Das DFB-Team vor dem WM-Start In bester Stimmung, aber noch einiges zu tun

Die deutschen Fußballerinnen wollen um den WM-Titel spielen. Der Sieg gegen Chile bestätigte ihre Favoritenrolle jedoch noch nicht. Es gibt ein paar Dinge, die das DFB-Team bis zum WM-Start in einer Woche verbessern muss.

Nationalspielerin Alexandra Popp (Mitte) feiert ihr Tor
Getty Images

Nationalspielerin Alexandra Popp (Mitte) feiert ihr Tor

Aus Regensburg berichtet


Die deutschen Nationalspielerinnen sind euphorisiert. Wer die Frage stellt, warum das DFB-Team zum dritten Mal eine Weltmeisterschaft gewinnen könnte, bekommt sinngemäß immer die gleiche Antwort: "Weil der Teamgeist, die Stimmung und die Mischung im Team ganz besonders sind." Der 2:0-Sieg im letzten Testspiel gegen Chile taugte dann auch nicht, um die Euphorie abzumildern. Weniger wegen der Leistung, eher schon wegen der ungewohnten Begeisterung in dem mit 10.135 Zuschauern gut gefüllten Regensburger Stadion.

"Es war eine richtig geile Kulisse", sagte Torschützin Carolin Simon. Und für Abwehrspielerin Marina Hegering stand fest: "Die Stimmung nehmen wir mit nach Frankreich." Am 8. Juni startet Deutschland gegen China in die insgesamt achte Weltmeisterschaft (15 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD). Bis dahin ist noch viel zu tun, das wollten weder die Spielerinnen noch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bestreiten. Denn mit guter Stimmung allein ist noch niemand Weltmeister geworden.

Mehr als nur der letzte Pass

Chile nimmt erstmals an einer Weltmeisterschaft teil. Das Team wurde vom DFB bewusst als letzter Gegner ausgewählt, weil in der Gruppe mit China und Südafrika und womöglich auch im Achtelfinale Spiele mit ähnlichen Herausforderungen anstehen: Tief stehende Gegnerinnen, kompaktes Zentrum, Konter als einzig offensiver Plan. Umso wichtiger ist es, eine klare Struktur im eigenen Spiel zu haben - das hat das DFB-Team gegen Chile jedoch nur phasenweise gezeigt.

Für die Spielerinnen waren die Problemstellen schnell ausgemacht: der letzte Pass oder die Flanke ins Angriffszentrum. Doch das ist zu kurz gedacht. Denn schon die Zuspiele unmittelbar vor dem letzten Pass müssen präzise und mit der nötigen Härte gespielt sein, um der Empfängerin einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Insgesamt war das Spiel sehr breit angelegt, was gegen solche Abwehrreihen ein probates Mittel ist. Dann müssen die Außenbahnspielerinnen aber bis zur Grundlinie laufen und dann auch mal in den Rücken der Abwehr passen. Das fehlte gegen Chile komplett.

Schwachstelle linke Außenbahn

Voss-Tecklenburg hat es in ihrer nun halbjährigen Amtszeit geschafft, dem deutschen Team zu mehr Flexibilität in taktischer Hinsicht zu verhelfen. Die 51-Jährige betont allerdings, nicht in Spielsystemen zu denken, sondern ihren Spielerinnen "Leitlinien und Prinzipien" mit auf den Weg zu geben, die unabhängig von der taktischen Formation greifen sollen. Trotzdem bleibt das auch gegen Chile gespielte 4-4-2 mit breiter Spielanlage die bevorzugte Aufteilung.

Einziges Problem: Voss-Tecklenburg hat noch nicht die richtige Besetzung für die linke Außenbahn gefunden. Gegen Chile begann dort Lea Schüller, die als gelernte Zentrumsstürmerin Flanken eher verwerten denn schlagen kann. Linda Dallmann besetzte die Position in der zweiten Hälfte, zog aber immer wieder in die Mitte. Vielleicht muss die Bundestrainerin weiter experimentieren, Turid Knaak und Verena Schweers sind weitere Kandidatinnen für die linke Seite.

Defensives Umschaltspiel

Chile war letztlich zu schwach, um das Problem kenntlich zu machen. Doch gegen bessere Teams - und dazu zählt China im ersten WM-Spiel - wird die Rückwärtsverteidigung mehr Bedeutung bekommen. Gegen den WM-Neuling aus Südamerika leistete sich das DFB-Team im Zentrum ein paar Ballverluste, war in der Folge schlecht gestaffelt und hatte bei einer knappen Abseitsentscheidung Glück, denn sonst wäre eine chilenische Angreiferin frei vor Torhüterin Almuth Schult aufgetaucht.

Die Form der zentralen Achse

Schult gehört wie Sara Däbritz, Melanie Leupolz, Dzsenifer Marozsán und Alexandra Popp zu den Spielerinnen, die sich eines Stammplatzes sicher sein können. "Alle sollen Verantwortung übernehmen", sagt Voss-Tecklenburg, "aber es ist wichtig, eine zentrale Achse zu haben". Das hat auch mit Erfahrung zu tun, denn abgesehen von Lena Goeßling und Leonie Maier hat dieses Quartett die mit Abstand meisten Länderspiele absolviert.

Bis auf Däbritz trägt Voss-Tecklenburgs Achse jedoch noch einige kleine Probleme mit sich herum. Schult hatte Schulterprobleme, die scheinen auskuriert zu sein. Leupolz war zuletzt auch nicht ganz fit, die im Verein teilweise defensiver eingesetzte Popp muss sich wieder an ihre Rolle im Sturmzentrum gewöhnen. Und dann ist da noch Marozsán, die in Lyon wieder eine exzellente Saison gespielt hat, beim Nationalteam aber immer noch zu häufig Mitläuferin ist.

Für den WM-Titel braucht Deutschland eine Marozsán in Bestform. Dann kommt das mit der Euphorie von ganz allein.

Deutschland - Chile 2:0 (2:0)
1:0 Popp (29.)
2:0 Simon (45.+2)
Deutschland: Schult - Gwinn (72. Knaak), Doorsoun, Hegering (46. Oberdorf), Simon - Leopolz (61. Magull), Däbritz (60. Goeßling) - Huth, Marozsán (71. Bühl), Schüller (46. Dallmann) - Popp
Chile: Endler - R. Soto, Sáez, Guerrero (46. López), Galaz - Araya - Aedo, Lara - Zamora, Urrutia (57. Rojas), Balmaceda (90. Huenteo)
Schiedsrichterin: Lehtovaara
Gelbe Karten:
Gwinn, Simon
Zuschauer: 10.135



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Martin Karl Konrad 31.05.2019
1. Euphorisiert?
Warum die deutschen Nationalspielerinnen euphorisiert sein sollen, erschließt sich mir nicht. Der Sinn des Fußballspiels ist es, Tore zu schießen und dazu wäre der ein oder andere Abschluss eines Spielzuges mehr notwendig gewesen. Eine beherzte Aktion von Alexandra Popp und eine verirrte Flanke von Carolin Simon waren einfach zu wenig für so ein dominant geführtes Spiel ...
tanti.s 31.05.2019
2. Glück gehabt
Drückend überlegen und nur durch zwei Treffer, einer davon mehr oder weniger Zufall, gewonnen. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ein frühes Gegentor sie in Rückstand gebracht hätte. Und die Gegner in der Vorrunde werden da sicher nicht so harmlos sein wie Chile.
Karla Winterstein 31.05.2019
3. Lena Oberdorf gehört in die Startelf
Dem Spiel selber kann man nicht viel Aussagekraft zugestehen. Die Mannschaft befindet sich halt noch mitten in einer recht kurzen Vorbereitungsphase. Abgesehen von den viel zu wenigen Schussversuchen von der Strafraumgrenze aus, was sich wirklich ändern muss, muss man halt abwarten. Eine Sache würde ich allerdings begrüssen: Lena Oberdorf gehört mit ihrer Technik, Abgeklärtheit, Passgenauigkeit und Torgefährlichkeit in die Startelf, am besten wohl ins defensive Mittelfeld.
ray05 31.05.2019
4.
Zitat von Karla WintersteinDem Spiel selber kann man nicht viel Aussagekraft zugestehen. Die Mannschaft befindet sich halt noch mitten in einer recht kurzen Vorbereitungsphase. Abgesehen von den viel zu wenigen Schussversuchen von der Strafraumgrenze aus, was sich wirklich ändern muss, muss man halt abwarten. Eine Sache würde ich allerdings begrüssen: Lena Oberdorf gehört mit ihrer Technik, Abgeklärtheit, Passgenauigkeit und Torgefährlichkeit in die Startelf, am besten wohl ins defensive Mittelfeld.
Ja, stimmt. Platzierte Schüsse aus 16 bis 18 Metern dürften im Frauenfussball die größte Torwahrscheinlichkeit haben, schon allein, weil es nur sehr wenige gute Torhüterinnen gibt, die platzierte Schüsse abwehren können. Nur ist es halt schwer eine Lücke auszumachen für einen solchen Abschluss, wenn sich der Gegner in voller Stärke zentral vor seinem Tor verschanzt und auch die eigenen Stürmerinnen unnütz im Strafraum stehen und den Durchblick für Korridore zusätzlich versperren. Ganz generell würde ich sagen, dass im Frauenfußball die taktischen Herangehensweisen des Männersports viel zu sehr einfach 1:1 kopiert werden, obwohl die Frauenvariante ganz anders zu funktionieren scheint. Treudeutsches Flügelspiel a la Männer bringt nicht viel, wenn die obligatorische (Bananen)flanke blind in den Strafraum gespielt wird und dann fast drei Sekunden braucht, bis sie dort aufschlägt. Dies nur als Beispiel dafür, dass Methoden, die für den naturgemäß dynamischeren und athletisch-schärfer exekutierten Männersport entwickelt wurden, für die Frauenvariante durchaus keine Lösung sein könnten.
jottwede22 31.05.2019
5. Diese WM elektrisiert ganz Deutschland
...zu recht beste Sendezeit im Fernsehen, Analysen, Vor- und Nachberichterstattung. 5 Forenbeiträge seit 06:49 heute Morgen. Diese WM sprengt schon jetzt alles bisher dagewesene!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.