Fußball-WM Kamerun droht Strafe nach Eklat gegen England

Im WM-Achtelfinale gegen England hatten sich Kameruns Fußballerinnen minutenlang geweigert, weiterzuspielen. Die Fifa prüft nun Maßnahmen gegen den Verband.

Immer mitten im Geschehen: Kameruns Gabrielle Onguéné (Mitte)
Marc Atkins / Getty Images

Immer mitten im Geschehen: Kameruns Gabrielle Onguéné (Mitte)


Die Disziplinarkommission des Fußball-Weltverbands (Fifa) hat nach dem Achtelfinale der Weltmeisterschaft zwischen England und Kamerun (3:0) Ermittlungen aufgenommen. Im Mittelpunkte steht das Verhalten der kamerunischen Spielerinnen, das Strafen für den Verband nach sich ziehen könnte.

Das Team aus Kamerun hatte nach Entscheidungen des Schiedsrichterteams um Liang Qin aus China mehrfach vehement protestiert und durch die Androhung, das Spielfeld vorzeitig zu verlassen, das Spiel bei zwei Gelegenheiten gestört und verzögert. Zudem spuckte Verteidigerin Augustine Ejangue Englands Stürmerin Toni Duggan auf den Arm - eine Verfehlung, die ungeahndet blieb.

Was war passiert?

Vor dem 1:0 der Engländerinnen nahm Torhüterin Annette Ngo Ndom einen Rückpass von Verteidigerin Ejangue mit der Hand auf. Den indirekten Freistoß nutzte Englands Kapitänin Steph Houghton zur Führung. Während die kamerunische Seite diese Entscheidung zwar kritisierte - jedoch akzeptierte -, sorgte vor allem das zweite englische Tor für Ärger.

Zunächst entschied das Schiedsrichter-Team beim Treffer von Ellen White auf Abseits, erklärte das Tor nach Ansicht der Videobilder jedoch zu Recht für gültig. Die Spielerinnen aus Kamerun weigerten sich minutenlang, das Spiel fortzusetzen. Die fehlende Transparenz der Entscheidungen sorgte während der WM einmal mehr für Ärger. Kameruns Kapitänin Gabrielle Aboudi Onguéné überzeugte ihr Team, das Spiel dennoch fortzusetzen.

Fassungslosigkeit bei Torschützin Ajara Nchout
John Walton / DPA

Fassungslosigkeit bei Torschützin Ajara Nchout

Erneuten Ärger, einen Schubser gegen die Schiedsrichterin und die wiederholte Drohung, das Spiel abzubrechen, gab es, als nach der Pause der Treffer durch Kameruns Nchout Ajara zurückgenommen wurde. Doch auch hier ging es nach einigen Minuten weiter.

"Die Schiedsrichterin will, dass England heute siegt"

Bereits in der Halbzeit soll Kameruns Trainer Alain Djeufema gesagt haben, "die Schiedsrichterin will, dass England heute siegt", verriet Kameruns Mittelfeldspielerin Raissa Feudjio. Die 23-Jährige sah kein grobes Fehlverhalten ihres Teams und sagte nach dem Spiel, sie habe "das Gefühl, dass der Videobeweis sich nur gegen die afrikanischen Teams richtet". Am Vortag, beim 3:0-Sieg Deutschlands gegen Nigeria, hatte es eine fragwürdige VAR-Entscheidung zu Ungunsten des afrikanischen Teams gegeben.

Kameruns Trainer Alain Djeumfa
Phil Noble 7 REUTERS

Kameruns Trainer Alain Djeumfa

Trainer Djeumfa nannte die Niederlage Kameruns ein "Fehlurteil" und griff Schiedsrichterin Qin direkt an. Seiner Ansicht nach hätten "die Offiziellen etwas anderes gewollt" als einen Sieg Kameruns. Der 46-Jährige gestand ein, dass seine Spielerinnen "ein wenig die Beherrschung verloren" hätten, sagte jedoch: "Natürlich bin ich frustriert. Aber im Fußball geht es um Fairplay und das haben wir gezeigt."

Isha Johansen, Vorsitzende des Komitees für den Fußball der Frauen beim Afrikanischen Fußballverband (CAF), kündigte neben der regulären Prüfung des Spiels durch die Disziplinarkommission der Fifa eine Untersuchung durch ihre Abteilung an. Johansen, die ebenfalls Vorsitzende des Fußballverbands von Sierra Leone ist, sagte: "Während wir unverändert stolz auf unsere afrikanischen WM-Teilnehmer sind, warf das gestrige Spiel zwischen England und Kamerun nicht nur ein schlechtes Licht auf den Fußball der Frauen in Afrika, sondern den Fußball in Afrika insgesamt."

Beim Weltverband Fifa gibt es nicht nur kritische Stimmen zum Auftreten der Spielerinnen aus Kamerun. Generalsekretärin Fatma Samoura bemängelte zwar ihr Verhalten im Spiel gegen England, schrieb jedoch auch auf Twitter, das Team hätte im Turnier mit ihrem leidenschaftlichen Spiel "ihre Fans und ihr Land stolz gemacht und viele junge Mädchen inspiriert".

tip/AP/Reuters



insgesamt 9 Beiträge
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whitewisent 24.06.2019
1.
Ich stelle mit einiger Bestürzung fest, dass der Alltagsrassismus auf allen Seiten immer noch verbreitet ist. Wenn man die Spielerinnen aus Kamerun bzw. Afrika nicht ernst nimmt, ist das genauso wie das alte Verständnis gegenüber den "Wilden", die es einfach nicht besser wissen.Und scheinbar fordern selbst afrikanische Verantwortliche eine solche Sonderrolle. Das Berühren der Schiedsrichterin ist TABU, und diese Dauerdiskutiererei ein Übel, egal ob Kreisklasse oder WM. Es geht nunmal um Tatsachenentscheidungen, und nicht, daß eine Mannschaft per verbalen Druck eine Änderung von Entscheidungen will. Der Videobeweis ist prinzipiell gut. Bei solchen Events und Elitefußball sollte aber üblich werden, dass Vereins/Verbandsverantwortliche die Entscheidungen direkt verfolgen können. Denn es kann eben gerade nicht sein, dass die durch eine TV-Übertragung die Analyse und damit ggf. ein anderes Ergebnis bereits kennen, was dann gekippt wird. Dürfte wirkungsvoller sein, als hier nun Sonderregeln und Dauerdiskussionen zu begrüßen. Das klappt nur beim Fußball und Eishockey.
ott.burgkunstadt 24.06.2019
2. Wertschätzung
der Spielerinnen/Spieler auch und gerade durch FIFA-Funktionäre - die ohnedies nicht im besten Ruf stehen - wäre vielleicht ein guter Anfang. Nicht über die Spielerinnen reden sondern mit den Spielerinnen? Aber so etwas kommt gottgleichen Fußballfunktionären natürlich nicht in den Sinn. Nicht nur verfügen, sondern erklären! Dient allgemein im menschlichen Umgang miteinander der Befriedung.
achim21129 24.06.2019
3. Als Fussball Laie ...
... aber leidenschaftlicher WM TV Zuschauer muss ich mal sagen, der Videobeweis nervt enorm! Ich hab das Gefühl, der hat nix nach vorn gebracht. Die teilweise sehr häufigen Unterbrechungen nerven extrem und stören den Spielfluss. Zudem hab ich das Gefühl, die Diskussionen haben eher zu als abgenommen. Aus meiner Wahrnehmung ein vollkommen sinnloser High Tech Einsatz.
Gissfred 24.06.2019
4. Der Videobeweis mag nerven...
.. hat aber in allen überprüften Fällen die Wahrheit ans Licht gebracht und die richtige Entscheidung herbeigeführt. Das Verhalten der Kameruner Spielerinnen war schlicht und ergreifend unprofessionell.
dt1700744 24.06.2019
5. Die Fußballfrauen aus Kamerun bestrafen? Ein Skandal.
Die Spielerinnen aus Kamerun sahen, dass die Linienrichterin auf Abseits entschieden hat. Die Videoschiedsrichter sahen es anders und funkten der Schiedsrichterin zu, dass der Treffer korrekt war. Niemand, selbst die Engländerinnen wussten, was entschieden wurde, da es keine Information gab. Alle sahen dann nur, dass es eine Entscheidung zugunsten Englands gab, das Tor wurde gegeben. Selbst die englische Totschützin war überrascht. Den Frauen aus Kamerun war nicht klar, was geschah. Die Schiedsrichterin informierte dann erst die Spielführerin der Kameruner, diese wiederum erklärte es ihren Spielerinnnen. So what? Dafür eine "Bestrafung"? Wie wäre es denn, wenn diese Entscheidungen für alle, also auch den Zuschauern, kommuniziert würden? Das scheint mir eine einfache Lösung zu sein.
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