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Zwischenbilanz der WM: Alles offen

Foto: Peter Powell/ dpa

Die WM vor dem Viertelfinale Favorit gesucht

Brasilien? Mit viel Glück im Viertelfinale. Deutschland? Mühte sich gegen Algerien. Argentinien? Wäre beinahe an der Schweiz gescheitert. Das packende WM-Turnier hat noch keinen klaren Favoriten - vor allem aus deutscher Sicht ist das erfrischend.

Argentiniens Fans haben gelitten, sie konnten nicht glauben, was ihnen in der Corinthians-Arena in São Paulo geboten wurde. Ihre Mannschaft, ein Team aus Weltstars wie Messi, Di María und Higuain, stand vor dem WM-Aus im Achtelfinale gegen die kleine Schweiz, erst die vorletzte Minute der Verlängerung brachte das erlösende Siegtor. Nach dem Schlusspfiff freuten sich Argentiniens Fans über das Vorrücken ins Viertelfinale, natürlich, aber sie dürften auch irritiert davon gewesen sein, wie schwer dieses Unterfangen war.

Sie dürften sich gefühlt haben wie zuvor die Anhänger der deutschen Mannschaft. Und die der niederländischen. Und die der brasilianischen.

Die Achtelfinals haben einen Trend bestätigt, der sich seit dem ersten Tag der WM besichtigen lässt, seit dem Eröffnungsspiel, das Brasilien mit viel Glück und dank eines wohlwollenden Schiedsrichters gewann: Die großen Teams tun sich schwer auf ihrem Weg durchs Turnier - sie gewinnen, aber sie gewinnen weder schön noch überzeugend. Die Siege der Großen sind in Brasilien keine Selbstverständlichkeit. Anderthalb Wochen vor dem Finale im Maracanã-Stadion in Rio lässt sich deshalb nicht seriös vorhersagen oder zumindest vermuten, wer dieses Endspiel bestreiten wird. Die WM ist eine WM ohne Favoriten.

  • Gastgeber Brasilien? Überzeugte in der Vorrunde eigentlich nur gegen Kamerun. Im Achtelfinale wäre die Mission vom Titelgewinn im eigenen Land beinahe schon beendet gewesen.

Dass Weltmeister Spanien, die Engländer und das stets gefürchtete Italien bei der WM überhaupt dabei waren, ist mittlerweile fast schon vergessen.

Bei der WM vor vier Jahren in Südafrika war es - gefühlt - viel leichter, einen Favoritenkreis auszumachen: Der Finaleinzug der zweckmäßig-erfolgreichen Niederländer schien unvermeidlich, Deutschlands gute Rolle stand spätestens nach dem 4:1 im Achtelfinale gegen England fest. Dass der spätere Weltmeister Spanien weit kommen würde, war außer Frage, obwohl der Ballbesitz-Fußball des Teams lange nicht so berauschend war wie zwei Jahren zuvor beim EM-Triumph.

Dass in Brasilien keine Mannschaft die Favoritenrolle an sich reißt, mag gegen die Qualität der Teams sprechen, aber es spricht für diese WM und es passt auch zu ihr.

Es ist eine fantastische WM: eine WM mit wilden, dramatischen und zum Teil erstaunlichen Spielen wie dem 5:1 der Niederländer gegen Spanien, Costa Ricas Erfolgen gegen Uruguay, Italien und Griechenland, dem späten Sieg der Niederländer gegen das tapfere Mexiko oder - zuletzt - Belgiens 2:1 in der Verlängerung gegen die US-Amerikaner und ihren achtarmigen Torwart Tim Howard. Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Insgesamt hat die WM die beste Torquote seit 1982.

Unwägbarkeiten und Zufälle tragen ihren Teil zum hohen Unterhaltungswert bei: Die große Zahl an Schiedsrichterfehlern vor allem in der Vorrunde gehört genauso dazu wie die klimatischen Bedingungen, die einigen Teams sichtlich Probleme bereiten.

Die WM ist seit der ersten Sekunde spannend und bleibt es voraussichtlich bis zur letzten. Alles ist möglich bei diesem Turnier, das gilt auch für die anstehenden Viertelfinals. Dass Deutschland souverän gegen Frankreich gewinnt, scheint genauso wahrscheinlich wie eine krachende Niederlage. Einen Kolumbien-Sieg gegen Brasilien kann man sich genauso gut vorstellen wie einen vom Heimpublikum getragenen Triumph der Gastgeber.

Die WM in Brasilien ist eine WM ohne Gewissheit. Das findet man als Zuschauer aus Deutschland besonders erfrischend: als Konsument der Bundesliga, dieser "FC Bayern gegen den Rest"-Veranstaltung, ist man ein offenes Titelrennen gar nicht mehr gewohnt.