Dreierkette, Joker-Tore, leere Ränge Das sind die Trends der ersten WM-Woche

Es ist bislang die WM der Stars. Neymar, Messi und Müller - die Topspieler treffen, die Favoriten siegen. Was die erste Woche Brasilien sonst noch gebracht hat: eine Übersicht.


Hamburg - Die erste Woche der WM in Brasilien ist vorbei, alle Teams haben mindestens einmal gespielt, und der zweite Spieltag läuft. Zeit, ein kleines sportliches Zwischenfazit zu ziehen. Wer hat auf sich aufmerksam gemacht, welche taktischen Besonderheiten gab es, und welche Rolle spielt das Klima? Zehn Erkenntnisse der ersten WM-Woche.

Hernanes, Neymar, Fred: Brasilianer gewannen gegen Kroatien nach Rückstand
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Hernanes, Neymar, Fred: Brasilianer gewannen gegen Kroatien nach Rückstand

Viele Siege nach Rückstand

"Wer 1:0 führt, der stets verliert" - so lautet eine Fußballweisheit. Und obwohl ein 1:0-Vorsprung natürlich nicht zwangsläufig zu einer Niederlage führen muss, so fällt doch auf, dass viele Teams nach einem 1:0 noch verlieren, beziehungsweise: dass viele Teams einen 0:1-Rückstand in einen Sieg verwandeln. In der ersten Turnierwoche gewann gleich sechs Mal jene Mannschaft, die zunächst in Rückstand geraten war. Brasilien war im Eröffnungsspiel gegen Kroatien 0:1 hinten, am Ende stand es 3:1. Die Niederlande schlugen Spanien nach Rückstand 5:1, genau so war es bei Costa Ricas 3:1 gegen Uruguay, dem 2:1 der Elfenbeinkünste gegen Japan, dem 2:1 der Schweiz gegen Ecuador und zuletzt bei Belgiens 2:1-Auftaktsieg gegen Algerien.

Das zeigt, dass in Brasiliens Hitze die bessere Kondition entscheidend sein kann und Hartnäckigkeit belohnt wird. Die erfreuliche Erkenntnis aus Zuschauersicht: Eine 1:0-Führung ist längst keine Vorentscheidung, die Spiele können immer noch kippen.

Joker Seferovic: Schweiz gewann durch sein Tor in der Nachspielzeit
DPA

Joker Seferovic: Schweiz gewann durch sein Tor in der Nachspielzeit

Joker haben gute Karten

"General" nannte man Ottmar Hitzfeld zu seiner Zeit bei den Münchner Bayern, mit denen er Meisterschaft und Champions League gewann. Als Nationaltrainer der Schweiz kann man ihn seit dieser WM auch "Goldhändchen" nennen. Als seine Mannschaft zur Halbzeit gegen Ecuador 0:1 zurücklag, wechselte Hitzfeld den Angreifer Ahmir Mehmedi ein. Eine Minute nach Wiederanpfiff schoss dieser den Ausgleich. In der 75. Minute brachte Hitzfeld dann den Stürmer Haris Seferovic, der in der Nachspielzeit den 2:1-Siegtreffer erzielte.

Einwechslungen zahlen sich nicht immer aus, dass aber gleich zwei Joker treffen, passiert extrem selten. In dieser Kategorie ist diese WM demnach außergewöhnlich, schließlich wechselte auch Belgiens Trainer Marc Wilmots gegen Algerien die beiden Torschützen ein. Marouane Fellaini und Dries Mertens drehten die Partie ebenfalls nach 0:1-Rückstand. Insgesamt trafen in Brasilien in bisher 17 Spielen (Stand 18. Juni, 15 Uhr) zehn eingewechselte Kicker - ein absoluter Topwert.

Van Persie: Flugkopfball leitete Wende gegen Spanien ein
DPA

Van Persie: Flugkopfball leitete Wende gegen Spanien ein

Angriff auf den Negativtrend

Bei der WM in Brasilien fallen nicht nur viele Joker-Tore, überhaupt sind die Mannschaften bei der Trefferausbeute so erfolgreich wie lange nicht mehr. Genau genommen sind seit 44 Jahren im Schnitt nicht mehr so viele Tore gefallen wie bisher: In den ersten 17 Spielen des Turniers bejubelten die Fans bisher 49 Tore. Das macht einen Schnitt von 2,88 Toren pro Spiel.

Einen besseren Schnitt gab es zuletzt bei den 32 Spielen der WM 1970 in Mexiko mit 2,97 Toren pro Partie. Den wohl unerreichbaren Rekord hält die Endrunde 1954 in der Schweiz, als 5,38 Tore pro Begegnung bestaunt wurden. Hoffentlich unerreicht bleibt der Negativwert der WM-Geschichte von 2,21 Toren pro Spiel, aufgestellt 1990 in Italien - dem Mutterland des Catenaccio.

Elfmetertor von Algeriens Feghouli: Ein Drittel aller Treffer nach Standards
DPA

Elfmetertor von Algeriens Feghouli: Ein Drittel aller Treffer nach Standards

Viele Tore nach Standards

16 von bislang 49 WM-Toren fielen nach Ecken, Freistößen oder Elfmetern. Das ist fast ein Drittel. Zum Vergleich: Bei der WM in Südafrika waren es nur 25 Prozent (37 von 145 Treffern). Auch die deutsche Mannschaft traf beim 4:0 zweimal nach einem Standard - Müller verwandelte einen Strafstoß und Mats Hummels köpfte den Ball nach einer Ecke ins Tor. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Kritik an Joachim Löw, der Bundestrainer vernachlässige das Einüben von Ecken und Freistößen. Gegen Portugal zeigte die Nationalmannschaft einige neue Varianten.

Ein Grund für die große Bedeutung der Standards dürfte das Klima sein. Die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit lassen es in den meisten Stadien nicht zu, 90 Minuten Hochgeschwindigkeitsfußball zu spielen. Deshalb nutzen die Mannschaften Ecken und Freistöße, bei denen sich mit wenig Aufwand Torchancen kreieren lassen.

Niederländische Abwehrspieler: Mann- statt raumorientiert
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Niederländische Abwehrspieler: Mann- statt raumorientiert

Comeback der Dreierkette

Die Dreierkette ist ein Relikt aus den Neunzigerjahren und erlebt bei der WM in Brasilien gerade ihr Revival. Vier Teams spielten zum Auftakt erfolgreich in dieser Formation: Mexiko, Niederlande, Costa Rica und Argentinien. Dabei überraschte vor allem das Team von Louis van Gaal, die Niederlande schlugen Spanien überraschend 5:1.

Welche Vorteile bietet die Dreierkette? Anstelle von üblicherweise vier Verteidigern gibt es nur drei. Das ist aber nur vermeintlich ein offensives Konzept, in Wahrheit liegt der Fokus auf der Defensive. Eine Dreierabwehr bietet die Möglichkeit, sehr mannorientiert zu spielen. Üblicherweise decken die beiden äußeren Spieler der Kette die Angreifer des gegnerischen Teams, der Spieler in der Mitte beteiligt sich stärker am Spielaufbau, ist aufgrund seiner Nähe zum Strafraum aber auch mit Defensivaufgaben vertraut. Die Außenverteidiger sind zugleich Abwehr- und Mittelfeldspieler.

Torjäger Benzema: Die Favoriten setzen sich durch
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Torjäger Benzema: Die Favoriten setzen sich durch

Kaum Überraschungen

Es ist bislang die WM der Favoriten. Bis auf Spanien (1:5 gegen Niederlande) verlor kein Topteam sein erstes Spiel, Costa Rica setzte sich als einziger klarer Außenseiter durch. Deutschland, Frankreich und Kolumbien siegten souverän, Argentinien, Belgien und Italien knapp. Dass der Gastgeber Brasilien nach dem Auftaktsieg gegen Kroatien nur 0:0 gegen Mexiko spielte, war eine der wenigen Überraschungen der ersten Woche.

Spanier Iniesta, Xavi: Spieler laufen trotz Hitze sehr viel
DPA

Spanier Iniesta, Xavi: Spieler laufen trotz Hitze sehr viel

Laufleistungen überraschend gut

Vor der WM war die Kritik am Klima in Brasilien enorm. Es hieß, unter diesen Bedingungen könnten die Teams nicht so viel laufen wie normalerweise. Doch stimmt das? In der Champions-League laufen die Teams im Schnitt 110 bis 115 Kilometer pro Spiel. Nur die Spieler von Borussia Dortmund liefen mit mehr als 120 Kilometern deutlich mehr. Die durchschnittliche Laufleistung bei der WM liegt bislang bei 108 bis 110 Kilometer.

Die deutsche Mannschaft lief gegen Portugal 111,7 Kilometer, das ist ein WM-Topwert. Auch der Sportdiagnostiker Reinhard Föhrenbach ist über die hohen Laufleistungen bei der WM überrascht, mahnt allerdings, dass man die Entwicklung der Laufleistungen beachten müsse. Oftmals könnten diese zum Beginn eines Turniers noch konstant hoch sein und dann aufgrund von Erschöpfung stark abfallen.

Rooney: England zeigte attraktives Spiel gegen Italien
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Rooney: England zeigte attraktives Spiel gegen Italien

Attraktiver Fußball in Manaus

Zu heiß, zu feucht, unmenschlich - der WM-Spielort Manaus war im Vorfeld für völlig WM-untauglich befunden worden. Ein Spiel wurde bislang in der neuen Arena da Amazonia ausgetragen, und man muss sagen: Das war Fußball, was Italien und England da gezeigt haben!

Klar, beide Teams haben gelitten unter der Hitze, die Engländer naturgemäß etwas mehr als die Südeuropäer. Und beide Teams haben im Anschluss geflucht. Doch ihr Spiel gehörte zu einem der attraktiveren in dieser ersten WM-Woche. Weil es gezeigt hat, dass Taktik nicht nur bedeutet, den Gegner möglichst clever zu überwinden, sondern auch alle anderen Herausforderungen.

US-Fans bei Public Viewing: Gute Stimmung bei Fanfesten
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US-Fans bei Public Viewing: Gute Stimmung bei Fanfesten

Die Stimmung ist super

"Nao vai ter copa!", auf Deutsch: "Es wird keine WM geben." Das war die Drohung der Kritiker und Demonstranten vor Beginn des Turniers. Nun läuft die Weltmeisterschaft seit einer Woche, und man kann sagen: Sie läuft gut. Zwar gab es rund um das Eröffnungsspiel Proteste und auch ein paar Auseinandersetzungen von argentinischen Anhängern mit der Polizei in Rio, doch sie waren weniger heftig als erwartet.

Die Fans aus aller Welt haben viel Geld ausgegeben, um dabei sein zu können, und sie geben sich alle Mühe, eine große Party zu feiern. Die Fanfeste sind bunt, beim Public Viewing des Spiels Deutschland gegen Portugal in Rio de Janeiro feierten Mexikaner, Argentinier und Franzosen gemeinsam mit den Anhängern der beiden Mannschaften. Einige Brasilianer wollen nach wie vor nichts mit der WM zu tun haben, aber viele - egal, ob alt, jung, Frau oder Mann - tragen bis in die Nacht hinein Gelb-Grün-Blau. Die brasilianische Regierung hofft, dass das Volk seinen Ärger während des Turniers vergisst. Der Plan könnte aufgehen.

Stadion in Fortaleza: Sponsoren scheuen Anreise
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Stadion in Fortaleza: Sponsoren scheuen Anreise

Ränge bleiben teils leer

Bei aller Euphorie in Brasilien fällt aber auch auf: Die Stadien sind nicht immer voll, selbst bei den Topspielen in Salvador - Niederlande gegen Spanien und Deutschland gegen Portugal - blieben vor allem auf der Gegentribüne Plätze frei.

Das liegt wohl vor allem daran, dass die Fifa zahlreiche Tickets nicht in den freien Verkauf, sondern als Kartenpakete an die Sponsoren vergibt. Die verschenken oder verlosen die Tickets an ihre Kunden, die zum Großteil allerdings in Europa oder Nordamerika leben. Ein Trip nach Brasilien mit allen damit verbundenen Kosten dürfte vielen doch zu aufwendig sein. Mit der Folge, dass die Karten einfach verfallen und gar nicht mehr in den Markt kommen.

Der Schwarzmarkt vor den Arenen ist zudem so gut wie verschwunden. Das hohe Polizei- und Militäraufgebot rund um die Stadien schreckt auch die fliegenden Schwarzmarkthändler ab. Die Fans, die ohne Ticket nach Brasilien gekommen sind, in der Hoffnung, last minute hier noch etwas zu bekommen, stehen so auch frustriert und erfolglos vor den Stadien.

aha/buc/cte/goe/psk/zaf



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