Start der Fußball-WM in Frankreich Wir machen das groß

In Deutschland bekommen Fußballspielerinnen nur die kleinen Bühnen und wenig Geld vom DFB. Zeit, dass sich das ändert. Es wäre möglich.

Kathrin Hendrich, Dzsenifer Marozsán und Melanie Leupolz (v.l.n.r.)
Maja Hitij/ Getty Images

Kathrin Hendrich, Dzsenifer Marozsán und Melanie Leupolz (v.l.n.r.)

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Sportlich zählen die deutschen Fußballerinnen immer noch zur absoluten Weltspitze. Bei der heute beginnenden Weltmeisterschaft mag es Teams geben, die noch etwas stärker einzuschätzen sind, zum Beispiel Gastgeber Frankreich oder die USA. Aber der zweifache Weltmeister und achtfache Europameister Deutschland hat gute Chancen, zumindest das Halbfinale zu erreichen.

Was den gesellschaftlichen Stellenwert des Fußballs betrifft, kann man sich dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass die Entwicklung in Deutschland stagniert, verglichen mit anderen Ländern.

Sicher, das berüchtigte Kaffeeservice, das die DFB-Frauen 1989 anstelle von Geld als Siegprämie für den EM-Titel bekamen, ist heute nur noch ein ironisches Zitat im Werbespot einer Bank. Doch die Kernaussage dieses gefeierten Werbespots lautet harmlos: "Wir wollen nur spielen".

Klar, es ist ein kommerzieller Werbespot und nicht das offizielle Mission Statement des DFB. Aber während der norwegische Verband seit zwei Jahren Frauen und Männern die gleichen Prämien zahlt und der niederländische Verband gerade beschlossen hat, die Zahlungen bis 2023 anzugleichen, will man beim DFB von solchen Plänen nichts wissen.

"Zufrieden sein mit dem, was man hat"

Anderswo lassen sich Spielerinnen so etwas nicht gefallen. Der dänische Verband musste 2017 ein WM-Qualifikationsspiel absagen, weil er nicht bereit war, den Spielerinnen die geforderten Prämien zu zahlen. 28 amerikanische Spielerinnen haben ihren Verband im März wegen geschlechtsspezifischer Diskriminierung verklagt, weil sie nicht die gleichen Bedingungen bekämen wie die Männer.

Daran ist beim deutschen Team nicht zu denken. "Man darf das nicht mit den Männern vergleichen", sagte zum Beispiel Nationalspielerin Verena Schweers im Vorfeld der WM dem SPIEGEL, und: "Man muss zufrieden sein mit dem, was man hat."

Im deutschen Fußball herrscht generell die Auffassung vor, es sei gerecht, wenn die ohnehin schon Reichsten auch die höchsten Prämien erhielten. Sei es die Tatsache, dass Bayern München jedes Jahr noch mehr TV-Gelder bekommt als alle anderen Klubs, sei es, dass die männlichen Nationalspieler, durch ihre Vereinsgehälter in der Regel Multimillionäre, vom gemeinnützigen Verband DFB fast fünfmal so hohe Prämien erhalten wie die Frauen, die teils noch neben dem Sport studieren oder arbeiten.

Es geht um Aufmerksamkeit

Aber es geht auch um mehr als Geld, es geht um Aufmerksamkeit. Der englische Verband (The Football Association, FA), früher selbst nicht gerade ein Frauenförderer, stellte seinen WM-Kader mit Videobotschaften von Prominenten vor. Unter anderem Prinz William, Emma Watson und David Beckham machten mit. Vor der WM hängte die FA im ganzen Land große Werbetafeln auf, es gibt 23 verschiedene Motive, für jede Spielerin eines. Zum englischen Pokalfinale kamen kürzlich mehr als 40.000 Fans, in Deutschland waren es 17.000.

Auch in Spanien, wo im März mehr als 60.000 Menschen ein Spiel zwischen Atlético Madrid und Barcelona sahen, oder in Italien (fast 40.000 bei Juventus) werden Spiele der Frauen inzwischen als Events in den großen Männerstadien zelebriert. Der VfL Wolfsburg hingegen wollte nicht einmal zum Champions-League-Spiel gegen Olympique Lyonnais, das beste Team der Welt, ins große Stadion umziehen. Und gab sich mit einer Kulisse von 5000 zufrieden.

Gewohnheiten kann man ablegen

Wie viel Aufmerksamkeit es für einen Sport gibt, das liegt auch an der Aufmerksamkeit, die Medien ihm widmen. Und da müssen wir bei SPIEGEL ONLINE selbstkritisch sagen: Wenn wir über Sport berichten, dann ist es zu 90 Prozent Männersport. Wie in vielen Redaktionen ist auch bei uns im Sportressort der Männeranteil wesentlich höher als in anderen Ressorts. Es gibt dafür keinen vernünftigen Grund, außer: Es war halt schon immer so.

Ab heute wird es jedenfalls nicht mehr so sein. Es läuft die Fußball-WM, das wichtigste Sportereignis des Jahres. Bei uns können Sie alle Spiele live verfolgen. Wir berichten aus Frankreich von den wichtigsten Spielen aus den Stadien, wir sprechen mit Spielerinnen, analysieren taktische Trends und werden auch die bunten Geschichten am Rande beleuchten. An Aufmerksamkeit wird es also von unserer Seite nicht mangeln.

Und vielleicht fällt Ihnen an unserer Berichterstattung auf, dass wir nicht länger von "Frauenfußball" schreiben. Schließlich ist es keine andere Sportart als das, was die Männer machen. Eigentlich soll das Turnier bei uns einfach nur "WM in Frankreich" heißen, aber schon jetzt merken wir, dass wir immer wieder den Zusatz "... der Frauen" verwenden, aus alter Gewohnheit. Aber Gewohnheiten kann man ja ablegen, man muss es sich nur vornehmen.



insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
frank_w_abagnale 07.06.2019
1.
Das Interesse und die Qualität im Frauenfußball sind einfach zu niedrig, um auch nur ansatzweise über Gleichberechtigung nachzudenken. Das ist nunmal Realität. Auch wenn das nicht Jeder/Jede einsehen mag.
papelbon 07.06.2019
2.
Außer unseren Staatsmedien interessiert sich niemand für Frauenfußball. Veröffentlichen sie doch mal die Zuschauerzahlen der Frauen Bundesliga. Da geht doch keiner hin. Was soll da denn "Groß" werden?
attacke! 07.06.2019
3. Und das Interesse des Volkes soll jetzt angeordnet werden?
Das Gejammer des Frauenfußballs über niedrigere Bezahlung und Aufmerksamkeit geht mir auf die Nerven. Seit Jahren wird doch mit sehr viel Geld und Lobbyarbeit seitens UEFA und FIFA versucht, Frauenfußball in die Märkte zu drücken. Man kann der Berichterstattung doch kaum entgehen. Mit letztlich noch geringem Erfolg. Jetzt wird die Gender-Gerechtigkeitskarte gespielt. Was bitte, sollen denn die Hunderten Leistungssportler zig anderer Sportarten sagen-Frauen wie Männer-, die Null Sendezeit und fast gar kein Geld bekommen? Turnen, Volleyball, Hockey. Kennt man da die Erfolge, Teamkapitäne usw.? Hier wird doch mit zweierlei Maß gemessen.
loverslane 07.06.2019
4. Doch...
es ist eine andere Sportart. Ihr fehlen insbesondere die notwendige Athletik und das Tempo der Herren. Es nützt nichts, hier eine Genderdebatte anzuzetteln, wenn das Produkt einfach nicht mit dem Männerfußball mithalten kann.
funkstörung 07.06.2019
5. fussball
warum soll ich etwas schauen was mich nicht interessiert. wenn selbst frauen lieber männerfussball schauen, dann wird man frauenfussball nicht feministisch aufladen können. manchmal sind die gesetze des marktes unerbitterlich.
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