Deutsche Abwehr gegen Portugal Löw wird zum Riegel-Jogi

Der moderne Außenverteidiger scheint bei Joachim Löw ausgedient zu haben. Gegen Portugal setzt der Bundestrainer auf Abwehrspieler, die vor allem defensiv denken. Das entspricht zwar nicht seiner Philosophie - aber dem Klima in Brasilien.

Aus Salvador berichten und


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Es wird in diesen ersten WM-Tagen viel über Trends, über moderne Taktik gesprochen, und dann erfindet der Bundestrainer die Abwehr der Fünfziger- und Sechzigerjahre einfach neu. Das war die Zeit, als Verteidiger alles, was über die Mittellinie hinaus ging, als verbotene Zone ansahen und sich auf das beschränkten, was sie am besten und als Einziges konnten: hinten dicht machen. Es hat bis zur WM 2014 gedauert, bis dieses Retromodell wieder salonfähig geworden ist.

Joachim Löw wird beim deutschen WM-Start gegen Portugal am Montag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) höchstwahrscheinlich mit einer Viererabwehr antreten, die aus folgenden Spielern besteht: Jérôme Boateng, Mats Hummels, Per Mertesacker und Benedikt Höwedes. Aus vier Spielern also, die in ihren Vereinen in der Abwehrzentrale spielen; vier, die zudem keinen Hehl daraus machen, dass sie sich genau dort am wohlsten fühlen.

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Deutsche Abwehr: Außenverteidiger sind out
Die "Süddeutschen Zeitung" hat sie die "vier Schwarzenbecks" getauft - in Erinnerung an den legendären Bayern-Vorstopper, der in seiner Karriere wahrscheinlich nur einmal vor dem gegnerischen Tor aufgetaucht ist - und mit seinem Treffer gegen Atlético Madrid 1974 den Bayern die Tür zu ihrem ersten Landesmeister-Europacupsieg öffnete.

Nun ist es nicht so, dass es die Idealvorstellung des Bundestrainers vom schönen Spiel wäre, hinten einen kompakten Viererriegel aufzubauen mit Leuten, die zwar hervorragend grätschen, aber weit weniger hervorragend stürmen und flanken können. Die ihren Hauptjob darin betrachten, "die defensiven Qualitäten einzubringen", wie Höwedes sagt. Der Bundestrainer hat sich den Gegebenheiten gebeugt, also der Personallage der Nationalelf und den klimatischen Bedingungen.

Es ist zu heiß, um 90 Minuten die Linie entlang zu rennen

Dabei hat Löw in Philipp Lahm jemanden im Kader, der allen Ansprüchen eines modernen Abwehrspielers genügt, der offensiv Akzente setzt, der die Seitenlinie in ihrer Gänze beackert und defensiv seine Aufgaben löst. Aber Lahm muss entgegen des ursprünglichen Plans des Bundestrainers im defensiven Mittelfeld aushelfen, weil dort Stammkräfte fehlen (Ilkay Gündogan) oder nicht topfit sind (Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger). Und da keiner im Kader ist, der nur annähernd solche Außenverteidigerqualitäten mitbringt wie Lahm, versucht Löw gar nicht erst, den Bayern-Star auf seiner angestammten Position zu ersetzen.

Außerdem hat Löw wohl auf seinen langjährigen Chefscout Urs Siegenthaler gehört. Der hatte schon vor einiger Zeit die Erwartung geäußert, dass "die Außenverteidiger bei dieser WM keine so große Rolle spielen". Der Grund: Es sei schlicht zu schwül, zu heiß, um 90 Minuten die Linie rauf und herunter zu laufen: "Das hält niemand in Brasilien durch", meint Siegenthaler.

Man kann das einen Rückfall in altes Sicherheitsdenken nennen, allerdings haben die vergangenen beiden Jahre auch die defensiven Defizite der deutschen Mannschaft wiederholt aufgedeckt. Spiele wie das berühmte 4:4 in der WM-Qualifikation gegen Schweden, als die DFB-Elf in 30 Minuten vier Gegentore kassierte, haben Löw zum Nachdenken gebracht.

Zudem ist aus dem Team heraus von Leistungsträgern wie Schweinsteiger, Mertesacker oder Lahm immer wieder der Wunsch geäußert worden, doch bitte defensiver zu denken. Die Defensivstrategen mussten zu oft die Lücken schließen, die offensiv denkende Spieler wie Mesut Özil, Lukas Podolski oder André Schürrle offen gelassen hatten.

Zwei klare Blöcke gegen die Portugiesen

Gegen die Portugiesen wird voraussichtlich eine Mannschaft auf dem Platz stehen, die in zwei Teile fällt: ein Offensivblock und ein Defensivblock, es gibt nur noch wenige Durchmischungen. Es ist eine Taktik von früher. Sie muss deswegen nicht erfolglos sein. Vor allem aber ist es eine Taktik, die vor zwei, drei Jahren noch undenkbar für diesen Bundestrainer gewesen wäre. Denn für Löw besteht Fußball vor allem darin, Kombinationen und Laufspiel zu vereinen, möglichst viele Torchancen zu kreieren, lieber 4:3 als 1:0 zu gewinnen.

Gegen Portugal wird er eine Mannschaft aufs Feld stellen, die man positiv betrachtet als ausgewogen bezeichnen kann. Aber das, was das Nationalteam bei der WM in Südafrika und danach ausgemacht hatte, was Fußballfans in aller Welt zum Schwärmen brachte, das tritt in den Hintergrund. Es ist ein bisschen ein Verrat an Löws alter Philosophie, aber es ist vermutlich vernünftig.

Der Bundestrainer will nicht mehr schön spielen, er will gewinnen. Das ist die Botschaft dieser Aufstellung. Lieber 1:0 siegen als 3:4 verlieren.

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Seite 1
AundZwanzig 15.06.2014
1. Wer Italien gegen England gesehen hat...
---Zitat--- Es sei schlicht zu schwül, zu heiß, um 90 Minuten die Linie rauf und herunter zu laufen: "Das hält niemand in Brasilien durch" ---Zitatende--- ...weiss, dass diese Aussage stimmt. Allerdings können wir nur hoffen, dass Leute wie Özil, Kroos oder Götze so intelligent wie Pirlo spielen werden.
Tom Joad 15.06.2014
2.
Zitat von sysopGetty ImagesDer moderne Außenverteidiger scheint bei Joachim Löw ausgedient zu haben. Gegen Portugal setzt der Bundestrainer auf Abwehrspieler, die vor allem defensiv denken. Das entspricht zwar nicht seiner Philosophie - aber dem Klima in Brasilien. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-wm-2014-in-brasilien-joachim-loew-ohne-aussenverteidiger-a-975284.html
Mich freut ja schon zu hören, dass Löw überhaupt einen Plan hat. Sah mir lange Zeit nicht danach aus. Siegen vor Schönspielen und lieber 1:0 als 3:4 klingt auch gut - so es denn stimmt. Lassen wir uns überraschen!
Kottan 15.06.2014
3. 4:5:1 ist ok
Ich bin gespannt, was Jogi da ausprobiert. Geübt hat er das unter realen Bedingungen noch nicht. Ich weiß nicht, ob es gut ist, was er da verändert. Meiner Meinung nach lag unsere Defensivschwäche nicht an unseren Außenverteidigern, sondern an der Art und Weise, wie Jogi sie spielen ließ - viel zu hoch! Das war bei eigenem Ballbesitz zu oft ein 2:5:3 manchmal sogar 2:3:5 System. Jede Gurkentruppe weiß doch inzwischen, wie man gegen "diese" Deutschen zu Kontern und Torerfolgen kommt. Ich bin gespannt, wer morgen aus der Abwehr heraus das Aufbauspiel lenkt und wie Portugal darauf reagieren wird. Wir haben keinen Pirlo...
Vaen 15.06.2014
4. .
Bei den Personalumständen und dem Klima ist es sicherlich anspruchsvoll, die richtige Taktik zu finden. Oberflächlich hört es sich jedenfalls vernünftig an.
rocatheo 15.06.2014
5. 4 Musketiere mit dem Kopf gegen Konter
Blind hat bewiesen, dass Außenverteidiger eine Schlacht gewinnen können. Spanien gegen Holland war ein klasse Spiel. Holland hat bewiesen mit Tempofußball und Pressing im Mittelfeld gewinnst Du Spiele. Siegenthaler is nicht unser Trainer. Die vier Musketiere werden sich und können sich über offensive Außenverteidiger freuen. Contrao und CR7 werden Boateng einheizen. Wir brauchen keine 4 kopballstarke Spieler, die werden uns über die Außen knacken im Kontern. Boateng hat gegen Kamerun und mit dem FCB-gegen Real bewiesen, dass Konter das bessere Mittel sind um eine deutsche Abwehr zu schlagen. Boateng und Höwedes werden ihr blaues Wunder erleben. Ich vermisse Großkreutz und Durm, die Malocher vom BVB Seit heute hab ich keine Ahnung mehr vom Fußball bin völlig sprachlos.
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