Umstrittener Star der Gastgeber So wichtig ist Oscar für Brasilien

Vor der WM schwächelte Brasiliens Oscar, viele wollten den Offensivspieler auf der Bank sehen. Doch Trainer Scolari hielt an dem 22-Jährigen fest - und der dankte es mit einem großen Spiel. Nun könnte er eine zentrale Figur für die Titelmission werden.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


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Viel zu lachen hatte Brasiliens Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari nach dem 3:1-Auftaktsieg seiner Seleção nicht. Mit ernster Miene verteidigte er die Leistung der Mannschaft gegen Kroatien und die umstrittene Elfmeterentscheidung von Schiedsrichter Yuichi Nishimura. Nur einmal, für einen kurzen Augenblick, konnte ein Journalist Scolari hinter seiner Fassade hervorlocken: Als er ihn auf seinen Spieler Oscar ansprach. Plötzlich lächelte Scolari.

Oscar sei ein "feiner Junge", sagte der Trainer, "so einen Sohn wünscht sich jeder Vater". Der 65-Jährige konnte nicht verbergen, dass er stolz darauf war, wie Oscar sich an diesem Abend in São Paulo präsentiert hatte. Der offensive Mittelfeldspieler war an allen Toren der Brasilianer beteiligt gewesen, hatte den 1:1-Ausgleich durch Neymar vorbereitet, den Pass auf Frederico "Fred" Chaves Guedes gespielt, woraufhin dieser den Elfmeter zugesprochen kam - und am Ende, bedrängt von zwei Gegenspielern, sogar selbst getroffen.

Die brasilianische Tageszeitung "O Globo" widmete Oscar nach der Eröffnungspartie ein hymnenartiges Gedicht: "O craquo raçudo" - der rasende Spielmacher. Besser hätte Oscar das Vertrauen Scolaris nicht bestätigen können.

Denn der hatte an dem 22-Jährigen festgehalten, obwohl Oscars jüngste Auftritte in Testspielen wenig ruhmreich verlaufen waren. Nach der durchwachsenen WM-Generalprobe gegen Serbien (1:0) hätten ihn viele Brasilianer im Eröffnungsspiel am liebsten auf der Bank gesehen, sie forderten, dass Scolari an Oscars Stelle Willian in die Startformation berufen sollte, dessen Teamkollegen beim FC Chelsea. Scolari aber ließ sich nicht beirren und baute seine Mannschaft stattdessen kurzerhand um. Ist Oscars angestammter Platz eigentlich das Zentrum, beorderte ihn der Trainer gegen Kroatien auf den rechten Flügel.

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Brasilien-Spieler Oscar: Der Mann neben Neymar
U20-Weltmeister und Confed-Cup-Sieger

Diese Rolle war mit weniger Verantwortung verbunden - und das tat Oscar gut. Befreit vom Druck zeigte er selbstbewusste Dribblings und sorgte für die wenigen spielerischen Höhepunkte seiner Mannschaft. Auch vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Mexiko in Fortaleza (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF), das eine Revanche für das verlorene Olympia-Finale vor zwei Jahren werden soll, heißt der große brasilianische Hoffnungsträger Neymar, natürlich. Doch mit einem Mal fällt in den Gesprächen über die Titelmission der Seleção auch immer häufiger der Name Oscar.

Als erinnerten sich Fans und Experten nun wieder daran, dass Oscar bei den vergangenen beiden Turnieren - bei den Spielen 2012 und beim Confederations Cup im vergangenen Jahr - eine wichtige Rolle im brasilianischen Team gespielt hatte. In London war der U20-Weltmeister bei jedem der sechs Spiele zum Einsatz gekommen, beim 3:0-Sieg gegen Spanien im Finale des Confed Cups bereitete er Neymars 2:0 vor. Bei Chelsea ist er seit seinem Wechsel im Sommer 2012 ohnehin eine feste Größe.

Und mittlerweile taugt Oscar, mit vollem Namen Oscar dos Santos Emboaba Júnior, sogar zum Star: Derzeit wirbt er für die gleiche Unterhosenmarke wie David Beckham und Cristiano Ronaldo, seine Plakate hängen in vielen brasilianischen Städten. Die gewachsene Präsenz Oscars könnte vor allem Neymar zugutekommen, fragt man sich doch manchmal, wie dieser mit dem enormen Druck überhaupt noch befreit Fußball spielen kann.

"Nun muss ich das nächste gute Spiel machen"

Wie sehr der Druck die Leistung beeinflussen kann, hatte Oscar selbst in den vergangenen Wochen demonstriert. Von seinen überdurchschnittlichen technischen und taktischen Fähigkeiten, seiner Stärke im Eins-gegen-eins war nur noch wenig zu sehen gewesen. Da er zudem manchmal als arrogant und übermütig gilt, war die brasilianische Presse wenig gnädig mit ihm. Doch ein wenig scheint es, als habe die Kritik an seiner Person Oscar dabei geholfen, gelassener, demütiger zu werden.

So bemühte er sich im WM-Camp der Brasilianer in Teresópolis, die Erwartungshaltung vor der Partie gegen Mexiko so klein wie möglich zu halten. Nicht das Ergebnis des Auftaktspiels ermutige ihn vor den kommenden Aufgaben, sondern das tiefe Vertrauen seines Trainers Scolari, seiner Familie und Freunde, sagte er: "Und nun muss ich das nächste gute Spiel machen. Denn das brasilianische Team besteht aus großen Spielern." Oscar weiß, dass bei einer schwachen Leistung sofort Alternativen wie Willian, Hernanes oder Ramires bereitstünden.

Fast klingt es, als wolle Oscar die enorme Verantwortung, die auf dieser Seleção lastet, auf so viele Schultern wie möglich verteilen. Eine kluge Strategie.

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