Deutsche Fußballerinnen vor WM-Start Die Spaßgesellschaft

Für das deutsche Team beginnt die Weltmeisterschaft in Frankreich. Auftaktgegner China gilt als unbequem, die DFB-Auswahl aber gibt sich zuversichtlich. Auch, weil die Stimmung wieder gut ist.

PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/REX

Aus Rennes berichtet


Plötzlich hatte Martina Voss-Tecklenburg die Lacher auf ihrer Seite. Auf der Pressekonferenz vor dem ersten deutschen Spiel bei der Weltmeisterschaft in Frankreich gab sie Svenja Huth eine Startplatzgarantie. Zugegeben, das allein ist weder lustig noch besonders überraschend: Huth ist die Vizekapitänin und eine feste Größe im jungen DFB-Team, sie soll in der gegnerischen Abwehr Unruhe stiften und gilt läuferisch als eine der stärksten. Huth ist gegen China gesetzt (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Der Moment für die Startelfgarantie kam jedoch überraschend. Die künftige Angreiferin des VfL Wolfsburg lobte gerade die noch immer neue Cheftrainerin. Voss-Tecklenburg habe seit Beginn ihrer Amtszeit Anfang dieses Jahres viel an den Details gearbeitet, Trainingseinheiten seien immer wieder unterbrochen worden, um "taktische Kleinigkeiten" zu besprechen. Voss-Tecklenburg hörte aufmerksam zu und sah dabei ganz zufrieden aus. Als die 28-Jährige zum Schluss ihrer Hymne noch sagte, dass der Spaß mit dem Trainerteam sehr groß sei, kommentierte die Bundestrainerin: "Du spielst morgen." Beide klatschen miteinander ab.

Wenn man so will, dann steht dieser Moment symbolisch für ein neues DFB-Team. Für eine Auswahl, die den Schock bei der Europameisterschaft 2017 mit dem frühen Viertelfinal-Aus unter Ex-Trainerin Steffi Jones hinter sich gelassen haben will. Für ein Team, das mit 15 WM-Debütantinnen und dem neuen Trainerteam ein frisches Gesicht bekommen hat. Aber diese Szene steht auch für eine Mannschaft, die bei der WM mit Lockerheit Erfolg haben will.

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"Im Gegensatz zur EM vor zwei Jahren verspüre ich keinen Druck. Die Stimmung ist befreiter, deshalb ist die Vorfreude größer", sagte Verteidigerin Sara Doorsun dem SPIEGEL vor zwei Wochen bei einem Pressetag in Grassau, und Verena Schweers ergänzte dort: "Die Stimmung ist sehr gut, wir sind gut vorbereitet und wir haben ein paar junge Spielerinnen dabei, die verrückt sind und wenig nachdenken." Huth fasste diese Aussagen am Tag vor dem China-Spiel ganz gut zusammen: "Fokussiert sein, an Details arbeiten, Spaß haben - das ist die perfekte Mischung." Sollte Deutschland am 7. Juli den WM-Titel feiern, die Huth-Formel dürfte in jedem Erfolgslehrbuch ihren Eintrag finden.

Maroszán in einer besonderen Rolle

Aber das ist noch weit weg, Zukunftsmusik; ohnehin ist noch unklar, für was diese WM einmal stehen wird. Viel ist vor diesem Turnier über Prämien gesprochen worden, darüber, wie groß der Unterschied zwischen der Ausschüttung ist, die die Fifa beim Männer-Weltmeister (32 Millionen Dollar) und Frauen-Weltmeister (3,6 Millionen Dollar) vornimmt.

Das Rampenlicht für die WM ist im Gastgeberland jedenfalls gegeben: Die französische Sportzeitung "L'Équipe" thematisierte das Turnier in ihrer Freitagsausgabe auf den ersten 17 Seiten. Die French Open in Paris? Weit hinten in der Zeitung. In den acht Gastgeberstädten von Valenciennes bis Montpellier sind kleinere Fanmeilen geplant, viele der Spiele werden ausverkauft sein.

Spannend dürften die Spiele für die Zuschauer werden, spätestens ab der K.-o.-Runde. Aus sportlicher Sicht konkurriert das DFB-Team nicht mehr nur mit den Rekordweltmeisterinnen aus den USA oder Japan, WM-Champion von 2011. Europameister Niederlande, Gastgeber Frankreich oder England haben enorm aufgeholt. Damit dieses Turnier aus deutscher Sicht erfolgreich mit dem Minimalziel Olympiateilnahme 2020 (dazu muss das DFB-Team unter den ersten drei europäischen Teams landen) endet, darf nicht allein der Spaßfaktor hoch sein. Spielerinnen wie Topstar Dzsenifer Maroszán müssen am Limit spielen.

China kassierte bei der WM 2015 nur vier Gegentore in fünf Spielen

Die Regisseurin von Champions-League-Seriensieger Olympique Lyon (zuletzt wurde Maroszán dreimal Spielerin des Jahres in der französischen Liga) ist auch im deutschen Team die prägende Figur. Eine der bisher auffälligsten taktischen Entscheidungen von Voss-Tecklenburg war es, den Spielaufbau stärker auf die Nummer zehn zuzuschneiden.

"Wir versuchen, sie in ihren Stärken zu stärken. Wir geben ihr deswegen viel Einfluss", sagt Voss-Tecklenburg über die ballsichere Maroszán, aber auch: "Sie ist nicht unsere einzige Unterschiedsspielerin." Gemeint werden auch Huth oder Alexandra Popp gewesen sein. Aber auch die 21-jährige Lea Schüller, die in ihren bisher 13 Länderspielen bereits acht Tore erzielt hat und auch im Auftaktspiel in der Startelf stehen könnte.

Gegen China wird man die Abschlussqualitäten der Essenerin gut gebrauchen können. Gerade die Chancenverwertung war in der Vorbereitung eine der auffälligsten Baustellen im deutschen Team, und mit China wartet nun ein Gegner, der wenig Chancen zulässt; der bei der WM vor vier Jahren in Kanada die Niederlande in der Gruppenphase geschockt hatte und erst im Viertelfinale 0:1 gegen die späteren Weltmeisterinnen aus den USA ausschied. Mittlerweile verstehen die Chinesinnen ihr Handwerk nicht mehr allein als Betonanrührerinnen. Sie haben auch die Lust am Fußballspielen entdeckt: Mit Wang Shuang von Paris Saint-Germain gibt es eine Waffe in der Offensive. Kurz: "Eine große Herausforderung", erwartet die Bundestrainerin.

Aber Voss-Tecklenburg erwartet auch "Dynamik und ein schönes Spiel der eigenen Mannschaft". Man solle die Vorfreude der Spielerinnen auf das Turnier auch auf dem Platz spüren. Mit anderen Worten: Die deutschen Fußballerinnen sollen Spaß machen.



insgesamt 2 Beiträge
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hwmueller 08.06.2019
1. Spassgesellschaft?
Das hätte sich Niemand getraut, zu einer Männermannschaft zu sagen. Chauvinismus mit Intellektuellen Anstrich. Ist Frauenfussball sollte also nur Spass sein?
Bradyman 08.06.2019
2. #hwmueller: Ja, Spaßgesellschaft
Ich erinnere mich da an eine dänische Nationalmannschaft, die 10 Tage vor Beginn noch in die EM 92 rutschte (Jugoslawien wurde auf dem Turnier genommen) und dann gewissermaßen mit der Grillfete zum Saisonabschluss als einziger Vorbereitung antrat um als Europameister nach Hause zu fahren. Das war auch eine reine Spaßgesellschaft mit Schmeichel im Tor, Brian Laudrup und Flemming Poulsen auf dem Platz und dem Schlachtruf "red, white, danish dynamite". Über diese Mannschaft ist nie etwas anderes gesagt worden als "Spaß". Hören Sie also bitte auf, solchen Unsinn zu verzapfen. Hoffen wir lieber auf viel Spaß und wenn es richtig gut läuft, den dritten Stern - und nie wieder auf ein Gemurkse wie beim letzten Turnier, bei dem die Mannschaft im "Ernst des Lehms" stecken geblieben ist. Das braucht niemand.
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