Fehlende Euphorie in Brasilien Die genervten Gastgeber

Es soll die größte Fußballparty werden, doch wenige Tage vor der WM will in Brasilien keine Feierlaune aufkommen. Pannen und Proteste haben vielen Menschen die Stimmung verhagelt.

AFP

Aus Rio de Janeiro berichtet Constantin Wißmann


SPIEGEL ONLINE Fußball
Eigentlich war alles angerichtet zur großen Party, vielleicht zur größten, die die Welt je gesehen hat. Eine Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, in dem Land, wo der Fußball gelebt wird wie sonst nirgends. Und wo das Feiern - am Strand, in den Samba-Schuppen, beim Karneval - fast ebenso wichtig ist. Was, bitte schön, sollte da schiefgehen?

Zumal sich das Land, als es 2007 den Zuschlag für die WM bekam, auf einem Höhepunkt seiner Geschichte wähnte. Präsident war der populäre ehemalige Arbeiterführer Luiz Inácio Lula da Silva, gerade waren riesige Ölvorkommen entdeckt worden und die Wirtschaftsdaten stiegen rasant. Das hielt auch noch an, als die großen Volkswirtschaften in die Finanzkrise schlitterten. Das waren Probleme der alten Welt. Brasilien war die Zukunft. Die WM sollte der alten Welt diese Zukunft zeigen.

Doch geht man jetzt, gut eine Woche vor dem Eröffnungsspiel, durch Rio de Janeiro, dann ist von dieser Euphorie nichts zu spüren. Die Straßen sind nicht geschmückt, wie es vor Großereignissen üblich ist. Kaum jemand trägt das Nationaltrikot, Fahnen an den Autos sind ebenfalls nicht zu sehen.

Und kommt man mit den Menschen ins Gespräch, dann reden sie meist so wie die Anwältin Katia Menezes: "Unser Land ist einfach noch nicht bereit für eine Veranstaltung von diesem Ausmaß. Wir haben noch zu viele Probleme, die zuerst gelöst werden müssen."

"Schlechtester PR-Gag der Geschichte"

Die Probleme sind bekannt. An den Stadien wird immer noch herumgeflickt. Und von den 168 Infrastrukturprojekten, die das Leben der Bürger im Land einfacher und besser machen sollten, sind nicht einmal die Hälfte fertig geworden. Die Wirtschaft stagniert, während die Preise, vor allem für Immobilien, weiter so stark steigen, dass die Menschen die Währung Real nur noch als "Surreal" bezeichnen. Dazu liefert sich Rios Polizei an der Vorzeigepromenade der Copacabana Schlachten mit Demonstranten.

Die jüngsten Enthüllungen über die seltsamen Geschäfte der Fifa haben den Verdacht vieler Brasilianer bestätigt, dass sich mit dem Weltfußballverband und der brasilianischen Regierung zwei der korruptesten Organisationen der Welt zusammengetan haben, um dieses Turnier auszurichten.

Zwar wird weiterhin verzweifelt versucht, so etwas wie Euphorie zu entfachen. Im TV-Programm des aus der Militärregierung hervorgegangenen Globo-Konzerns läuft nur noch WM, WM und WM. Aber die meisten Brasilianer lässt das kalt. Kürzlich haben Bundesanwälte bei einem Gericht einen Antrag gestellt gegen die Ausstrahlung von Werbespots der Regierung, welche die Vorzüge der WM anpreisen. Diese seien "absurd entfernt von der Realität", heißt es in dem Antrag. Das US-amerikanische Magazin "Forbes" bezeichnete die gesamte Veranstaltung als "schlechtesten PR-Gag der Geschichte".

Vor allem bei der Jugend der Mittelklasse haben all die Missverhältnisse so großen Ärger ausgelöst, dass sie schon im vergangenen Jahr massenhaft auf die Straße strömten. Die Proteste während des Confed-Cups sorgten für Aufregung. "Não vai ter copa - hier wird es keine WM geben", schallte es hunderttausendfach aus den Kehlen.

Viele Brasilianer schämen sich

Doch auch dazu scheint der Mehrheit die Lust zu vergehen. Irgendjemand protestiert fast immer irgendwo, aber die Teilnehmerzahlen halten sich in Grenzen. Oft mutet es an, als wären mehr begleitende Polizisten und Journalisten bei den Demonstrationen als Demonstranten selbst. Stattdessen macht sich Apathie breit. Eine Umfrage ergab: Einem Drittel des eigentlich so fußballverrückten Volks ist die WM im eigenen Land mittlerweile schlicht egal. 2007 hatten sich noch 80 Prozent darauf gefreut. "Selbst wenn die Mannschaft Weltmeister werden sollte, das Turnier haben wir schon vorher verloren", schrieb das konservative Magazin "Veja". Und drückt damit aus, was viele empfinden.

Brasilien wollte der Welt mit der WM beweisen, dass es zu dem Klub der Großen gehört. Und scheint es vor den Augen aller in den Sand gesetzt zu haben. Wieder einmal wurde der brasilianische Minderwertigkeitskomplex bestätigt. Dieser besteht spätestens seit Charles de Gaulle das Land einmal als "nicht ernst zu nehmen" bezeichnet haben soll.

Es gibt neuerdings ein Tumblr-Blog mit dem Titel "Nur in Brasilien", der zahlreiche Dinge auflistet, die nur hierzulande schieflaufen würden. "Stellt euch vor, was sie im Ausland über uns denken", lautet die Unterzeile. Anstatt sich zu freuen, schämen sich viele Brasilianer für die WM und wollen am liebsten nichts mehr damit zu tun haben.

Gleichzeitig aber ist die Teilnahmslosigkeit auch ein gutes Zeichen, ein Zeichen für die gewachsene Mündigkeit des Volks. Obwohl er abgeflaut ist, hat der Wirtschaftsboom dazu geführt, dass viele Menschen einen gewissen Lebensstandard erreicht haben, den sie nicht aufgeben wollen.

Die Protestwelle hat unzählige Debatten ausgelöst, die sich dank der digitalen Revolution, die auch Brasilien erfasst hat, immer schneller verbreiten. "Das Land ist aufgewacht" war einer der meistgerufenen Schlachtrufe der Proteste des vergangenen Jahres, und es scheint zu stimmen. Brot und Spiele, das reicht den Brasilianern nicht mehr. Es gibt wichtigere Dinge.



insgesamt 37 Beiträge
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hobbyleser 04.06.2014
1. Seid mal keine Spielverderber
Wir haben uns so auf die Spiele gefreut. Jetzt macht uns nicht alles kaputt. Uns interessiert Eure Armut genausowenig, wie die Korruption bei der FIFA. Hauptsache Ballspielen. Politik hat eben kein Platz im Fußball. Wo kämen wir sonst hin?
Nepheron 04.06.2014
2. Wenn die Brasilianer nicht wollen...
Ich bin sicher, Deutschland hätte die WM gerne dieses Jahr nochmal ausgetragen. Brasilianer sind schon ein spezielles Volk: Immer Achterbahn fahren zwischen Samba und Saudade. Das wird schon noch... Auf die ohne Frage vorhandenen gesellschaftlichen Probleme gehe ich jetzt mal nicht ein. Aber die gabs in Deutschland auch 2006... vor dem "Sommermärchen".
Kiste 04.06.2014
3. Virtuell
Warum läßt man die WM in Zukunft nicht einfach nur im Fernsehen stattfinden. Was sind schon ein paar zehntausend Stadionbesucher gegen hunderte Millionen TV-Zuschauer. Jubel kann man ja reinschneiden wie in Comedyserien. Dann ist es auch egal, wo die einzelnen Spiele stattfinden.
Kabral 04.06.2014
4. Das Problem
Die Bevölkerung hat das Problem noch nicht verstanden. Je mehr Geld die Regierung auf Erziehung und Gesundheit investiert, desto weniger Chance hat die Bevölkerung. Die Regierung ist tief Verbunden mit Drogen-Handell, Kuba und Kommunismus. Die Regierung gibt Geld aus, damit die Bevölkerung mehr Kokain und Crack nimmt. Drogen-Suchtig sind einfacher zu niederknien. Die Konservativ denken die Familie für die Erziehung verantwortlich wird. Sie können es nicht merken, das die pflichte Erziehung gegen die Familie ist, damit es nur Idioten in Brasilien geboren sind. Die Demo führen das Land immer noch tief in Arsch, weil sie immer noch mehr Regierung fragen. Es gibt nur ein Mensch, der Brasilien retten kann. Er ist Olavo de Carvalho.
el-gato-lopez 04.06.2014
5. Reiseleitung!
Zitat von sysopAFPEs soll die größte Fußballparty werden, doch wenige Tage vor der WM will in Brasilien keine Feierlaune aufkommen. Pannen und Proteste haben vielen Menschen die Stimmung verhagelt. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-wm-2014-in-brasilien-keine-euphorie-beim-gastgeber-a-973265.html
Richtig! Was fällt denen "da unten" auch ein. Der teutonische Schlachtenbummler und all die anderen Kickerei-Fans von den Wohlstandsinseln haben doch ein Anrecht auf "Latino-Lebensfreude" (ach, positiver Rassismus ist doch was feines...) und auf freuzügige "Exoten-Weiber" und massig Bier und Caipirinha, gelle? Und dann sowas - kein Samba-Rumsfallara, sondern Leute, die sich fragen warum ihr Heimatland das in den Boom-Jahren verdiente Geld nicht in Krankenhäuser oder Schulen gesteckt hat. Menschen die wissen wollen, ob der korrupte Staat nach der Polizei auch andere Leute in die Favelas schickt, z.B. Lehrer oder Unternehmer, die dafür sorgen könnten, dass die Leute dort eine Zukunftsperspektive haben. Geradezu peinlich hier der Versuch, die brasilianische Gesellschaft implizit gegeneinander auszuspielen. Die doofen Protestler haben dem feierfreudigen Teil und den lieben tollen Touristen die Laune verdorben? Ach nööö... Aber was red ich mich hier fuselig... Grübeln über Staat und Gesellschaft ist das Privileg der zivilisatorischen Herzlande, oder? Der "Neg.." soll gefälligst fröhlich Kunststücke zur Belustigung der Völkerschauer vollführen - immerhin hat man ja dafür bezahlt!
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