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06. Oktober 2010, 16:46 Uhr

Fußball-Wettskandal

Zweiter Angeklagter zeigt sich teilgeständig

Auftakt im Prozess um Manipulationen im Fußball: Vor dem Landgericht Bochum ist die Anklage gegen vier Beschuldigte verlesen worden. Nachdem einer davon bereits umfassend mit den Ermittlern kooperiert hatte, ist ein weiterer der Beschuldigten nach Aussage der Staatsanwaltschaft teilgeständig.

Hamburg - Vor dem Landgericht Bochum hat der erste Prozess zum größten Manipulationsskandal im europäischen Fußball begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft den vier Angeklagten gewerbs- und bandenmäßigen Betrug vor. Sie sollen den 38 Anklagepunkten zufolge 370.000 Euro aufgewendet haben, um Spieler, Trainer, Schiedsrichter oder Funktionäre zu bestechen und anschließend Wetten auf vereinbarte Spielausgänge zu platzieren. Insgesamt sollen rund zwei Millionen Euro auf die 32 manipulierten Spiele gesetzt worden sein, die Gewinne sollen sich auf 1,6 Millionen Euro belaufen.

Die Beschuldigten Nürettin G. und Tuna A., die der Führungsebene der Wettmafia zugeordnet werden, sind laut Staatsanwalt Andreas Bachmann "teilgeständig". Jens Meggers, Verteidiger des Hauptangeklagten Nürettin G., kündigte am Rande des Prozesses ein umfassendes Geständnis an. Der 35-Jährige habe sich als Erster entschlossen, umfassend auszusagen, und sei daher durchaus als "Kronzeuge" zu bezeichnen, sagte Meggers. Durch seine Kooperation sei es allein in der Türkei zu 70 Festnahmen gekommen.

Laut Anklage hat Nürettin G. unter anderem seine guten Kontakte zu den ehemaligen Spielern des Zweitligisten VfL Osnabrück Thomas Cichon und Marcel Schuon genutzt. Schuon sollen im Vorfeld der Partie zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem VfL vom 13. Mai 2009 seine gesamten Wettschulden in Höhe von 25.000 Euro erlassen worden sein. Cichon hat laut Anklage 5000 Euro erhalten.

Die ebenfalls angeklagten Stevan R. und Kristian S., die vorwiegend den Kontakt zu den bestochenen Spielern hergestellt und als Geldboten fungiert haben sollen, ließen dagegen über ihre Anwälte einen Befangenheitsantrag gegen die 13. Wirtschaftsstrafkammer stellen. Darüber soll bis zum zweiten Sitzungstag am 14. Oktober entschieden werden. Schon zuvor hatten die Verteidiger die Zuständigkeit des Gerichts angezweifelt und Anträge auf Einstellung des Verfahrens gestellt, die aber abgelehnt wurden. Insgesamt sind für den Prozess in Bochum vier weitere Verhandlungstage bis zum 28. Oktober vorgesehen.

Angeblich bis zu 60.000 Euro Bestechungsgeld pro Partie

Die höchste Summe soll der Unparteiische der U-21-Partie zwischen der Schweiz und Georgien am 18. November 2009 erhalten haben: 60.000 Euro. In der Schweiz soll ein käuflicher Torwart des FC Gossau 20.000 Euro gegen seine eigene Mannschaft gewettet haben.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die regionalen Zuständigkeiten innerhalb der Bande genau aufgeteilt waren. Sobald Spieler bestochen waren, wurden angeblich Drohkulissen aufgebaut. So soll einem Spieler des Regionalligisten SC Verl mitgeteilt worden sein, dass er bereits beim Training beobachtet und später wiedererkannt werde, wenn er die Absprachen nicht einhalte.

Die Wetten wurden in Deutschland, Österreich, Großbritannien und Ostasien platziert. Bei einem Wettanbieter in Manila soll es zum Beispiel möglich gewesen sein, praktisch ohne Limit auf einzelne Spielpaarungen zu setzen. Besonders großer Einfluss soll auf das belgische Zweitliga-Team Union Royale Namur ausgeübt worden sein. Dort sollen die Täter gleich die gesamten Schulden des Vereins in Höhe von 700.000 Euro übernommen haben.

Prozess betrifft nur Teil des Wettskandals

Der Prozess ist nur der Auftakt der juristischen Aufarbeitung des Wettskandals. Es geht in Bochum lediglich um 32 Partien in Deutschland, Belgien, Slowenien, Ungarn, Kroatien und der Schweiz. Insgesamt wird gegen mehr als 250 Personen ermittelt. Rund 270 Spiele im In- und Ausland stehen unter Manipulationsverdacht. Die Wetteinsätze sollen sich auf rund zwölf Millionen Euro, die erzielten Gewinne auf 7,5 Millionen Euro belaufen haben. Die Höhe der gezahlten Bestechungsgelder beträgt nach Angaben der Ermittler etwa 1,5 Millionen Euro.

ulz/sid/dpa

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