Deutscher WM-Sieg gegen Spanien Reingegrätscht

Zweites Spiel, zweiter Erfolg. Doch die DFB-Elf kann bei der Fußball-WM weiterhin nicht überzeugen. Der deutsche Siegtreffer fiel auf groteske Weise - und sorgte dennoch für einen Rekord.

Robert Cianflone / Getty Images

Von


Szene des Spiels: Nach einer Flanke von Svenja Huth kam Alexandra Popp zum Kopfball, doch Spaniens Torhüterin Sandra Paños reagierte gut. Den Abpraller hätte Marta nach links klären können. Oder nach rechts. Oder irgendwohin. Sie wartete allerdings so lange und tat nichts, bis Sara Däbritz mit einem langen Bein den Ball ins Tor stochern konnte. "Ich habe darauf spekuliert, dass ich da noch hinkomme und einfach mal gegrätscht", so die Torschützin. Deutschlands Führung in der 42. Minute fiel so grotesk wie überraschend.

Ergebnis: Die DFB-Elf hat in Valenciennes ihr zweites Vorrundenspiel 1:0 (1:0) gegen Spanien gewonnen und steht damit so gut wie sicher im Achtelfinale. Hier geht es zum Spielbericht.

Die erste Hälfte: Spanien war von Beginn an das bestimmende Team mit den besseren Chancen: Nahikari vergab in der 6. und 14. Minute frei vor Almuth Schult, Silvia Meseguer ließ die Führung liegen, als sie nach einem schönen Durchlassen von Mariona nur knapp neben das Tor schoss (16. Minute). Jennifer Hermoso konnte Traumpässe spielen, wie sie wollte. Deutschland wackelte in der Abwehr, presste schlecht und lief meist nur hinterher. 258 Pässe spielten die gegenüber ihrem Auftaktmatch gegen Südafrika (3:1) stark verbesserten Spanierinnen in der ersten Hälfte, 131 die Deutschen. Die Führung war schmeichelhaft.

Sie fehlte: Dzsenifer Marozsán hatte sich im ersten Gruppenspiel gegen China einen Zehenbruch zugezogen und wird mindestens bis Ende der Vorrunde ausfallen. Ohne Deutschlands Topspielerin war Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg gezwungen, Theorie Praxis werden zu lassen. "Wir haben einen Plan A, B und wir haben auch einen Plan C", hatte Voss-Tecklenburg vergangene Woche gesagt.

Fotostrecke

12  Bilder
DFB-Erfolg über Spanien: Nicht geglänzt, aber gewonnen

Vieles neu in Spiel zwei: Neben Marozsán waren auch Carolin Simon und Melanie Leupolz nicht mit dabei, dafür rückten Lena Oberdorf, Lena Goeßling und Schweers ins DFB-Team. Auch Spaniens Trainer Jorge Vilda änderte Formation und Taktik: Statt des gewohnten 4-3-3 ließ er mit einem 4-3-2-1 spielen. Meseguer ersetzte Vicky Losada und Nahikari stürmte für Amanda Sampedro.

Die zweite Hälfte: Durch die Einwechslung von Klara Bühl vom Pokalfinalisten SC Freiburg entwickelte das deutsche Team mehr Gefährlichkeit im Angriffsspiel. Die 18-Jährige hatte in der 62. Minute auch die erste gute Gelegenheit im zweiten Durchgang. Im Gegenzug hatte Schweers Glück, dass ihr Foul als letzte Abwehrspielerin nicht mit einer Roten Karte geahndet wurde. Das DFB-Team nun mit Popp auf der Sechserposition und mehr Spielkontrolle, Spanien war nur noch selten offensiv gefährlich. Einzige Mini-Aufreger: ungefährliche Kopfbälle von Däbritz (76.) und Bühl (87.). Spanien hatte mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse und 7:2 Ecken - Deutschland gewann.

Nervös, aber gewonnen: "Wir waren sehr nervös und hatten zu Beginn Glück", beschönigte Voss-Tecklenburg nach der Partie mit hörbar angeschlagener Stimme nichts. Waren ihre Umstellungen nun Grund für den mangelnden Zugriff aufs Spiel oder Fundament für den Sieg? Die Qualität der Bundestrainerin bleibt nach wie vor eine offene Frage, die wohl erst in der K.-o.-Phase beantwortet wird.

Rekord im Vorbeigehen: Zwei schwer erkämpfte Siege gegen China und Spanien haben für einen neue WM-Bestmarke gesorgt: Die DFB-Elf ist nun seit 18 Vorrundenspielen (14 Siege, vier Remis) bei einer Weltmeisterschaft ungeschlagen.

Drohkulisse USA: Von den 24 WM-Teilnehmern qualifizieren sich 16 fürs Achtelfinale, selbst vier der sechs Gruppendritten bleiben im Turnier. Da könnte man mit der Klasse Deutschlands und Spaniens dem Ausgang der Partie eigentlich entspannt entgegen sehen. Doch Platz eins in der Gruppe ist wichtig, sehr wichtig. Als Gruppenzweiter droht nämlich das Duell mit den überragenden US-Amerikanerinnen, die nicht nur als Titelverteidiger ins Turnier gegangen sind, sondern auch ihre erste Aufgabe mit einem 13:0 (3:0) gegen Thailand beeindruckend gestalteten. Mit einem Punkt im abschließenden Gruppenspiel gegen Südafrika (Montag, 17. Juni, 18 Uhr, TV: ARD, Liveticker: SPIEGEL ONLINE) bliebe der DFB-Elf als Gruppensieger der härteste Achtelfinalgegner wohl erspart.

Deutschland - Spanien 1:0 (1:0)
1:0 Däbritz (42.)
Deutschland: Schult - Hendrich (46. Bühl), Hegering, Doorsoun, Schweers- Gwinn, Goeßling (80. Leupolz), Däbritz, Oberdorf (64. Magull) - Huth, Popp
Spanien: Paños - Marta, Paredes, María León, Corredera - Meseguer (66. Patri), Hermoso, Virginia - Mariona (59. García), Nahikari, Alexia (77. Aitana)
Schiedsrichterin: Kateryna Monzul (Ukraine)
Gelbe Karten: Schweers / -
Zuschauer: 20.761

insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
halverhahn 12.06.2019
1. Herren-DFB-Elf als Vorbild?
Bei vergangenen WMs oder EMs haben die DFB-Herren sich auch häufig erst durch die Vorrunde wurschteln müssen. Um sich dann noch steigern zu können wenn es um die wirkliche Wurst ging. Und häufig ging es dann noch bis zum Halb- oder gar ins Finale oder bis zum Turniersieg. Das hat ihr ja auch seinerzeit den Ruf als Turniermannschaft eingebracht. Evtl. haben die Damen ja auch diesen Turnier-"Geist"...
verruca 13.06.2019
2. Ich kann nicht anders ...
Gratulation vor allem an Frau MVT! Endlich mal ein Coach mit einem klaren Plan B! Ihre Umstellungen zeigten Wirkung und auch wenn die Deutsche Mannschaft wohl nicht wesentlich über's bereits gebuchte Achtelfinale hinauskommen wird, ist nach Steffi Jones immerhin ein helles Licht am Ende des Tunnels zu erkennen. Vielleicht sollte sich JL mal zu einem Gespräch mit Frau Voss-Tecklenburg zusammensetzen? Ich wette, dass da interessante Ideen und "AHA-Erlebnisse" daraus erwachsen könnten. Zumindest das beidseitig verquere Frisurendoppel-Unikat wäre ein aufsehenerregender Hingucker! (Ja, ich weiß: das war jetzt nicht politisch korrekt und hochgradig unsachlich. Aber trotzdem ...)
misterfreak 13.06.2019
3. Herren DFB Elf als Vorbild- hoffentlich nicht....
.....Da war doch etwas in Russland? Die Damenmannschaft hat doch jetzt schon mehr erreicht und besteht aus jungen Spielerinnen - vielleicht sollte es umgekehrt gehalten werden mit dem Vorbild
Hadinger 13.06.2019
4. Besser reingegrätscht, als gar nicht
Auf den Kommentar von Claudia Neumann "Spanien spielt so elegant", hatte meine Frau die richtige Antwort "Wieso Eleganz, im Fußball geht es doch um Tore...". Bis auf die ersten 15-20 Minuten habe ich von Spanien kaum mehr wirkliche Chancen gesehen. Natürlich hatten sie mehr Ballbesitz und das Pressing war auch nicht von schlechten Eltern. Aber mit zunehmender Spieldauer hat Deutschland mit der geradlinigen Spielweise die besseren Chancen herausgearbeitet. Und das gegen Spanien, die in der Qualifikation 2 Tore kassiert haben.
Lisa_can_do 13.06.2019
5. in allen Medien
grenzwertige Berichterstattung. Im SPON nach allen anderen Sportmeldungen, in der Zeit wird die Torschützin als "Rammziege" bezeichnet, als sie beim Torschuss beschrieben wird. So viel wie die Frauenmannschaft hat das Männerteam letztens nicht geschafft. Und die Siege ohne große Fouls, mit viel Willen, ohne Doping, einer tollen Einstellung - alles eben, was bei den Männern fehlt. Aber Deutschland ist wohl noch rückständiger als die Schweiz.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.