Fußball-WM 8:0 - Torflut in Sapporo

Der WM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft in Sapporo weckt Hoffnungen. Der harmlose Außenseiter Saudi-Arabien war gegen das Team von Rudi Völler vollkommen überfordert.


Mann des Tages in Sapporo: Miroslav Klose bejubelt den Führungstreffer zum 1:0
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Mann des Tages in Sapporo: Miroslav Klose bejubelt den Führungstreffer zum 1:0

Sapporo - Die deutsche Nationalelf ist am Samstag mit einem Rekordsieg in die Endrunde der 17. Fußball-Weltmeisterschaft gestartet. Mit dem überraschend deutlichen 8:0 (4:0) gegen Saudi-Arabien sorgte das Team von Rudi Völler für den höchsten Erfolg einer DFB-Auswahl in der WM-Geschichte. Vor 42.000 Zuschauern im Sapporo Dome war Miroslav Klose (20./25./69.) vom 1. FC Kaiserslautern als dreifacher Torschütze herausragender Spieler einer durchweg überzeugenden Mannschaft. Michael Ballack (40.), Carsten Jancker (45.), Thomas Linke (73.), Oliver Bierhoff (84.) und Bernd Schneider (90.) trugen sich bei der Gala als weitere Schützen ein.

"Den Ball flach halten"


"Es ist wichtig, dass wir nach diesem hohen Sieg den Ball flach halten", versuchte Völler die Euphorie nach dem Kantersieg zu Bremsen. "Die Moral in der Mannschaft stimmt absolut, jetzt haben wir ein paar ruhige Tage vor uns. Ich glaube, dass wir eine richtige Einheit geworden sind. Wir haben vor allem in der ersten Halbzeit sehr schönen Fußball gespielt. Ich freue mich, dass die Mannschaft all das, was wir uns vorgenommen haben, auch durchgezogen hat." Nur über die unnötigen Gelben Karten gegen Ziege und Hamann ärgerte sich der Teamchef. "Die waren unnötig und blöd. Das tut schon weh."

Saudi-Arabiens Trainer Nasser Al-Johar hingegen war sichtlich erschüttert nach dem Debakel gegen die Völler-Truppe. "Es war ein Desaster", so Al-Johar. "Das war nicht unsere Mannschaft, nicht die, die in der Vorbereitung gegen Brasilien, Uruguay, Dänemark und Senegal so gut gespielt hat. Die Mannschaft heute hat sehr schlecht gespielt. Mir tut es sehr leid für die Zuschauer, vor allem für die aus Saudi-Arabien. Wir sind sehr enttäuscht, auch ich bin für die Niederlage verantwortlich. Aber wir haben noch zwei Spiele - wir haben noch unsere Chance."

Erneuter Hattrick von Klose


Spielfreude und hohe Einsatzbereitschaft waren die Gütesiegel der deutschen Mannschaft, die einen verheißungsvollen Turnier-Start hinlegte. Das hoch motivierte Team setzte Völlers Vorgaben von der ersten Minute an um und ließ Saudi-Arabien mit seinem Tempo-Fußball kaum Zeit zum Luftholen. Als Prunkstück der DFB-Auswahl erwies sich die Offensiv-Abteilung, in der Klose seinem Ruf als Goalgetter einmal mehr alle Ehre machte.

Tore schaffen Harmonie: Bernd Schneider gratuliert Miroslav Klose zu seinem Hattrick
DPA

Tore schaffen Harmonie: Bernd Schneider gratuliert Miroslav Klose zu seinem Hattrick

In seinem 13. Länderspiel glückte dem Lauterer Torjäger sein dritter Hattrick in diesem Jahr nach den Erfolgen gegen Israel und Österreich. Zugleich ist Klose der erste deutsche Stürmer seit Karl-Heinz Rummenigge 1982 beim 4:1 gegen Chile, dem in einem WM-Spiel drei Treffer gelangen. An der Seite des Pfälzers bot Jancker eines seiner besten Spiele im DFB-Trikot. Der Münchner rechtfertigte Völlers Vertrauen als "Rammbock" mit Laufbereitschaft und großem Engagement. Jedes Mal, wenn er in der Nähe des Balls war, ging ein Raunen durchs Publikums. Der deutsche Hüne machte Eindruck im Sapporo Dome.

Trotz gelegentlicher Auszeiten erfüllte der durch eine Fußprellung leicht gehandicapte Ballack seine Aufgabe als Ballverteiler hinter den Spitzen und glänzte zudem als Torschütze. Hinter dem künftigen Bayern-Spieler sicherte der zweikampfstarke Dietmar Hamann ab und öffnete mit seinen Pässen zudem immer wieder das Spiel. Gut klappte auch das Wechselspiel von Torsten Frings und Bernd Schneider auf der rechten Seite. Dagegen steht für die neu formierte Abwehr-Kette mit Thomas Linke, dem zur Pause ausgewechselten Carsten Ramelow und Christoph Metzelder mangels einer ernsthaften Prüfung die WM-Bewährungsprobe noch bevor.

Engagement von Anfang an


Die ersten zehn Minuten des von der deutschen Mannschaft erwartet druckvoll begonnenen Spiels standen ganz im Zeichen von Jancker. Der bullige Bayern-Stürmer setzte sich bereits nach 68 Sekunden im Strafraum energisch gegen Abdullah Suliman durch, zielte aber aus spitzem Winkel knapp daneben. Wenig später verfehlte ein Kopfball des Münchners sein Ziel (7.). Als sich Jancker im Zweikampf erneut resolut gegen Suliman behauptete und den Ball über die Linie drückte, versagte Schiedsrichter Ubaldo Aquino aus Paraguay dem Treffer wegen eines angeblichen Foulspiels des 1,93 Meter-Riesen die Anerkennung.

Selbst der blonde Hüne traf: Carsten Jancker fiel nach seinem Treffer zum 4:0 bestimmt ein Stein vom Herzen
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Selbst der blonde Hüne traf: Carsten Jancker fiel nach seinem Treffer zum 4:0 bestimmt ein Stein vom Herzen

Weitere Chancen für Klose (14.) und Michael Ballack (16.) waren Ausdruck der Dominanz der Völler-Elf, die mit ihrem Dauerdruck eine Art Belagerungszustand über den Strafraum der Saudis verhängte. Zwei perfekt getimte Flanken von Ballack auf den Lauterer Klose sorgten dann innerhalb von fünf Minuten für die Vorentscheidung gegen den dreifachen Asien-Meister, dessen Abwehr gegen das deutsche Tempospiel völlig überfordert war. Mit zwei platzierten Kopfbällen ließ der Pfälzer acht Tage vor seinem 24. Geburtstag dem inoffiziellen Länderspiel-Weltrekordler Mohammed Al-Deayea bei seinem 169. Einsatz zwischen den Pfosten des saudischen Tores keine Chance.

Torhunger bis zum Schluss


Nach einer kurzen Verschnaufpause zog die deutsche Elf die Zügel noch vor Ablauf der ersten 45 Minuten wieder an und kam durch das dritte Kopfball-Tor des Tages durch Ballack nach Flanke von Christian Ziege zum 3:0. Sekunden vor der Pause wurde auch der unermüdliche Einsatz von Jancker mit einem Treffer belohnt. Diesmal hatte Klose die Vorarbeit geleistet. Mit Jens Jeremies für den über muskuläre Probleme klagenden Ramelow und leicht gedrosseltem Motor startete die deutsche Mannschaft in den zweiten Abschnitt, der für Völler schon zum Test für die nächsten Aufgaben wurde.

Doch in der Schlussphase verriet das Team noch einmal Torhunger. Klose gelang mit seinem dritten Kopfball-Tor das 5:0, danach traf Bayern-Abwehrspieler Linke ebenfalls per Kopf zum ersten Mal im DFB-Trikot. Der eingewechselte Bierhoff mit seinem 37. Länderspiel-Tor und Schneider mit einem spektakulären Freistoß-Treffer rundeten das Schützenfest ab. Höhere WM-Siege hatten bisher nur Ungarn (10:1 gegen El Salvador und 9:0 gegen Südkorea) und Jugoslawien (9:0 gegen Zaire) gefeiert.

Mit dem 8:0 über Saudi-Arabien übertraf die Völler-Elf damit den bisherigen WM-Rekord: 1978 hatte die DFB-Auswahl 6:0 in der Vorrunde gegen Mexiko gewonnen. Selbst ARD-Chefkritiker Günter Netzer wollte seinen Augen kaum trauen. "Eine Leistung ohne Fehl und Tadel. Ich habe so etwas erhofft, aber nicht erwartet", sagte der Ex-Nationalspieler erfreut und verteilte schon zur Halbzeit ein großzügiges Pauschallob: "Die Mannschaft ist aggressiv, spielt über die Flügel, kurz: Sie setzt alles um, was zuvor immer wieder verlangt worden ist. So muss man gegen Gegner wie Saudi-Arabien spielen."

Deutschland - Saudi-Arabien 8:0
1:0 Klose (20.)
2:0 Klose (25.)
3:0 Ballack (40.)
4:0 Jancker (45.)
5:0 Klose (70.)
6:0 Linke (72:)
7:0 Bierhoff (84.)
8:0 Schneider (90.)
Deutschland: Kahn - Linke, Ramelow (46. Jeremies), Metzelder - Frings, Schneider, Ballack, Hamann, Ziege - Klose (77. Neuville), Jancker (66. Bierhoff)
Saudi-Arabien: Al-Daeyea - Ahmed Al-Dossary, Zubromawi, Tukar, Sulimani - Noor, Khamis Al-Dosari (46. Ibrahim Al-Sharani), Al-Temyat (46. Al-Khathran), Abdullah Al-Sharani - Al-Jaber, Al-Yami (76. l-Dosary)
Schiedsrichter: Ubaldo Aquino (Paraguay)
Zuschauer: 42.000
Gelbe Karten: Ziege, Hamann - Noor



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