Fußball-Wettskandal Cichon beteuert Unschuld, Schiedsrichter entlastet

Thomas Cichon hat erneut bestritten, Spiele manipuliert zu haben. Der am vergangenen Wochenende kurzfristig abgesetzte Schiedsrichter ist nach Erkenntnissen seines Fußball-Kreises nicht in den Wettskandal verstrickt. Marcel Schuon fühlte sich bedroht.
Ehemaliger Osnabrücker Cichon (l.): Keine konkreten Hinweise

Ehemaliger Osnabrücker Cichon (l.): Keine konkreten Hinweise

Foto: Daniel Karmann/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Der frühere Osnabrücker Profi Thomas Cichon hat seine angebliche Verwicklung in den Wettskandal bestritten. "Ich habe nie Geld dafür bekommen, dass ich schlecht spiele oder dafür, dass ich absichtlich schlecht gespielt habe. Mit den unterstellten Spielmanipulationen habe ich nichts zu tun", sagte der 33-Jährige der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Kürzlich hatte die "Süddeutsche Zeitung" aus zwei Akten der Staatsanwaltschaft Bochum zitiert und den Namen Cichon ins Spiel gebracht. Konkrete Hinweise gegen ihn gibt es bislang nicht.

In den Fallakten 2.1 und 2.4 soll laut "Süddeutscher Zeitung" davon die Rede sein, dass der zum damaligen Zeitpunkt in finanziellen Schwierigkeiten steckende Cichon Absprachen mit einem inzwischen in U-Haft sitzenden Wettbüro-Betreiber aus Lohne getroffen habe. Cichon habe dem Verdächtigen angeblich versprochen, dass der VfL Osnabrück seine Zweitligaspiele in Augsburg (17. April 2009/0:3) und Nürnberg (13. Mai 2009/0:2) mit der dann tatsächlich eingetretenen Tordifferenz verliert. Osnabrück musste am Ende der Saison in die 3. Liga absteigen. "Wer mich ein bisschen kennt, sollte wissen, dass das ausgeschlossen ist", erklärte Cichon, der rechtliche Schritte gegen einige Medienveröffentlichungen nicht ausschloss.

Zugleich gab Cichon aber zu, wegen Wettschulden einen Gehaltsvorschuss von rund 20.000 Euro von seinem damaligen Arbeitgeber Osnabrück bekommen zu haben. "Das stimmt. Ich habe mich da in etwas hineinmanövriert, was nicht gut war. Aber letztlich ist das meine Privatsache", sagte der Abwehrspieler, der seit September für den südafrikanischen Club Moroka Swallows spielt.

"Name taucht nicht in den staatsanwaltlichen Ermittlungsakten auf"

Der vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) kurzfristig für eine Partie ausgetauschte Schiedsrichter ist nach Erkenntnissen seines Fußball-Kreises nicht in den Wettskandal verstrickt. "Nach meinem Kenntnisstand taucht sein Name in den staatsanwaltlichen Ermittlungsakten im Fall des Wettskandals nicht auf", sagte der Jurist und Vorsitzende des Fußball-Kreises Olpe, Andreas Hebbeker, am Mittwoch.

Der 22-Jährige war am vergangenen Freitag als Assistent für die Samstag-Partie der 3. Liga zwischen dem VfL Osnabrück und Wacker Burghausen ersetzt worden, da er "nach DFB-Informationen namentlich in den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Bochum zu möglichen Spielmanipulationen in Deutschland auftauchen soll". Hebbeker kritisierte diese Maßnahme: "Das halte ich für ein vorschnelles Vorgehen des DFB. Da sitzen erfahrene Leute, die wissen, welche Maschinerie sie damit in Gang setzen. Sie haben einen 22-Jährigen im Regen stehen lassen. Das ist ein absolutes Unding."

Deshalb hat der Anwalt am Montag den DFB in einem Brief aufgefordert, die öffentliche Namensnennung des Schiedsrichters zu erklären. "Wir warten darauf, dass der DFB sich äußert. Ich bin überzeugt, dass da nichts dran ist", sagte Hebbeker. Der DFB geht davon aus, zeitnah Akteneinsicht zu erhalten. Das teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Bis zu diesem Zeitpunkt werde der Schiedsrichter nicht eingesetzt. "Wir haben nie gesagt, dass er in einem negativen Sinne in den Akten stehen soll. Es ist eine reine Schutzmaßnahme zum Wohle des Wettbewerbs und des Schiedsrichters", sagte der Sprecher.

"Er sagte, er werde mich immer finden, wo immer ich auch hingehe"

Außerdem sind weitere Details über die Verwicklungen von Marcel Schuon bekannt geworden. Er habe dem Chef eines Wettbüros zugesagt, dass er die Partie des VfL Osnabrück beim FC Augsburg für einen Schuldenerlass von 20.000 Euro absichtlich verliere, schrieb die "New York Times" nach einem Interview mit Schuon. "Er hat mich bedroht. Er sagte, er werde mich immer finden, wo immer ich auch hingehe", so Schuon. Ein Mann aus dem Wettbüro hatte ihm nach Angaben der US-amerikanischen Tageszeitung im April dieses Jahres eröffnet, dass sein Chef eine Waffe besitze.

Im Dezember 2008 hatten sich seine Wettschulden nach Angaben der "New York Times" auf etwa 5000 Euro summiert. Daraufhin sei der Besitzer an ihn herangetreten, sagte Schuon: "Ich dachte, er würde mir eine Frist geben, um zu bezahlen. Als ich verstand, was er wollte, war ich noch mehr geschockt. Ich sagte nein, ich werde das nicht machen. Ich bin noch jung, ich habe eine Karriere vor mir." Wie die Zeitung schreibt, nahm der Profi einen zweiten Bankkredit auf, den er binnen Wochen auch verspielte. Im Januar habe der Mann sein Angebot wiederholt und soll 25.000 Euro für ein erfolgreich manipuliertes Spiel offeriert haben. Schuon verweigerte nach eigenen Angaben erneut.

Im März sei der Druck auf ihn erhöht worden, sagte er. Zwei Tage vor der Partie zwischen Osnabrück und Augsburg habe er ein codiertes Signal im Wettbüro erhalten. "Du wirst das Spiel sowieso 0:3 verlieren", habe der Besitzer zu ihm gesagt. Eine Manipulation habe nicht stattgefunden, erklärte Schuon. Da Osnabrück trotzdem mit dem gewünschten Ergebnis verlor, wurden Schuons Schulden erlassen. Vor jedem weiteren Auswärtsspiel dieser Saison habe das Wettbüro ihn weiter unter Druck gesetzt, sagte Schuon.

Bei der Staatsanwaltschaft Bochum hatte Schuon vor anderthalb Wochen ausgesagt, dass er die Spielmanipulation mit einem Auftraggeber verabredet hatte. Zur Manipulation sei es aber nicht gekommen. Nach Angaben seines Anwalts habe er damals gemerkt, dass er als Mittelfeldspieler allein nichts ausrichten könne. Nach seiner Aussage hatte der Drittligist SV Sandhausen dem 24-Jährigen fristlos gekündigt.

jar/sid/dpa
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