Fußball-WM der Behinderten Die andere Nationalelf

Die deutschen Behinderten-Fußballer haben einen Traum: ähnlich gut abschneiden wie die Klinsmann-Elf. Heute beginnt in Duisburg die WM für Spieler mit Handicap. Eine einmalige Gelegenheit, um Nicht-Behinderten zu zeigen: Anders ist auch normal.

Von Jürgen Bröker


Die Vorfreude ist riesig. Mehr als 20.000 Zuschauer werden heute in der Duisburger MSV-Arena erwartet, wenn die deutsche Mannschaft um 12.15 Uhr das Eröffnungsspiel der 4. INAS FID Fußball-Weltmeisterschaft der Menschen mit Behinderung gegen Japan bestreitet. Vor so vielen Fans sind die meisten Nationalspieler noch nie angetreten. "Bei unseren Spielen sind gewöhnlich 100 oder 200 Zuschauer", sagt Mannschaftskapitän Guido Skorna. Und auch wenn er selbst schon bei der WM 2002 in Japan dabei war, bleibt der Auftritt im eigenen Land etwas Besonderes. "Wenn ich darüber nachdenke, bekomme ich Bauchschmerzen", so Skorna. So viel Aufmerksamkeit wie in den vergangenen Wochen hatte diese Nationalelf noch nie. Gleich zwei Kamerateams sind nach Kamen gekommen. Dort bereitet sich die Mannschaft von Trainer Willi Breuer auf die WM vor. Es dauert, bis alle Spieler ihre Schleifen gebunden haben und in voller Kluft vor dem Coach stehen. Es ist 9.15 Uhr. Breuer hält eine kurze Ansprache. Bevor er sie zum Warmlaufen schickt, sagt er noch: "Lasst die Leute einfach filmen und glotzt nicht die ganze Zeit in die Kameras."

20 Mann umfasst sein Kader. Seit 1992 ist Breuer Chefcoach. Er hatte damals das Team ins Leben gerufen. Es ist sein Team. An diesem Morgen steht Ballarbeit auf dem Trainingsplan. Den Jungs, die in den weißen Deutschlandhemden über den Rasen traben, sieht man die Behinderung nicht an. "Das macht es für Außenstehende so schwierig. Man muss sich mit den Menschen beschäftigen. Nur dann lernt man dieses Anderssein kennen", sagt Breuer.

Das ging auch den Vereinskollegen von Torwart Dirk Müller so. "Sie konnten erst gar nichts mit unserer Nationalelf anfangen. Dann haben wir ein Freundschaftsspiel vereinbart", sagt Müller. Er spielt in der Kreisliga für die Sportfreunde Hehlrath. Seit dem Vergleich interessieren sich die Vereinskollegen mehr für die andere Nationalmannschaft - trotz der Niederlage im Freundschaftsspiel. Wenn es geht, wollen sie ihren Torwart bei der WM im Stadion unterstützen.

Jeder Spieler in Breuers Nationalteam ist lernbehindert, hat einen Intelligenzquotienten von unter 75. Einige wie Skorna oder Müller kommen alleine zurecht. Viele benötigen aber Hilfe, um den Alltag zu bewältigen. "Ich habe einen hoch talentierten Spieler, der hat bis zur B-Jugend bei Alemannia Aachen gespielt. Er hat aber nie gelernt, sich an Regeln zu halten. Das kann er alleine nicht steuern", sagt Breuer.

Momentan ist der "tolle Spieler", so Breuer, ohne Verein. In England, 2002 Weltmeister, hätte er keine Chance auf einen Einsatz in der Nationalmannschaft. Dort ist es Bedingung, am Regelspielbetrieb teilzunehmen. Auf der Insel herrschen ohnehin andere Voraussetzungen. Der englische Trainer ist hauptamtlich beim Fußballverband angestellt. Breuer und sein Betreuerstab arbeiten auf Honorarbasis für den Deutschen Behinderten-Sportverband (DBS). Hauptberuflich arbeitet der 51-Jährige in einer Werkstatt für behinderte Menschen als Sportlehrer.

Das Niveau seines Teams sieht Breuer zwischen Kreisklasse und Bezirksliga. "Wir haben hier ein großes Leistungsgefälle", sagt er. Skorna etwa spielt für Rhenania Eschweiler in der Verbandsliga. Andere kicken aber nur für die Einrichtungen, in denen sie arbeiten oder leben. "Aber dafür sind meine Jungs mit dem Herzen dabei." Das gilt auch für Tufan Civelek. Der 22-Jährige spielt in der Kreisliga A für Kültürspor Datteln. Aber eigentlich müsste er längst höher spielen, sagt er.

Civelek kommt auf der linken Abwehrseite zum Einsatz. Zu seinen Lieblingsspielern zählt er Roberto Carlos und sich selbst. "Ich habe als Straßenfußballer angefangen. Da war ich vier oder fünf", erzählt er. Gerne wäre er Profi geworden. "Das habe ich leider nicht erreicht. Aber das war Pech." Civelek glaubt, dass die deutsche Mannschaft mit allen Gegnern mithalten kann. Er freut sich auf die WM. Seit er weiß, dass Christoph Daum morgen gegen Japan als Co-Trainer auf der Bank Platz nehmen wird, sogar noch ein Stück mehr.

Doch bevor es so weit ist, muss trainiert werden. Breuer bemüht sich um eindeutige Anweisungen. Dennoch wird der Mann mit den kurz geschorenen Haaren zuweilen von seinen Spielern missverstanden. In einer Begegnung lief einmal einer seiner Spieler allein auf den gegnerischen Torwart zu. "Ich habe ihm zugerufen: Spiel ihn aus", erinnert sich Breuer. Sein Spieler habe entsetzt zu ihm herüber geschaut. "Spiel ihn aus, habe ich noch mal gerufen." Dann schoss der Stürmer den Ball ins Seitenaus. "Mein Fehler", sagt Breuer heute, "ich habe nicht präzise genug formuliert." Mit "Spiel ihn aus" habe er natürlich gemeint, sein Stürmer solle den Torwart ausspielen.

"Er muss oft Sachen 100 Mal erklären"

Grundsätzlich schwierig sind Schulungen mit der Taktikttafel. "Die Spieler müssen es erlebt haben, damit sie sich etwas unter meinen Ansagen vorstellen können", sagt Breuer. Darin liegt der wesentliche Unterschied zum Training mit Nicht-Behinderten. Diese Arbeit kennt Breuer auch. Er ist ausgebildeter Fußballlehrer. Fünf Jahre lang hat er den Nachwuchs des 1. FC Köln betreut, eine Zeitlang auch Lukas Podolski. Jüngst schaute der Nationalspieler vom FC Bayern bei Breuers Training mit dem Auswahlteam vorbei.

Breuers Art kommt bei den Spielern an. "Ein cooler Typ", sagt Kapitän Skorna, "ich weiß gar nicht, wie er das so lange aushält mit uns. Er muss ja oft Sachen 100 Mal erklären, bis wir die verstehen." Für einige ist er sogar eine Art Ersatzvater. Viele Spieler stammen aus einem schwierigen Umfeld. Sie lernen erst im Kreis der Nationalmannschaft, was vernünftiges Sozialverhalten ist. Gleichzeitig finden sie ein enormes Maß an Selbstbestätigung.

Es sind auch solche Dinge, die Breuer seit Jahren an die Mannschaft bindet. "Ich fühle mich verantwortlich für meine Spieler, wie man sich verantwortlich für seine Kinder fühlt", sagt er. Natürlich möchte er gerne mit seiner Mannschaft ins Finale am 16. September in der Leverkusener BayArena einziehen, mindestens aber unter die letzten Vier kommen. Aber sportliche Ziele sind nur das eine. "Das öffentliche Interesse, das durch die Fifa-WM geweckt wurde, ist eine einmalige Chance, auf uns aufmerksam zu machen", sagt Breuer. Dazu sollen auch die Plakate beitragen, die in den Spielstädten aushängen. "Anstoß zur Begegnung" ist zu lesen. Und "Anders ist auch normal".



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