Suárez, Giroud, Sakho Den Schlägern und Beißern drohen lange Sperren

Uruguays Suárez und den beiden Franzosen Sakho und Giroud drohen nachträgliche Konsequenzen für ihre Tätlichkeiten. Doch die Zeit drängt vor den Achtelfinals. Vor allem Wiederholungstäter Suárez könnte lange gesperrt werden: sogar bis zur WM 2018 in Russland.
Frankreichs Giroud (r.) gegen Ecuadors Erazo: Eine Sperre droht

Frankreichs Giroud (r.) gegen Ecuadors Erazo: Eine Sperre droht

Foto: AP/dpa

Jürgen Klinsmann verstand die Welt nicht mehr. "Wir waren nur die Reagierenden", sagte der Teamchef, "und wir finden es sehr schade, dass etwas aufgerollt wird, was zum einen abgeschlossen war. Und was zum anderen allein von den Argentiniern ausging."

Dieses "etwas" war ein Schlag von Torsten Frings im Getümmel nach dem gewonnenen Elfmeterschießen im WM-Viertelfinale 2006. Frings war damals nachträglich anhand von TV-Bildern für das Halbfinale gegen Italien gesperrt worden.

Acht Jahre später will die Fifa erneut etwas "aufrollen". Und wieder nehmen die Beschuldigten für sich in Anspruch, nur die Reagierenden gewesen zu sein.

"Ich habe nur versucht, mich zu schützen", beteuerte Frankreichs Mamadou Sakho nach dem 0:0 gegen Ecuador. Er wollte niemanden verletzen. Seinen Worten hatte er jedoch widersprüchliche Taten vorausgehen lassen. Vor einem Eckball umklammerte Ecuadors Oswald Minda seinen französischen Gegenspieler von hinten mit dem rechten Arm. Ein Foul, ja, aber kein tätlicher Angriff. Sakho "wehrte" sich, indem er Minda seinen Ellenbogen gegen den Kopf rammte.

Video

Später in der Partie setzte Sakhos eingewechselter Teamkollege Olivier Giroud zum Doppelfaustschlag gegen Frickson Erazo an. Beide Franzosen kamen ebenso ungestraft davon, wie am Tag zuvor Chiellini-Beißer Luis Suárez. Die Schiedsrichter und ihre Assistenten hatten die Tätlichkeiten nicht gesehen und daher nicht ahnden können. Das kann die Disziplinarkommission der Fifa nachholen, so sieht es Artikel 77 des Disziplinarkodexes vor (Hier geht's zum Dokument ). Zur Beweisführung können "Beweismittel jeder Art" eingereicht werden, also auch TV-Bilder, wie 2006 im Fall Frings.

Gegen den Uruguayer Suárez wird bereits ermittelt, Giroud und Sakho könnten folgen. "Wenn sie denken, dass ich eine Strafe erhalten muss, werden sie ihre Entscheidung eben so treffen", gab sich Sakho wenig schuldbewusst.

Suárez droht als Wiederholungstäter eine lange Sperre (Artikel 19.3 sieht eine Maximalsperre von 24 Spielen oder zwei Jahren vor) Sakho und Giroud müssten laut Kodex mindestens zwei Spiele aussetzen. In den in diesen Fällen entscheidenen Artikel 48 und 57 heißt es dort unter der Überschrift "Unkorrektes Verhalten gegenüber Spielern oder gegenüber anderen Personen als Spieloffizielle".

Diszilpinarkodex der Fifa

Auf 80 Seiten beschäftigt sich der Disziplinarkodex mit Verfehlungen und den Konsequenzen, doch das 21-köpfige Gremium unter der Leitung von Claudio Sulser - einem früheren Schweizer Fußball-Profi - ist frei in seiner Entscheidung und hat aufgrund mehrerer Paragrafen im Disziplinarkodex einen großen Interpretationsspielraum bei einer möglichen Bestrafung der Spieler.

So kann sich das Gremium mit seiner Entscheidung beliebig Zeit lassen. Bei den aktuellen Fällen kann aber mit einer zeitnahen Entscheidung gerechnet werden, schließlich spielt Uruguay schon am Samstag im WM-Achtelfinale gegen Kolumbien, Frankreich tritt Montag gegen Nigeria an (22 und 18 Uhr, beide Spiele im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE). Die Fifa sagte zur knapp bemessenen Zeit lediglich: "Die Kommission weiß, dass Uruguay noch im Turnier ist."

Theoretisch kann Suárez mit einem Einspruch die Sperre noch bis nach dem nächsten WM-Spiel herauszögern. Diesen könnte die Berufungskommission schnell ablehnen oder direkt an die höchste Instanz der Sportgerichtsbarkeit verweisen - den Internationalen Sportgerichtshof Cas. Dieser könnte rasch ein dann unanfechtbares Urteil fällen. Die Fifa-Regularien sehen in Paragraf 118 allerdings vor, dass Suárez keine Einspruchsmöglichkeit bei einer Sperre von weniger als drei Spielen oder zwei Monaten hätte. Mit einer Sperre für sechs Wochen könnte die Fifa den Stürmer zum Beispiel ohne Einspruchsmöglichkeit von der WM ausschließen.

In der Regel werden Sperren von der Fifa nur für gleichgelagerte Wettbewerbe ausgesprochen. Das heißt, eine Sperre aus einem Vergehen in einem Freundschaftsspiel gilt für folgende Freundschaftsspiele, aus einem Pflichtspiel für folgende Pflichtspiele. Wird dieses Verfahren wieder angewendet, wäre Suárez bei der WM gesperrt und eventuell in dann folgenden Pflichtspielen Uruguays bei der Copa America 2015 in Chile, für die es keine Qualifikationsspiele gibt. Scheidet Uruguay dort früh aus, könnte sich eine Strafe auch bis zur Qualifikation für die WM 2018 in Russland oder gar das Turnier selbst ziehen.

Sogar eine Sperre für Spiele mit dem FC Liverpool in der Premier League oder Champions League ist möglich. In Artikel 39.2 heißt es: "Der Geltungsbereich einer Sanktion kann auf eine geografische Region oder eine bestimmte Kategorie/bestimmte Kategorien von Spielen oder Wettbewerben begrenzt sein." Diese Kann-Bestimmung erlaubt auch den Umkehrschluss, also eine Ausweitung auf andere Regionen oder Wettbewerbe. In diesem Falle dürften der FC Barcelona und Real Madrid, die zuletzt bis zu 100 Millionen Euro für Suárez geboten haben sollen, ihre Offerten nochmal überdenken.

Mit Material von sid und dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.