bei der EM oder der WM. Ich feiere ja auch nicht meinen 60. Geburtstag schon vier Monate vorher.

SPIEGEL: Während der Weltmeisterschaft im vorigen Jahr in Deutschland herrschte auch in der Schweiz eine ungeahnte patriotische Begeisterung. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Siegenthaler: Natürlich. Ich denke, es ist überall gleich: Durch die Globalisierung sucht der Mensch verstärkt nach etwas, das Identität stiftet, nach etwas Eigenem, das ihn von anderen abgrenzt. An den Spielern und den Zuschauern lässt sich das Phänomen auch ablesen. Vor 20 Jahren war es undenkbar, dass sich Zuschauer, Ersatzspieler und Betreuer während der Nationalhymne bei den Händen halten. Gerade die Schweiz hat einen starken patriotischen Kern, zum Beispiel in der Innerschweiz. Da lehnen die Leute den Beitritt zur Europäischen Union ab, sie wollen eigenständig sein und bleiben. Diese Haltung kann durch die EM im eigenen Land noch verstärkt werden.

SPIEGEL: Als die Schweiz bei der WM im Achtelfinale unglücklich gegen die Ukraine ausgeschieden war, sagte Verteidiger Ludovic Magnin stolz: "Die Zeit der kleinen Schweiz ist vorbei." Ist sie nun eine große Fußballnation?

Siegenthaler: Magnin hat wohl unterschätzt, was für gruppendynamische Prozesse auftreten, wenn aus einem kleinen ein mittelständisches Unternehmen wird. Erst wollten alle Schweizer Spieler ins Ausland, jetzt sind alle im Ausland, einige sind sogar zu Stars geworden; darin steckt eine Gefahr. Einige sind im Ausland keine Stammspieler mehr, haben nur 30-Minuten-Einsätze; auch mit ihnen wird es schwierig.

SPIEGEL: Wo also steht die Nationalmannschaft ein Jahr vor der EM?

Siegenthaler: Weil einigen Spielern die Spielpraxis fehlt, hat die Schweiz keine besonders starke Stellung. Wenn bis zur EM nichts passiert, nimmt sie nur einen mittelmäßigen Platz ein.

SPIEGEL: Anfang Juni spielte die Schweiz gegen Argentinien 1:1, da haben einige Schweizer Medien bereits von einer Wende geschrieben.

Siegenthaler: Solche Freundschaftsspiele sind heute wie Kirmesfeste, da geht es mehr ums Geld als um Leistung. Die Aussagekraft dieses Resultats ist nicht sehr groß. Ich habe das Spiel zwar nicht gesehen, aber ich habe gehört, die Argentinier hätten es nicht sehr ernst genommen.

SPIEGEL: Es heißt, die Schweiz habe bei der WM gegen die Ukraine das Elfmeterschießen verloren, weil die Spieler nicht darauf vorbereitet waren. Hat das etwas mit unterentwickeltem Selbstbewusstsein zu tun?

Siegenthaler: Nein, ich glaube, der Trainerstab hatte keine Wenn-dann-Strategie entwickelt. Wäre Hakan Yakin nicht zu Beginn eingesetzt worden, sondern erst zum Schluss, und wäre Alexander Frei nicht kurz vor dem Ende der Verlängerung ausgewechselt worden, dann wären schon mal zwei sichere Elfmeterschützen verfügbar gewesen. Man muss einen Matchplan für alle Eventualitäten haben, auch für den Katastrophenfall. Ein Pilot muss gerade in dem Moment, da die Maschine abzustürzen droht, die Ruhe bewahren, um richtige und nötige Schritte einzuleiten.

SPIEGEL: Nach der WM hat in der Schweiz offenbar ein Prozess der Selbstzerstörung eingesetzt. Kuhn warf Kapitän Johann Vogel aus der Mannschaft, einige Funktionäre kritisierten den Nationaltrainer, öffentlich wurde über die Besetzung des Teammanager-Postens gestritten. Was macht der Verband falsch?

Siegenthaler: In das Projekt "Wir werden eine große Fußballnation" war die Verbandsspitze gar nicht eingebunden. Um etwas zu begreifen, ist es aber von Vorteil, bei der Entwicklung mitgeholfen zu haben. Dann wollte die Verbandsspitze auf den fahrenden Zug springen, ohne zu wissen, warum der eigentlich so schnell fuhr. Man wollte noch schneller fahren, und dann ist der Zug entgleist. Man hatte versäumt, im Erfolg für Zeiten des Misserfolgs zu planen. Es gab dann kein klares Wort, keine einheitliche Linie.

"Der Schweizer will ja an sich nichts überstürzen"

SPIEGEL: Für jemanden, der nicht aus der Schweiz kommt, ist nicht einfach zu verstehen, wie eine Mannschaft eine Einheit sein kann, in der drei Sprachen gesprochen werden. Und warum ein Fußballfan aus der italienischen Schweiz zur Schweizer Nati hält - und nicht zu Italien.

Siegenthaler: Er ist im Herzen Schweizer. Aber genau über diese Frage haben wir vor gut 20 Jahren diskutiert, als wir Trainerausbilder waren und in Magglingen zusammensaßen: Kann man den Nachteil der unterschiedlichen Sprachregionen nicht in einen Vorteil verwandeln? Wenn wir die Tessiner in die Verteidigung stellen, die Deutschschweizer rennen, die Welschen zaubern und das Spiel gestalten lassen - dann hätten wir eine gute Mannschaft. So haben wir damals herumspekuliert.

SPIEGEL: Sie wollten den Fußball revolutionieren?

Siegenthaler: Wir wollten zunächst die Trainer anders ausbilden. Abends beim Bier saßen wir zusammen, drei, vier Instrukteure, Markus Frei, der dann 2002 als Trainer mit der U-17-Auswahl Europameister wurde, war einer von uns. Wir haben uns gesagt: Mit besseren Trainern bekommen wir eine bessere Jugendmannschaft, mit den Erfolgen ein besseres Feedback. Wir wussten, dass es viele Jahre dauern würde, denn der Schweizer will ja an sich nichts überstürzen, er will seine Ruhe und Geborgenheit behalten.

SPIEGEL: Welche Ideen haben Sie damals entwickelt?

Siegenthaler: Wir haben zum Beispiel die Bereiche Technik, Taktik, Kondition nicht einzeln, sondern als Ganzes unterrichtet. Wir haben auch mit polysportiven Trainingseinheiten angefangen, das waren Lehrgänge mit Badminton, Hockey, Handball oder Basketball. Wir haben versucht, die Trainer dafür zu begeistern, Elemente aus anderen Sportarten einmal im Monat ins Training einzubauen. Andere Bewegungsabläufe zu erlernen ist für Acht- bis Zwölfjährige sehr wichtig. Wir haben auch nach einer einheitlichen Spielphilosophie ausgebildet. Alle Teams spielen nach dem System 4-4-2, das kennen und können alle in der Schweiz.

SPIEGEL: Mittlerweile gilt die Schweiz als Talentschmiede für Europa. Rund 40 Schweizer unter 21 Jahren spielen in der deutschen Bundesliga, in England, Italien und anderen ausländischen Ligen. Wie kam es dazu?

Siegenthaler: Der technische Verbandsdirektor Hansruedi Hasler war ein Glücksfall für den Schweizer Fußball. Er war früher Sportlehrer in Magglingen, er hat unsere Ideen institutionalisiert: eine klare Spielphilosophie und eine anspruchsvolle Trainerausbildung. Sämtliche Trainer und Instrukteure müssen in jedem Jahr zur Fortbildung. Ich zum Beispiel darf im Moment in der Schweiz nicht ausbilden, denn ich konnte den jährlichen obligatorischen Kurs wegen der WM 2006 nicht besuchen.

SPIEGEL: Hansruedi Hasler hat für den Nachwuchs vier Leistungszentren eingeführt, in denen jeweils 25 hochbegabte Spieler zwei Jahre lang geformt werden. Hat die Schweiz das französische Modell der Nachwuchsförderung kopiert?

Siegenthaler: Diese Zentren nach französischem Vorbild - finanziert zu je einem Drittel durch Staat, Gemeinde und Verein - waren nicht nur für uns Schweizer wegweisend. Dort sollen die Spieler früh erlernen, wie sie sich in Bedrängnis auf engem Raum verhalten können, damit sie später nicht zu Hilfslösungen greifen: etwa querspielen, zum Torwart zurückpassen oder den Ball weit nach vorn schlagen. In der Schweiz sollen die Talente außerdem immer begleitend die Schule besuchen und externe Lehrer haben.

SPIEGEL: Wie viel Schulbildung ist gut für einen Fußballspieler?

Siegenthaler: Er muss lernen, eine Aufgabe konzentriert und systematisch anzugehen. Ich habe mich gefragt, warum Nationalmannschaften wie Nigeria oder Kamerun so oft scheitern, obwohl sie Spieler mit tollen Fähigkeiten haben - die Koordination der Bewegungen, die Schnelligkeit, die Geschicklichkeit.

SPIEGEL: Und was ist der Grund?

Siegenthaler: Die meisten haben sich früh allein auf Fußball konzentriert und hatten keine Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Sie sind über Kraft und körperliche Durchsetzungsfähigkeit in ihre Position im Leben gekommen. Spieler aber, die gelernt haben, ein Projekt zu verfolgen, sich auch prüfen zu lassen, sind heute manchem Trainer lieber.

SPIEGEL: Intelligenz spielt besser?

Siegenthaler: Im modernen Fußball sind mentale Fähigkeiten gefragt, die man eben nicht auf dem Fußballplatz erlernt, sondern in der Schule. Was heißt intelligent? Es geht auch darum, besser mit Verletzungen umzugehen, mit seinem Umfeld, mit der Presse, mit der eigenen Zukunft. Ein Spieler wie Philipp Lahm in Deutschland oder der junge Schweizer Philippe Senderos von Arsenal London verliert nie den Blick für das Wesentliche. Diese Spieler haben mehr Verständnis.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Siegenthaler: Ein junger Topspieler bekommt zu Beginn seiner Karriere von einem guten Trainer vielleicht zu hören, dass er im ersten Jahr bei diesem Verein nur 5- bis 6-mal spielen wird, aber 14-mal in der Woche trainieren soll. In der zweiten Saison darf er 12 bis 16 Spiele machen, aber er muss immer noch 14-mal trainieren. Im dritten Jahr, sagt ihm der Trainer, wird er dann die Nummer eins sein, und zwar europaweit. So etwas nennt man ein Konzept. Gute, intelligente Spieler akzeptieren das. In England und Spanien machen Topclubs Intelligenztests.

"Schwächen aufzuspüren kann eine Chance eröffnen"

SPIEGEL: In Deutschland sind Sie dafür bekannt, dass Sie als Chefscout Ihre Berichte über den kommenden Gegner gern mit Informationen über die Kultur des jeweiligen Landes anreichern, sofern sie fürs Spiel wichtig sein könnten. Was würden Sie den Spielern über die Schweiz erzählen?

Siegenthaler: Ich würde sagen, dass sie eine Vielzahl von Kulturen hat, auch in der Mannschaft. Da Schwächen aufzuspüren kann eine Chance eröffnen.

SPIEGEL: Vor dem WM-Eröffnungsspiel der Deutschen gegen Costa Rica berichteten Sie über die Lebensfreude der Menschen im Land des Gegners und über deren geringe Bereitschaft, sich zu quälen. Was bringen solche Hinweise?

Siegenthaler: Nachher sagten mir deutsche Spieler, sie hätten an meine Worte gedacht. Bei beiden Gegentoren behielten sie ein Gefühl der Sicherheit, weil sie wussten: Die Ticos nehmen es nicht ganz so ernst, sie lassen uns spielen, das wird schon. Manchmal ist es allerdings nicht so leicht, den Schlüssel für eine Mannschaft zu finden. Man weiß oft nicht, was eine Mannschaft stark macht oder warum sie einem unsympathisch ist. Manchmal kommt man anhand von kleinen Beobachtungen darauf. Gelegentlich sehe ich: Es gibt nur zwei wichtige Spieler, den Rest schaue ich gar nicht mehr an.

SPIEGEL: Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien sollen Sie nur über den Zwei-Meter-Stürmer Jan Koller geredet haben.

Siegenthaler: Ich habe Joachim Löw vorgeschlagen: Den Koller decken wir nicht ...

SPIEGEL: ... klingt ziemlich kühn ...

Siegenthaler: ... weil der immer mit dem Rücken zum Gegenspieler den Ball abschirmt und versucht, Freistöße herauszuholen, muss man ihn erst mal gewähren lassen. Er fühlt sich total unwohl, wenn plötzlich kein Gegenspieler auf Tuchfühlung ist.

SPIEGEL: Köbi Kuhn sagte, die Schweiz könne sich einen Urs Siegenthaler nicht leisten. Hat er recht?

Siegenthaler: Er wird nicht nur mein Gehalt, sondern die gesamte Scouting-Abteilung des DFB damit gemeint haben. Mittlerweile ist ja die Düsseldorfer Firma Mastercoach fest in unsere Arbeit beim DFB integriert - sie liefert die Software für die computergestützte Spielanalyse und begleitet sogar unser Training. Auch ein Kölner Studententeam, das Daten sammelt, gehört dazu. Die Schweiz ist allerdings auf dem Gebiet Forschung im Fußball ebenfalls sehr weit. Ich sehe eher ein anderes Fragezeichen: Machen wir im Training grundsätzlich etwas verkehrt? Ist unsere Ausbildung zeitgerecht? Wenn ich Europas Topmannschaften sehe, ist die Frage wohl erlaubt.

SPIEGEL: Was läuft falsch?

Siegenthaler: Wenn man zum Beispiel sieht, mit welcher Laufbereitschaft die Spieler des FC Liverpool gegen Chelsea ins Finale der Champions League gezogen sind, nach 58 Saisonspielen, dann brauchen wir für die Spieler ein anderes Umfeld.

SPIEGEL: Wofür plädieren Sie?

Siegenthaler: Wir müssen uns mehr dafür interessieren, was ein Spieler nach dem Spiel macht, was er isst. Wir brauchen mehr Individualisierung: Der eine Spieler braucht neun Stunden Schlaf, der andere 22 Minuten Auslaufen nach dem Spiel. Schauen Sie sich zum Beispiel Wayne Rooney von Manchester United an: Er hat gegen den AS Rom zehn Prozent seiner Laufleistung im überdurchschnittlichen Tempo absolviert, er rannte mehr als einen Kilometer im Sprinttempo eines 100-Meter-Läufers, 29 Kilometer pro Stunde, nicht auf der Tartanbahn, sondern auf dem Fußballfeld. Drei Tage später im Meisterschaftsspiel lief er wieder 800 Meter in diesem Tempo. Irgendetwas machen die im Training anders.

SPIEGEL: In der Schweiz wurden Sie für den Posten des Nationaltrainers ins Gespräch gebracht. Interesse?

Siegenthaler: Nein, auch nicht für einen anderen Verband. Ich habe seit 35 Jahren einen Betrieb, ich fühle mich wohl. Und meine Achtung und Freundschaft zu Joachim Löw sind mir wichtiger, als irgendwelchen Angeboten nachzujagen. Andererseits: Käme da ein Scheich und würde die Verhandlungen mit 20 Millionen Franken beginnen, würde ich Löw fragen, ob er mitkommt. Aber das passiert bestimmt nicht.

SPIEGEL: Herr Siegenthaler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führten Jörg Kramer und Gerhard Spörl

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.