WM-Auftaktsieg gegen Südkorea Olympique Frankreich

Für Gastgeber Frankreich hätte die WM 2019 nicht besser starten können. Les Bleues zeigten dank der Spielerinnen aus Lyon eine berauschende erste Hälfte. Fragt sich, ob sie mit ihrer Favoritinnenrolle diesmal besser klarkommen.

Griedge Mbock Bathy
DPA/Xiao Yijiu/XinHua

Griedge Mbock Bathy

Aus Paris berichtet


Es dauerte einige Minuten, ehe die französischen Nationalspielerinnen begriffen, was zu einem 4:0-Sieg im ersten Spiel einer Weltmeisterschaft noch gehört.

Sie verließen den Rasen im Pariser Prinzenpark zunächst, ohne große Emotionen zu zeigen, kamen dann aber zurück und starteten eine Ehrenrunde. 45.261 Zuschauer hatten dem teilweise berauschenden Spiel der Gastgeberinnen den richtigen Rahmen verliehen - und dann wurde eben doch noch gesungen, getanzt und gehüpft.

Bis auf zwei Ausnahmen spielt der gesamte Kader in der heimischen Division 1 Féminin. Im April war dort im Spitzenspiel zwischen Olympique Lyon und Paris Saint-Germain ein Zuschauerrekord (25.907) aufgestellt worden, doch in der Regel wird auch in Frankreichs erster Liga vor weniger als tausend Besuchern gespielt.

"Das war ein emotionaler Abend für uns", sagte nun die zweifache Torschützin Wendie Renard. "Wenn so viele Menschen die Hymne singen, pusht dich das nach vorne."

Nach der Ehrenrunde wurden die Spielerinnen von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron am Spielfeldrand beglückwünscht. Spätestens jetzt war klar, was für einen speziellen Abend das Team von Trainerin Corinne Diacre im sturmumtosten Paris erlebt hatte. Selbst Macrons ansonsten so makellose Frisur saß nicht mehr richtig, als er sich bei Renard mit Küsschen bedankte und Kapitänin Amandine Henry beim kurzen Gespräch über die Schulter streichelte. Frankreich gehörte vor Turnierbeginn zu den Mitfavoritinnen, das "Mit-" kann vorerst gestrichen werden.

Sieben Profis von Olympique Lyon in der Startelf

Großen Anteil am klaren Erfolg gegen überforderte Südkoreanerinnen hatten die Spielerinnen aus Lyon. Sieben Olympique-Profis sind im französischen Kader, alle sieben standen in der Startelf. Sicher, mit den beiden Deutschen Dzsenifer Marozsán und Carolin Simon, der Niederländerin Shanice van de Sanden oder Weltfußballerin Ada Hegerberg spielen auch ausländische Topstars in Lyon, aber das Gerüst für die Champions-League-Siege 2016, 2017, 2018 und 2019 stellen die Französinnen:

  • Wendie Renard misst 1,87 Meter und das macht sie sowohl defensiv als auch offensiv unentbehrlich. Bei eigenen Ecken war ihr Hwang Boram zugeteilt, doch die südkoreanische Abwehrspielerin konnte die beiden Kopfballtreffer (35. Minute/45.+3) nicht verhindern. Zudem hat sich Renard im Spielaufbau verbessert, was im weiteren Turnierverlauf gegen stärkere Gegnerinnen noch wichtig werden könnte.
  • Amandine Henry bestimmt im französischen Spiel das Tempo. Die zentrale Mittelfeldspielerin gibt viele Anweisungen und leitet so Mittelfeldpressing an. Außerdem erzielte Henry gegen Südkorea mit einem Schlenzer aus 18 Metern den vierten Treffer (85.) und bereitete das Führungstor vor.
  • Das erzielte Eugenie Le Sommer, als Henry nach einem Ballgewinn in den Strafraum zog und Le Sommer den Rückpass unter die Latte schoss (9.). Sie begann wie üblich auf der linken Außenbahn, zog aber immer wieder ins Zentrum. Denn die gelernte Stürmerin ist sehr abschlussstark, in 160 Länderspielen hat sie bereits 74-mal getroffen.
  • Innenverteidigerin Griedge Mbock Bathy ist in der Spieleröffnung stärker als Nebenfrau Renard. Deshalb können die Außenspielerinnen höher stehen, was dem französischen Spiel mehr Tiefe verleiht. Bei eigenen Standards ist Mbock sehr gefährlich, ihr vermeintliches Tor per Seitfallzieher (27.) wurde nach dem ersten VAR-Einsatz bei dieser WM wegen einer Abseitsstellung aberkannt.
  • Die beiden Außenbahnspielerinnen Amel Majri, die das zweite Renard-Tor mit einer Ecke vorbereitet hat, und Delphine Cascarino kamen nicht so zur Geltung wie Le Sommer, Henry und Renard. Doch die beiden deuteten mit ihren Dribblings und Flanken ihr Potenzial an.
  • Bleibt noch Torhüterin Sarah Bouhaddi, die bis zur 77. Minute völlig beschäftigungslos war. Doch die siebte OL-Spielerin weiß, dass im weiteren Turnierverlauf schwerere Aufgaben folgen werden.

Denn bei aller Euphorie, die nach einem so überzeugenden Sieg entstehen kann, sollte Frankreich die Favoritenrolle nicht zu sehr annehmen. In den vergangenen zehn Jahren wähnten sich Les Bleues schon häufiger - auch dank der Erfolge im Vereinsfußball - auf dem Sprung in die Weltspitze. Doch seitdem sprangen als beste Ergebnisse zwei vierte Plätze bei der WM 2011 und den Olympischen Spielen 2012 heraus. Ansonsten war, trotz zum Teil starker Vorrundenspiele, stets im Viertelfinale Schluss: 2009 (EM), 2013 (EM) sowie 2015 (WM) jeweils im Elfmeterschießen.

Bei der Heim-WM stehen nun erstmal die Gruppenspiele gegen Norwegen (12. Juni) und Nigeria (17. Juni) an, in der Form des Südkorea-Spiels machbare Aufgaben. Als Gruppensieger ginge es im Achtelfinale gegen einen Tabellendritten, vermutlich wieder eine leichte Aufgabe. Doch schon im Viertelfinale könnte es gegen die USA gehen.

Trainerin Diacre hat das Ziel WM-Titel klar vorgegeben: "Es war nur ein erster Schritt", sagte sie nach dem Spiel, "es müssen noch sechs weitere hinzukommen."

insgesamt 3 Beiträge
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ALEMANNE2 08.06.2019
1. Das "Mit-" aus dem Wort "Mitfavoritinen"
würde ich nicht streichen. Habe das Spiel in voller Länge gesehen und es war phasenweise durchaus ansehnlich, was und wie die Französinnen gespielt haben. Allerdings haben erschreckend schwache Koreanerinnen es ihnen auch durchaus leicht gemacht. Dadurch wird das 4:0 Ergebnis doch stark relativiert.
widower+2 08.06.2019
2. Eindeutige Favoritinnen
Und nicht nur "Mit-", sondern für mich bereits vor dem gestrigen Spiel die eindeutigen Favoritinnen mit der spielstärksten Mannschaft plus Heimvorteil. Die Koreanerinnen mögen zwar schwach gewesen sein, aber die erste Halbzeit Frankreichs war trotzdem in Bezug auf Technik und Tempo das mit Abstand Beste, das ich je im Frauenfußball gesehen habe.
hileute 08.06.2019
3. Nicht aussagekräftig
das sah zwar ganz gut aus, aber Südkorea hat nicht mal ansatzweise Gegenwehr gezeigt. Ob die Französinnen gut genug für den Titel sind wird sich frühestens ab dem Viertelfinale zeigen, wenn ernstzunehmende Gegner warten
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