3:1-Sieg im WM-Eröffnungsspiel Brasiliens Glücksfall

Gewonnen - aber viel Dusel gehabt: Brasilien durfte im WM-Eröffnungsspiel auch dank einer Schwalbe von Stürmer Fred jubeln. Gegner Kroatien ist empört über den Schiedsrichter. Das Wichtigste zur Partie im Überblick.

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Ausgangslage: Brasiliens Nationalelf hat eine Mission - sie will, nein, sie muss bei der WM im eigenen Land Weltmeister werden, alles andere würde das heimische Fußballvolk als Katastrophe empfinden. Wohl noch nie hatte ein WM-Gastgeber so viel Druck wie die Brasilianer. Im Eröffnungsspiel sollte der erste Schritt zum sechsten WM-Triumph getan werden, zur "Hexacampeão". Auftaktgegner Kroatien? Sollte keine Probleme machen, so dachten sich das die Brasilianer. Schon vor dem Spiel feierte das Publikum im Stadion in São Paulo, als sei bereits das Halbfinale erreicht. Mindestens.

Die Tränen des (Vor-)Spiels: Die Musik der Nationalhymne war abgeklungen, doch die Brasilianer sangen einfach weiter. Auf den Rängen schmetterte das euphorisierte Volk den Text, auf dem Rasen sangen die Spieler mit einer Inbrunst, als würden sie (mindestens) das Halbfinale bestreiten. Ein ergreifender Moment - und nichts für schwache Torwartseelen. Brasiliens Keeper Júlio César wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln.

Singende Brasilianer, ergriffener Júlio César (Mitte): Tränen in den Augenwinkeln
Getty Images

Singende Brasilianer, ergriffener Júlio César (Mitte): Tränen in den Augenwinkeln

Bundesligist des Spiels: In Wolfsburg hat man das erste WM-Spiel vermutlich ähnlich gebannt verfolgt wie in Brasilien. Der heimische VfL war nämlich der Verein mit den meisten Spielern in den Startformationen der beiden Teams: Mit Luiz Gustavo (Brasilien), Ivica Olic und Ivan Perisic (beide Kroatien) standen drei Wolfsburger auf dem Feld. Der FC Barcelona, Manchester City und Paris Saint-Germain werden gewaltig neidisch gewesen sein auf den Bundesligisten vom Mittellandkanal.

Ergebnis: Brasilien hat das Eröffnungsspiel 3:1 (1:1) gewonnen. Weitere Erkenntnisse: Die WM hat ihr erstes Eigentor, den ersten Doppeltorschützen - und vor allem die erste massive Fehlentscheidung.

Die erste Halbzeit: Begann für die Brasilianer und ihre Fans wie eine Party, bei der die Gäste kurz nach dem Eintreffen feststellen, dass es nur alkoholfreies Bier gibt. Elfte Minute, Olic flankte von links, Brasiliens Verteidiger Marcelo hielt unglücklich den Fuß in den Ball - 0:1. Der sechste WM-Titel, die Hexacampeão? War in diesem Moment ganz weit weg. Doch Neymar rettete die Stimmung: Nach einer knappen halben Stunde traf der Hoffnungsträger einer ganzen Fußballnation aus 20 Metern zum Ausgleich.

Die zweite Halbzeit: Brasilien tat sich weiter schwer gegen die ordentlich mitspielenden Kroaten. In der 67. Minute kam der Gastgeber durch einen Freistoß von Dani Alves zum ersten Abschluss im zweiten Durchgang. Dank eines sehr, sehr glücklichen Elfmeters (die angesprochene Fehlentscheidung, mehr dazu gleich) traf Neymar in der 71. Minute zur Vorentscheidung. Während die Kroaten bis zum Schluss auf den Ausgleich hoffen durften, war es dann Oscar, dem in der Nachspielzeit nach hübscher Einzelleistung der 3:1-Endstand gelang.

Gastgeberbonus des Spiels: Der Strafstoß zu Neymars 2:1 war höchst fragwürdig. Fred kam im Strafraum durch einen von seinem kroatischen Bewacher Dejan Lovren erzeugten Windzug zu Fall. Warum Schiedsrichter Yuichi Nishimura auf den Punkt zeigte, ist das erste große Rätsel der WM. "Wenn das einer war, wird es bei dieser WM hundert Elfmeter geben, dann sind wir bald im Zirkus", empörte sich Kroatiens Trainer Niko Kovac. Als Gastgeber bekommt man einen solchen Elfmeter möglicherweise einfacher zugesprochen.

Gastgeberglück des Spiels: Und dann der Strafstoß selbst: Neymar lief an, er tippelte, er verzögerte, er blieb beinahe stehen. Sein Schuss war dann nicht besonders wuchtig, Kroatiens Keeper Stipe Pletikosa bekam beide Hände an den Ball, den Treffer konnte er aber nicht verhindern. Als WM-Gastgeber gehen solche Elfmeter möglicherweise einfacher rein.

Technische Hilfsmittel des Spiels: Das Turnier in Brasilien bringt die ein oder andere Neuerung, zum Beispiel die Torlinientechnik. Natürlich, bei engen Torentscheidungen ist sie ein nützliches Werkzeug. Dass im Fernsehen auch solche Treffer in der Computeranimation gezeigt werden, bei denen der Ball eindeutig hinter der Linie ist, und dass der Kommentator die dazugehörige Erklärung ("Uuuund hier sehen Sie die neue Torlinientechnik!") mit einer Hingabe ins Mikrofon spricht, als teile sich vor seinen Augen das Meer, wirkt aber übertrieben. Begeisterung in der Sportredaktion brach dagegen jedes Mal aus, wenn Schiedsrichter Nishimura die zweite Neuerung der WM einsetzte: das weiße Spray zur Markierung des Mauerabstands bei Freistößen. Bei Wettbewerben in Südamerika schon seit Jahren praktiziert und bei der Klub-WM 2013 für gut befunden, kommt es in Brasilien zum ersten Mal auf der ganz großen Bühne zum Einsatz. Vorschlag für die nächste WM: ein Schwalbenbeweis. Oder ein Fehlentscheidungsspray.

Schiedsrichter Nishimura, Freistoßspray: Bei der Klub-WM getestet
AFP

Schiedsrichter Nishimura, Freistoßspray: Bei der Klub-WM getestet

Fazit: Die brasilianische Mission hat mit einigen Rucklern und Wacklern begonnen - und mit einem Sieg. Dazu hat Hoffnungsträger Neymar gleich zweimal getroffen. Für Brasiliens Fans war es ein gelungener Auftakt. Mit einem Sieg gegen Mexiko am Dienstag (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) kann der Gastgeber vorzeitig den Einzug ins Achtelfinale klarmachen. Und, ach ja: Kroatien hat mit dieser Leistung ebenfalls gute Chancen aufs Weiterkommen. Anders als Schiedsrichter Nishimura.

Brasilien - Kroatien 3:1 (1:1)
0:1 Marcelo (11., Eigentor)
1:1 Neymar (29.)
2:1 Neymar (71., Foulelfmeter)
3:1 Oscar (90.+1)
Brasilien: Júlio César - Alves, Thiago Silva, David Luiz, Marcelo - Paulinho (63. Hernanes), Luiz Gustavo - Hulk (68. Bernard), Neymar (88. Ramires), Oscar - Fred
Kroatien: Pletikosa - Srna, Corluka, Lovren, Vrsaljko - Modric, Rakitic - Perisic, Kovacic (61. Brozovic), Olic - Jelavic (78. Rebic)
Schiedsrichter: Nishimura (Japan)
Zuschauer: 62.103 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Neymar, Luiz Gustavo - Corluka, Lovren
Torschüsse: 14:11
Ecken: 7:3
Ballbesitz (in Prozent): 57:43



insgesamt 189 Beiträge
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fatal.justice 13.06.2014
1. Wer...
... WMs kaufen kann, darf sie auch wieder verkaufen - und zwar an Trottel wie mich, die sich den Rotz anschauen.... Schwarzärgern wäre untertrieben.
Msc 13.06.2014
2. optional
Man musste doch nur sehen WIE der Mann fällt. Macht einen Schritt nach vorn und stellt den Fuß nicht auf. Das sah schon trainiert aus. Ist auf dem Niveau aber vielleicht auch schon wieder notwendig um was zu gewinnen. Traurig traurig.
Tyrion76 13.06.2014
3. Tja,...
... das ist doch mal ein Gastgeber! Gleich im ersten Spiel etabliert, wie man gedenkt, den Titel zu holen. Ist die Schwalbe nicht das brasilianische Wappentier?
rudi.waurich 13.06.2014
4. Skandal!
Da hat Blatter wieder nachgeholfen, daß das gutgeht. Der Schiri darf sich auf ein neues Haus in Japan freuen. Blatter und Kumpane weg!!
Ernie 13.06.2014
5. Glücksfall ist gut….
vier tore durch Brasilien… eins verschenkt an kroatien…. dann schirifehler und Umgehung des Prozesses… zack ist Brasilien Sieger… lol…
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