Fußball-Wettskandal Gelegenheit macht Betrüger

Zwei Teilgeständnisse, über 40 Seiten Anklageschrift: Der erste Tag im Prozess um Manipulationen im Fußball hat das Ausmaß des Skandals gezeigt. Zudem wurde deutlich, wie einfach sich Spiele manipulieren lassen - und wie schwierig der Nachweis von Wettbetrug ist.

Bochumer Gerichtssaal: Auftakt im Betrugsprozess
dpa

Bochumer Gerichtssaal: Auftakt im Betrugsprozess

Von , Bochum


Nürretin G., Tuna A., Stevan R. und Kristian S. werden einzeln in den Saal C 240 gebeten. Die Wachtmeister bringen sie direkt aus ihren Zellen. Der Vorwurf gegen die vier Männer lautet: Spieler- und Schiedsrichterbestechung im großen Stil. Insgesamt sollen die vier Beschuldigten 370.000 Euro für die Manipulation investiert, bei 32 manipulierten Spielen einen Gewinn von 1,6 Millionen Euro erzielt haben. Die Rechtsordnung spricht in solchen Fällen von banden- und gewerbsmäßigem Betrug.

Doch hier handelt es sich nicht um eine organisierte Gruppe. Vielmehr scheint der Zufall die Angeklagten zueinander geführt zu haben. Oder war es eher die Gelegenheit, die in diesem Fall der Anklage zufolge Betrüger machte? Wohl beides. Denn wer Staatsanwalt Andreas Bachmann bei der Verlesung der Anklageschrift zuhört, muss feststellen: Profitabler Betrug ist wie Fahrradfahren - einmal gelernt, kann man es immer.

Die Betrugsmasche basiert auf einer einfachen Erkenntnis: Wer beim Wetten einen Vorteil haben möchte, muss die Szene kennen. Er muss sich in den Ligen und vor allem mit der sportlichen Form der Spieler auskennen. Die Zocker versuchen deshalb, Kontakt zu den Aktiven aufzubauen. Ihnen zuzuhören, um festzustellen, ob sie gut drauf sind, ob die Mannschaft motiviert ist oder ob es vielleicht Ärger mit dem Trainer gibt. Wetter wollen durch solche Informationen höchstmögliche Sicherheit erlangen.

Betrüger tricksen Kontrollmechanismen aus

"Die Zocker suchen sich die Fußballer gezielt aus. Meistens die, die Geldnöte haben", sagt G.s Anwalt Jens Meggers. Sein Mandant soll sich auf diese Weise sogar die Dienste von renommierten Zweitligaspielern wie den Osnabrückern Marcel Schuon und Thomas Cichon gesichert haben. "Wenn ein Spieler einmal für den Betrug empfänglich war, steht er stark unter Druck, kann erpresst werden und betrügt immer wieder", sagt Staatsanwalt Bachmann.

Dabei versuchte der Deutsche Fußball Bund (DFB) in den Jahren nach dem Hoyzer-Skandal, genau gegen solche Dinge vorzugehen. In den DFB-Lizenzverträgen gibt es seitdem eine Klausel, wonach kein Profi Wettscheine abgeben darf. Zudem ist eine Wettüberwachung (Betradar) etabliert worden, der dem DFB anhand auffälliger Quotenbewegungen signalisieren soll, dass ein Spiel möglicherweise manipuliert wurde.

Blöd ist nur, wenn die Wettpaten sich dann eben Spieler aus unteren Klassen wie der Oberliga oder Jugend-Bundesliga aussuchen und nicht im deutschen Markt wetten, sondern über Mittelsmänner in Asien. Das alles sollen die vier in Bochum Angeklagten getan haben. Zunächst jeder für sich. Später jedoch zusammen mit drei Zockerkönigen aus Berlin.

Die "CAI-Gruppe", wie sich Marjo C., Ante S. und Ivan P. nannten, betrieben Wetten im großen Stil. Irgendwann kam der Moment, an dem sie feststellten, dass auch andere ihre besondere Art der Spieler-, Schiedsrichter- und sogar Vereinsakquise betrieben, man schloss sich lose zusammen. Schließlich ist es einfacher, zu acht, neunt oder zehnt Bargeld für eine Bestechung aufzutreiben. Zudem hatten die Männer durch den Zusammenschluss keine Verluste bei den Gewinnen - sie wetteten einfach bei noch mehr Buchmachern. Das teure DFB-Kontrollsystem reagierte nicht.

Der Geldfluss ist kaum nachzuvollziehen

Denn während die Wetter riesige Summen über Londoner, Mailänder oder Warschauer Mittelsmänner in Dehli, Bangkok oder Peking platzierten, fanden die Spiele in Osnabrück, Bielefeld oder Verl statt. Der Geldfluss ist für die Staatsanwaltschaft deshalb kaum kontrollierbar. "Wir werten viele Telefongespräche aus. Aber die Beweisführung ist sehr schwer", sagt Bachmann. Vielleicht wären die Ermittler sogar noch ratloser, wenn der Wettbetrug nicht auch eine Schwachstelle hätte: Wo viele Menschen an etwas beteiligt sind, gibt es viele Personen, die etwas verraten können.

Im Bochumer Fall tat dies als Erster G., den Anwalt Meggers als "einen Kronzeugen des Prozesses, der weit über das geforderte Maß ausgesagt hat", bezeichnet. Auch Tuna A. hat ein Teilgeständnis abgelegt. Vieles in den folgenden Prozesstagen - das Urteil ist für den 28. Oktober angekündigt -, wird zudem von den Aussagen der "CAI-Gruppe" abhängen. Erst da wird geklärt, wie organisiert das Vorgehen der Beschuldigten tatsächlich war. "Wir sind vor allem gespannt auf S.s Aussage", sagt Norbert Weise, der Vorsitzende des Kontrollausschusses des DFB. Er hofft zwar, dass "nicht noch mehr Spiele manipuliert wurden und vor allem keine DFB-Schiedsrichter involviert sind", aber ausschließen lässt sich dies nicht.

Auch die zukünftige Kontrolle über einen immer weiter ausufernden Wettmarkt, bei dem auf die Dauer der Nachspielzeit, die Häufigkeit der Einwürfe oder Gelben Karten gewettet werden kann, ist fast ausgeschlossen. "Im Fußball kann man sehr viel Geld verdienen. Und wo Geld verdient wird, da gibt es immer schwarze Schafe", sagt der Uefa-Prozessbeobachter Michael Emde. Ihm falle keine Möglichkeit für neue Vorbeugemaßnahmen ein: "Wir haben genug Gesetzte. Das ist ein Sumpf, den man kaum trocken kriegt."



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Christian W., 05.10.2010
1.
Zitat von sysopDutzende Festnahmen, hunderte Begegnungen unter Manipulationsverdacht, schockierte Spieler und Funktionäre im zweiten großen Wettskandal binnen weniger Jahre. Verliert der Fußball endgültig seine Glaubwürdigkeit?
So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
Polar, 05.10.2010
2.
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
...und ohne Frings und Kevin geht schon mal gar nix.
Hovac 05.10.2010
3. Dann
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
nehme ich mal die "ich wusste es schon immer position". Nach dem Spiel BVB gegen Sevilla wird das mit der Wettmafia ja auch immer wieder in den Vordergrund gerückt. Solange es irgendwo Geld zu verdienen gibt sind kriminellenicht weit. Solange es nicht soweit überhand gewinnt das es alltäglich wird muss man damit wohl Leben oder auf Fussball verzichten. Da man aber auf so ziemlich alles Wetten kann und Amateurschiedsrichter in anderen Sportarten billiger zu bestechen sein dürften wird es da genauso sein.
Andr.e 05.10.2010
4. .
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
Also erst Mal möcht ich hier ne Lanze fürs Halma brechen, dass ist manipulationsfrei und auch spannender als Fußball wo nur 22 Säcke einem Ball hinterherlaufen. Aber gut, dass manipuliert wird war ja klar, gerade der Fußball ist ja ein Millionengeschäft. Da bin ich froh, dass es beim Halma eher beschaulich zugeht. Vielleicht sollte man wirklich mal über ein Verbot des Fußballs nachdenken. Ich mein, der Sumpf wär damit ja ganz einfach trocken zu legen - wo nichts ist, kann nichts manipuliert werden. Und wo wir beim Thema sind. Warum muss ich als Steuerzahler (und Halmafan) eigentlich ständig die wochenendlichen Fußballeinsätze der Polizei bezahlen. Vielleicht sollte man eine Fußballfansteuer einführen, die pro verkaufte Karte aufgeschlagen wird.
Schwabenpower 05.10.2010
5.
Zitat von sysopDutzende Festnahmen, hunderte Begegnungen unter Manipulationsverdacht, schockierte Spieler und Funktionäre im zweiten großen Wettskandal binnen weniger Jahre. Verliert der Fußball endgültig seine Glaubwürdigkeit?
Bisher stehen ja bloß Verdächtigungen im Raum. Von vollzogener Manipulation im Profifußball kann also im Hier und Heute (noch) keine Rede sein. PS: Contador hat auch nur verunreinigtes Kalbfleisch zu sich genommen, ein Lebensmittelskandal, ja, aber Manipulation? Fehlanzeige. Gut, das bißchen Plastik macht mir dann doch ein wenig zu schaffen. Plastik haben sie aber bei Fußballern noch keines gefunden. Und falls doch, dann jedenfalls nicht bei einem deutschen Fußballer. Werden sie auch nie finden.
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