Afrikas Teams bei der WM Das gebrochene Versprechen

Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Weltmeister aus Afrika kommt - darin waren sich die Experten einig. Die Prognose ist 20 Jahre alt, bewahrheiten wird sie sich aber so bald nicht. Die WM in Brasilien zeigt: Afrikas Teams können kaum mithalten.

DPA

Aus Natal berichtet


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Es klang bizarr, als Kwesi Appiah die Frage, wer denn der Favorit auf den Weltmeistertitel sei, vollmundig mit einem klaren "Wir!" beantwortete. Appiah ist Trainer des nächsten deutschen Gruppengegners Ghana (Anpfiff Samstag 21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), und weder der erste Auftritt des Teams noch das Ergebnis (1:2 gegen USA) taugen als Argument für diese gewagte These, inzwischen klingt der Mann auch etwas zurückhaltender. "Wir haben immer noch alle Chancen", sagt er.

Dass er zuvor wirklich glaubte, Ghana sei der Favorit auf den WM-Titel, darf natürlich bezweifelt werden, der Mann ist schließlich Experte. Gesagt hat er den Satz trotzdem, vermutlich als Ausdruck des Durstes nach Anerkennung. Nach einer Form von Respekt in der Fußballwelt, der dem afrikanischen Kontinent in Neunzigerjahren entgegengebracht wurde, weil Experten wie Pelé und Franz Beckenbauer nicht müde wurden zu verkünden, schon "sehr, sehr bald" werde es einen afrikanischen Weltmeister geben. Und in den Nullerjahren, weil die WM 2010 auf dem Kontinent bevorstand und alle neugierig waren, was das wohl geben wird.

Inzwischen ist diese Begeisterung verschwunden. Statt das Weltturnier auf dem eigenen Kontinent für eine Initialzündung zu nutzen, sind die Afrikaner eher wieder ins Hintertreffen geraten.

"Seit einem Jahrzehnt stockt die Entwicklung"

Natürlich hat jedes Team seine eigene Geschichte, aber gewonnen hat ihr WM-Auftaktspiel nur die Elfenbeinküste. Nigeria, Kamerun, Ghana und Algerien hingegen stehen bereits nach einer Partie unter Zugzwang. "Seit einem Jahrzehnt stockt die Entwicklung des afrikanischen Fußballs, denn die Spieler in Afrika finden nicht die Bedingungen vor, um sich ordentlich weiterzuentwickeln", sagt Nigerias Nationaltrainer Stephen Keshi und beanstandet einen "Mangel an Führung und Organisation".

Die nationalen Ligen entwickeln sich nicht weiter, die Klubs unterhalten keine vernünftigen Ausbildungsabteilungen, die besten Spieler werden früh nach Europa verfrachtet, und das senkt wiederum das Niveau des Vereinsfußballs in Afrika; in den Verbänden ist auch wenig zu sehen von der Professionalisierung, die seit Jahren kommen soll.

Ganz anders in Europa, wo sich seit der Jahrtausendwende enorme Entwicklungen beobachten lassen. In vielen Ländern wurde die Jugendarbeit revolutioniert, der Fußball wurde verwissenschaftlicht, längst gehören Analysten und zahllose andere hochqualifizierte Spezialisten zum Stab der großen Nationalmannschaften. Ghanas Appiah dagegen muss sich mit Neuerungen wie einem Spielanalysesystem begnügen, die anderswo längst Standard sind: "Ich habe jetzt die Mittel, Gegner sehr genau zu analysieren, zu beobachten, wie sie verteidigen, nach welchen Mustern sie angreifen. Wir können den Spielern jetzt sagen, was sie in einem Spiel wahrscheinlich erwarten wird", sagt er.

Nationen wie Tunesien oder Ägypten wurden zurückgeworfen

Diese wachsende Kluft zwischen europäischer Professionalität und afrikanischer Improvisation sieht auch Antoine Hey, der während der vergangenen drei Jahre als Sportdirektor beim libyschen Verband arbeitete. "Die führenden Fußballnationen planen dieses Turnier in Brasilien komplett durch, das ist in afrikanischen Ländern völlig anders. Daraus entsteht ein deutlicher Wettbewerbsnachteil", sagt er. Zumal die etwas professioneller arbeitenden nordafrikanischen Fußballnationen wie Tunesien oder Ägypten aufgrund der politischen Umstürze 2010 und 2011 deutlich zurückgeworfen worden seien, meint Hey.

Die viel beschworenen positiven Entwicklungen gibt es in Afrika allenfalls in kleineren Nationen wie Gabun, Sambia oder Botswana. Aber auch deren Entwicklungstempo ist nicht mit dem Fortschritt vieler europäischer, südamerikanischer und asiatischer Fußballnationen vergleichbar. Oder soll man es als Fortschritt betrachten, dass die Kameruner sich diesmal nicht erst in der Nacht vor ihrem ersten Spiel über die Prämien mit der Verbandsspitze einigten, sondern schon eine Woche vor der WM, durch die Weigerung, ins Flugzeug zu steigen?

Man solle solche Rituale, die "eine Geschichte in diesem Land haben", respektieren, statt mit hämischem Unterton über Chaos und Unfähigkeit zu berichten, sagt Kameruns Trainer Volker Finke zwar, aber Eric Maxim Choupo-Moting findet schon, "dass es besser wäre, wenn solche Probleme gar nicht erst auftauchen". Choupo-Moting steht mit seinen Kamerunern am Abend gegen Kroatien (Anpfiff 0 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) schon gehörig unter Druck. Mit einer Niederlage hätten die unbezähmbaren Löwen das Kunststück vollbracht, als erste Mannschaft ausgeschieden zu sein. Und das würde irgendwie zum gegenwärtigen Zustand des afrikanischen Fußballs passen.



insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
snake-4 18.06.2014
1. man soll es nicht meinen
aber in afrika haben sie wahrscheinlich ganz andere probleme als fußball.das sollte der verfasser dieser "nachrciht" ebenso wissen wie "experten" ala beckenbauer. in was ist der nochmal genau "experte" ?
hors-ansgar 18.06.2014
2. Strukturen
Noch ist es sicherlich zu früh, die Afrikaner abzuschreiben, zumal die Cote d´Ivoire und Nigeria ja durchaus noch weiterkommen können. Ein großes Problem sind aber sicherlich die Strukturen. Siehe Kamerun. Da wird bis kurz vor Toresschluss noch um Prämien gefeilscht, die Mannschaft droht mit Boykott etc. Das ist einfach keine richtige Vorbereitung auf solch ein Turnier. Da fehlen dann eben ein paar %. Die Europäer sind meist perfekt durchorganisiert, ähnlich die Südamerikaner. Ich traue eher den Japanern oder Südkoreanern zu, bald in die Spitze vorzustoßen.
Benutzernameoptional 18.06.2014
3. Bongoteng
Um es mit Kevin-Prince zu sagen: Denen fehlen einfach die Typen.
Christian Peterle 18.06.2014
4.
Zitat von sysopDPAEs sei nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Weltmeister aus Afrika kommt - darin waren sich die Experten einig. Die Prognose ist 20 Jahre alt, bewahrheiten wird sie sich aber so bald nicht. Die WM in Brasilien zeigt: die afrikanischen Teams können kaum mithalten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussball-wm-afrikas-teams-droht-fruehes-aus-in-brasilien-a-975816.html
Dieser Satz ist eigentlich schon Erklärung genug. Es ist immer besser den gesunden Menschenverstand zu bemühen ( Afrikas Fußball von Jahr zu Jahr bewerten, beurteilen), als immer auf unzählige "Experten" zu vertrauen. Wer vor 20 Jahren behauptete es wäre nur eine "Frage der Zeit" implizierte eine baldigen Fußballweltmeister aus Afrika. Tatsache ist aber das " die Frage der Zeit" wohl eher wortwörtlich zu nehmen war. Also irgendwann mal in 1000 Jahren vielleicht ?
bulettenbert 18.06.2014
5. Warum auch?!
Warum sollte nur nach einer Ankündigung ein afrikanisches Team Weltmeister werden?! Da gehört noch ein bisschen mehr dazu. Auf lange Sicht ist das wenig realistisch. Genauso wie ein Papst aus Afrika...
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