Fußball-Wettskandal Zweiter Angeklagter zeigt sich teilgeständig

Auftakt im Prozess um Manipulationen im Fußball: Vor dem Landgericht Bochum ist die Anklage gegen vier Beschuldigte verlesen worden. Nachdem einer davon bereits umfassend mit den Ermittlern kooperiert hatte, ist ein weiterer der Beschuldigten nach Aussage der Staatsanwaltschaft teilgeständig.

Justizbeamtin im Bochumer Gerichtssaal: Erster Verhandlungstag im Manipulationsprozess
dpa

Justizbeamtin im Bochumer Gerichtssaal: Erster Verhandlungstag im Manipulationsprozess


Hamburg - Vor dem Landgericht Bochum hat der erste Prozess zum größten Manipulationsskandal im europäischen Fußball begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft den vier Angeklagten gewerbs- und bandenmäßigen Betrug vor. Sie sollen den 38 Anklagepunkten zufolge 370.000 Euro aufgewendet haben, um Spieler, Trainer, Schiedsrichter oder Funktionäre zu bestechen und anschließend Wetten auf vereinbarte Spielausgänge zu platzieren. Insgesamt sollen rund zwei Millionen Euro auf die 32 manipulierten Spiele gesetzt worden sein, die Gewinne sollen sich auf 1,6 Millionen Euro belaufen.

Die Beschuldigten Nürettin G. und Tuna A., die der Führungsebene der Wettmafia zugeordnet werden, sind laut Staatsanwalt Andreas Bachmann "teilgeständig". Jens Meggers, Verteidiger des Hauptangeklagten Nürettin G., kündigte am Rande des Prozesses ein umfassendes Geständnis an. Der 35-Jährige habe sich als Erster entschlossen, umfassend auszusagen, und sei daher durchaus als "Kronzeuge" zu bezeichnen, sagte Meggers. Durch seine Kooperation sei es allein in der Türkei zu 70 Festnahmen gekommen.

Laut Anklage hat Nürettin G. unter anderem seine guten Kontakte zu den ehemaligen Spielern des Zweitligisten VfL Osnabrück Thomas Cichon und Marcel Schuon genutzt. Schuon sollen im Vorfeld der Partie zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem VfL vom 13. Mai 2009 seine gesamten Wettschulden in Höhe von 25.000 Euro erlassen worden sein. Cichon hat laut Anklage 5000 Euro erhalten.

Die ebenfalls angeklagten Stevan R. und Kristian S., die vorwiegend den Kontakt zu den bestochenen Spielern hergestellt und als Geldboten fungiert haben sollen, ließen dagegen über ihre Anwälte einen Befangenheitsantrag gegen die 13. Wirtschaftsstrafkammer stellen. Darüber soll bis zum zweiten Sitzungstag am 14. Oktober entschieden werden. Schon zuvor hatten die Verteidiger die Zuständigkeit des Gerichts angezweifelt und Anträge auf Einstellung des Verfahrens gestellt, die aber abgelehnt wurden. Insgesamt sind für den Prozess in Bochum vier weitere Verhandlungstage bis zum 28. Oktober vorgesehen.

Angeblich bis zu 60.000 Euro Bestechungsgeld pro Partie

Die höchste Summe soll der Unparteiische der U-21-Partie zwischen der Schweiz und Georgien am 18. November 2009 erhalten haben: 60.000 Euro. In der Schweiz soll ein käuflicher Torwart des FC Gossau 20.000 Euro gegen seine eigene Mannschaft gewettet haben.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die regionalen Zuständigkeiten innerhalb der Bande genau aufgeteilt waren. Sobald Spieler bestochen waren, wurden angeblich Drohkulissen aufgebaut. So soll einem Spieler des Regionalligisten SC Verl mitgeteilt worden sein, dass er bereits beim Training beobachtet und später wiedererkannt werde, wenn er die Absprachen nicht einhalte.

Die Wetten wurden in Deutschland, Österreich, Großbritannien und Ostasien platziert. Bei einem Wettanbieter in Manila soll es zum Beispiel möglich gewesen sein, praktisch ohne Limit auf einzelne Spielpaarungen zu setzen. Besonders großer Einfluss soll auf das belgische Zweitliga-Team Union Royale Namur ausgeübt worden sein. Dort sollen die Täter gleich die gesamten Schulden des Vereins in Höhe von 700.000 Euro übernommen haben.

Prozess betrifft nur Teil des Wettskandals

Der Prozess ist nur der Auftakt der juristischen Aufarbeitung des Wettskandals. Es geht in Bochum lediglich um 32 Partien in Deutschland, Belgien, Slowenien, Ungarn, Kroatien und der Schweiz. Insgesamt wird gegen mehr als 250 Personen ermittelt. Rund 270 Spiele im In- und Ausland stehen unter Manipulationsverdacht. Die Wetteinsätze sollen sich auf rund zwölf Millionen Euro, die erzielten Gewinne auf 7,5 Millionen Euro belaufen haben. Die Höhe der gezahlten Bestechungsgelder beträgt nach Angaben der Ermittler etwa 1,5 Millionen Euro.

ulz/sid/dpa



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Seite 1
Christian W., 05.10.2010
1.
Zitat von sysopDutzende Festnahmen, hunderte Begegnungen unter Manipulationsverdacht, schockierte Spieler und Funktionäre im zweiten großen Wettskandal binnen weniger Jahre. Verliert der Fußball endgültig seine Glaubwürdigkeit?
So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
Polar, 05.10.2010
2.
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
...und ohne Frings und Kevin geht schon mal gar nix.
Hovac 05.10.2010
3. Dann
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
nehme ich mal die "ich wusste es schon immer position". Nach dem Spiel BVB gegen Sevilla wird das mit der Wettmafia ja auch immer wieder in den Vordergrund gerückt. Solange es irgendwo Geld zu verdienen gibt sind kriminellenicht weit. Solange es nicht soweit überhand gewinnt das es alltäglich wird muss man damit wohl Leben oder auf Fussball verzichten. Da man aber auf so ziemlich alles Wetten kann und Amateurschiedsrichter in anderen Sportarten billiger zu bestechen sein dürften wird es da genauso sein.
Andr.e 05.10.2010
4. .
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
Also erst Mal möcht ich hier ne Lanze fürs Halma brechen, dass ist manipulationsfrei und auch spannender als Fußball wo nur 22 Säcke einem Ball hinterherlaufen. Aber gut, dass manipuliert wird war ja klar, gerade der Fußball ist ja ein Millionengeschäft. Da bin ich froh, dass es beim Halma eher beschaulich zugeht. Vielleicht sollte man wirklich mal über ein Verbot des Fußballs nachdenken. Ich mein, der Sumpf wär damit ja ganz einfach trocken zu legen - wo nichts ist, kann nichts manipuliert werden. Und wo wir beim Thema sind. Warum muss ich als Steuerzahler (und Halmafan) eigentlich ständig die wochenendlichen Fußballeinsätze der Polizei bezahlen. Vielleicht sollte man eine Fußballfansteuer einführen, die pro verkaufte Karte aufgeschlagen wird.
Schwabenpower 05.10.2010
5.
Zitat von sysopDutzende Festnahmen, hunderte Begegnungen unter Manipulationsverdacht, schockierte Spieler und Funktionäre im zweiten großen Wettskandal binnen weniger Jahre. Verliert der Fußball endgültig seine Glaubwürdigkeit?
Bisher stehen ja bloß Verdächtigungen im Raum. Von vollzogener Manipulation im Profifußball kann also im Hier und Heute (noch) keine Rede sein. PS: Contador hat auch nur verunreinigtes Kalbfleisch zu sich genommen, ein Lebensmittelskandal, ja, aber Manipulation? Fehlanzeige. Gut, das bißchen Plastik macht mir dann doch ein wenig zu schaffen. Plastik haben sie aber bei Fußballern noch keines gefunden. Und falls doch, dann jedenfalls nicht bei einem deutschen Fußballer. Werden sie auch nie finden.
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