DFB-Team in der Taktikanalyse Wehe, wenn die Gegnerin mauert

Seit Freitag läuft die WM - am Nachmittag wird es auch fürs deutsche Team ernst. Deutschland besticht durch Positionswechsel und eine offensive Spielidee. Probleme könnten gegen sehr defensive Teams entstehen.

Alexandra Popp (vorne) im Testspiel gegen Chile im Mai
Christof Stache / AFP

Alexandra Popp (vorne) im Testspiel gegen Chile im Mai


Die DFB-Elf steckt im Umbruch. Frühere Stars wie Melanie Behringer, Anja Mittag, Annike Krahn oder Simone Laudehr sind nicht mehr dabei. Auch die Trainerin ist neu. Steffi Jones musste nach dem Viertelfinal-Aus bei der EM 2017 und enttäuschenden Auftritten danach gehen, das war im März 2018. Es folgte Interims-Coach Horst Hrubesch, erst seit November ist Martina Voss-Tecklenburg im Amt. Und nun, wenige Monate später, bestreitet sie mit dem DFB-Team gegen China ihr erstes WM-Spiel (15 Uhr; Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD).

Das erste Länderspiel mit "MVT" an der Seitenlinie bestritten die Deutschen erst im Februar (1:0 in Frankreich). Nicht viel Zeit, um auszutesten, in welcher Konstellation das Team sein Talent am besten auf den Platz bringt.

Schon Steffi Jones nominierte viele Neulinge, doch Voss-Tecklenburg setzt noch konsequenter auf den Nachwuchs. Deutschland stellt einen der jüngsten Kader des Turniers, auch weil Voss-Tecklenburg mit der Berufung von Spielerinnen wie der 17 Jahre alten Lena Oberdorf (SGS Essen) überraschte.

Das sind Deutschlands Stärken:

Das Team ist top ausgebildet. Technisch und athletisch sind die Spielerinnen auf sehr hohem Niveau. Zwar fehlt eine Ausnahmesprinterin, wie sie die Niederlande mit Shanice van de Sanden in ihren Reihen haben, aber auch Giulia Gwinn, Svenja Huth, Linda Dallmann oder Lea Schüller können explodieren. Der Trickreichtum der Deutschen liegt weniger im spektakulären Übersteigern als in Körpertäuschungen ohne Ball. So verladen sie ihre Gegnerinnen und verschaffen sich Platz.

Voss-Tecklenburg liebt das offensive Spiel. Gegen China - und in den anderen Partien der Gruppenphase gegen Spanien und Südafrika - dürfte die DFB-Elf versuchen, das Geschehen zu dominieren. Im Fokus steht dabei Mittelfeldspielerin Dzsenifer Marozsán. Mit Olympique Lyon gewann sie zuletzt dreimal in Folge die Champions League und wurde stets als beste Spielerin der französischen Liga ausgezeichnet.

In der kurzen Vorbereitungszeit probierte Voss-Tecklenburg verschiedene taktische Varianten aus. Im Test gegen Schweden setzte die Bundestrainerin auf eine Fünferkette. Bei der WM dürfte aber eine Viererabwehr der Standard sein. Als Formation wird sie wohl ein 4-2-3-1 wählen - eigentlich. Tatsächlich dürfte Deutschlands System wie ein 4-3-3 interpretiert werden.

Dzsenifer Marozsán im DFB-Trikot: Ruhe am Ball, große Übersicht
Maja Hitij / Getty Images

Dzsenifer Marozsán im DFB-Trikot: Ruhe am Ball, große Übersicht

Was auf dem Papier wie eine Doppelsechs wirkt, wird beim Ballbesitz vermutlich anders aussehen: Die Schaltzentrale vor der Abwehr gehört nämlich allein Melanie Leupolz. Ihr Pendant - meist Sara Däbritz oder Lina Magull - schaltet sich weiter vorne ein.

Eine große Stärke: Den Zehnerraum, von wo aus der finalen Pass erfolgen soll, besetzen die Deutschen sehr dynamisch. Vor allem Stürmerin Alexandra Popp tauscht oft mit Marozsán die Positionen. Unterstützt werden die beiden mit Vorstößen aus dem defensiven Mittelfeld. Diese Rochaden schaffen Zuordnungsprobleme beim gegnerischen Team: Wer muss verfolgt, wer an die Teamkollegin übergeben werden?

In den Testspielen hat Deutschland zudem eine gute Raumaufteilung gezeigt. Zieht eine Flügelstürmerin in die Mitte, besetzt die Außenverteidigerin deren Position. Ballt sich das Geschehen außen, stehen eine defensive Anspielstation und die ballferne Flügelspielerin für Verlagerungen bereit. Wenn das Team in Schwung kommt, sind alle Spielerinnen in Bewegung, die Pässe kommen in den Raum statt in den Fuß. Durch diese Dynamik ist gegen Deutschland schwer zu verteidigen.

Das sind Deutschlands Schwächen

Gegen sehr defensive Teams wie zuletzt im Test gegen Chile (2:0) neigt die deutsche Auswahl allerdings dazu, den Spielaufbau sehr berechenbar über die Flügel zu gestalten und dann Hoffnungsflanken vor das Tor zu schlagen. Gerade vor dem gegnerischen Tor stimmten Präzision und Timing bei den Pässen noch nicht. Zudem hapert es an der Chancenverwertung. Wie beim EM-Aus vor zwei Jahren vergab die DFB-Elf auch zuletzt erstklassige Möglichkeiten.

Ein weiteres Fragezeichen: Torhüterin Almuth Schult. Sie wurde in diesem Jahr erst durch eine Masernerkrankung, dann von einer Schulterverletzung zurückgeworfen und leistete sich sowohl im Klub, beim VfL Wolfsburg, als auch bei der Nationalelf einige schwerwiegende Patzer. Die WM ist ihre Chance, die Kritik verstummen zu lassen.

Und die Konkurrenz?

Andere Nationen haben zum DFB-Team aufgeschlossen. Kanada, Neuseeland und Australien haben längst mehr als nur Athletik und Biss zu bieten, sie sind taktisch gereift.

Zwar gehört Deutschland nach wie vor zur Weltspitze, doch Turniererfahrung, die manche Konkurrenten - etwa England - zuletzt sammeln konnten, fehlt. Und dann sind da Nationen wie die formstarken Japanerinnen, die USA mit ihrer Power oder Frankreich mit einem Team, das Technik, Taktik und mittlerweile auch Erfahrung vereint.

Auf der DFB-Elf lastet bei der Klasse der Konkurrenz viel weniger Erfolgsdruck als bei manch vergangenem Turnier. Für den Titel kommt die WM angesichts mangelnder Erfahrung wohl zu früh. Es sei denn, das Team reift noch während des Turniers. Die nötige Klasse ist jedenfalls da.



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